Muss Tricia Tuttle gehen? Krisensitzung zur Berlinale einberufen

Ist ihre Zeit schon wieder vorbei?

Tricia Tuttle bei ihrer Vorstellung als neue Leiterin der Berlinale (Foto: Sebastian Christoph Gollnow/dpa)
Tricia Tuttle bei ihrer Vorstellung als neue Leiterin der Berlinale (Foto: Sebastian Christoph Gollnow/dpa)

Nach Debatten um den Nahostkonflikt bei der Berlinale beruft Kulturstaatsminister Wolfram Weimer eine ausserordentliche Sitzung ein. Dort wird auch über die Zukunft der lesbischen Chefin Tricia Tuttle gesprochen.

Von Julia Kilian und Lisa Forster, dpa

Bleibt Tricia Tuttle Chefin der Berlinale? Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat eine ausserordentliche Sitzung zur Ausrichtung der Filmfestspiele einberufen. Sie soll am Donnerstagvormittag stattfinden, wie sein Sprecher bestätigte. Zuvor hatte die Bild-Zeitung berichtet. Hintergrund sind Auseinandersetzungen zum Nahostkonflikt während des Festivals. Es soll laut Kreisen auch über die Zukunft von Tuttle gesprochen werden.

«Es soll eine Aussprache zur Ausrichtung der Berlinale geben. Zu weiteren Spekulationen äussern wir uns nicht», teilte ein Sprecher von Weimer mit. Auf Initiative des Kulturstaatsministers treffen sich die Führungsgremien der für die Berlinale zuständigen Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH (KBB). Weimer ist Vorsitzender des Aufsichtsrats.

Die Bild-Zeitung berichtete, Tuttle solle abgelöst werden. Weimer und Tuttle seien sich demnach einig, dass es mit Tuttle an der Spitze des renommierten Filmfestivals nicht weitergehen könne. Aus Kreisen hiess es, Tuttle habe selbst ihre Zukunft bei der Berlinale in Frage gestellt. Die Berlinale selbst äusserte sich zum Bericht der Bild-Zeitung nicht weiter, sondern teilte mit, die Festspiele seien über die Sitzung informiert worden.

«Der Umgang mit Tricia Tuttle und einige Medien-Berichte zu ihrer Person sind eine Zumutung.»

Sven Lehmann, Grüne

Der Grünen-Kulturpolitiker Sven Lehmann hat Kulturstaatsminister Wolfram Weimer aufgefordert, im Umgang mit der Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle schnell für Klarheit zu sorgen. «Der Umgang mit Tricia Tuttle und einige Medien-Berichte zu ihrer Person sind eine Zumutung. Das entspricht auch nicht ihren Leistungen als Berlinale-Chefin», teilte Lehmann der Deutschen Presse-Agentur auf Anfrage mit.

Bei aller berechtigten Kritik erwarte er einen anständigen Umgang und Anerkennung ihrer Leistungen für den Film, erklärte der einstige Queer-Beauftragte weiter. «Und ich erwarte eine selbstkritische Haltung auch der Bundesregierung.»

Regisseur kritisierte deutsche Haltung zum Gaza-Krieg Hintergrund sind laut «Bild»-Zeitung propalästinensische Auftritte während des Festivals. Der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib hatte für «Chronicles From the Siege» einen Preis für das beste Spielfilmdebüt gewonnen und verband seine Dankesrede mit scharfer Kritik an der Haltung der Bundesregierung im Gaza-Krieg. Die Bild veröffentlichte auch ein Foto, das Tuttle während der Berlinale mit Alkhatib zeigt. Mitglieder des Filmteams halten darauf die palästinensische Flagge hoch.

Der deutschen Regierung warf Alkhatib bei der Preisverleihung vor, sie sei faktisch Partner «des Völkermords im Gazastreifen». Bundesumweltminister Carsten Schneider verliess daraufhin den Saal. Israels Regierung streitet ab, im Gazastreifen Völkermord zu begehen – das ist auch die Position der deutschen Regierung – und spricht von Selbstverteidigung nach dem Terrorangriff islamistischer Extremisten auf den jüdischen Staat am 7. Oktober 2023.

Debatte um den Nahostkonflikt Die Berlinale zählt zu den grossen Filmfestivals. In diesem Jahr hatte es während der Filmfestspiele mehrfach Debatten gegeben, inwiefern sich das Festival und Filmschaffende zum Nahostkonflikt positionieren müssen.

So hatten rund 80 Filmschaffende - darunter Tilda Swinton und Javier Bardem - kritisiert, die Berlinale positioniere sich nicht ausreichend im Gaza-Krieg (MANNSCHAFT berichtete). Sie warfen dem Festival in einem offenen Brief vor, propalästinensische Stimmen zu zensieren. Die Berlinale wies den Zensurvorwurf zurück. Weimer stellte sich damals hinter Tuttle und den diesjährigen Jurypräsidenten Wim Wenders.

Nach der Preisverleihung am Samstagabend liess Weimer mitteilen, die «Pali-Aktivistenszene hat auf der Berlinale mit Israel-Hass, Aggressivität und Bekenntnisnötigungen ihre hässliche Fratze gezeigt». Es seien Juryarbeiten und Preisverleihungen für politische Destruktion missbraucht worden.

Zu den Vorwürfen Alkhatibs sagte Weimer, diese «Falschbehauptungen sind bösartig und vergiften die politische Debatte». Tuttle und Wenders hätten diese Festivalausgabe «unter besonderen weltpolitischen Herausforderungen feinfühlig, grundliberal und künstlerisch anspruchsvoll gestaltet».

Abschlussgala sorgte schon 2024 für Kontroverse Die US-Amerikanerin Tuttle übernahm die Berlinale im April 2024, sie hatte vorher das Filmfestival in London geleitet. In Berlin folgte sie auf das Führungsduo Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek, das sich die Aufgaben geteilt hatte. Tuttle leitete die Berlinale damit zum zweiten Mal.

Der Nahostkonflikt hatte die Berlinale auch in den vergangenen Jahren beschäftigt. So war das Festival zum Beispiel nach der Abschlussgala im Februar 2024 dafür kritisiert worden, dass einzelne Preisträger*innen das Vorgehen Israels im Gazastreifen massiv kritisiert hatten, ohne den Terrorangriff der islamistischen Hamas vom Oktober 2023 zu erwähnen. Es folgte eine Debatte bis hin zu Vorwürfen von Antisemitismus.

Tuttle ist mit Briony Hanson zusammen, die das British Council’s Director of Film leitet. Gemeinsam wurden sie 2019 vom britischen Independent zum queeren Power Couple Nr. 1 gekürt, noch vor Tom Daley und Dustin Lance Black.

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