Muss man sich als Filmstar politisch äussern?
Der Nahostkonflikt, die Lage in den USA: Müssen Filmschaffende dazu öffentlich Haltung zeigen? Die Berlinale veröffentlicht einen Appell - und ein Experte warnt vor Gesinnungsprüfung.
Von Lisa Forster, Sabrina Szameitat, Ursula Winkler und Julia Kilian, dpa
Es wird zunehmend zu einer Grundsatzfrage der Berlinale: Wie viel Haltung erwartet man von einem Festival, das sich als Forum gesellschaftlicher Debatten versteht? Und sind Schauspieler*innen und Regisseur*innen eigentlich verpflichtet, zu aktuellen Konflikten öffentlich Stellung zu beziehen?
Das Thema zieht sich wie ein roter Faden durch die ersten Tage des Festivals. Auf Pressekonferenzen werden internationale Stars zu ihrer politischen Haltung befragt, sei es zum Nahostkonflikt oder zur Lage in den USA. Meist weichen die Schauspieler*innen aus. Am Wochenende schaltete sich die Festivalspitze ein und stellte sich schützend vor die Filmschaffenden.
Festivalchefin schaltet sich ein
Berlinale-Chefin Tricia Tuttle führte in einem langen Beitrag aus, bei dem Festival sei der Ruf nach freier Meinungsäusserung laut geworden - und es finde freie Meinungsäusserung statt. «Doch zunehmend wird von Filmschaffenden im Festival erwartet, jede an sie gerichtete Frage zu beantworten», schrieb sie
«Sie werden kritisiert, wenn sie nicht antworten. Sie werden kritisiert, wenn sie antworten und ihre Antwort einem nicht gefällt. Und sie werden kritisiert, wenn sie komplexe Gedanken nicht in einen kurzen Soundbite verdichten können, sobald ihnen ein Mikrofon vorgehalten wird, obwohl sie eigentlich in einem ganz anderen Zusammenhang sprechen wollten.» Künstler*innen seien frei, ihr Recht auf freie Meinungsäuserung so auszuüben, wie sie selbst entscheiden.
Als Rupert Grint («Harry Potter») zum Beispiel nach der Lage in seinem Heimatland Grossbritannien gefragt wird, sagt er, er suche sich die Momente aus, in denen er sich äussere. Und fügte dann nach ein paar Worten noch an: «Sie werden von mir hören».
Kulturelle Veranstaltungen als moralische Foren
Gleich zu Beginn hatte ein Journalist der Berlinale vorgeworfen, sich mit Menschen im Iran und in der Ukraine solidarisiert zu haben, nicht aber mit Palästinensern. Er fragte die Jury, ob sie vor dem Hintergrund, «dass die deutsche Regierung den Völkermord in Gaza unterstützt und Hauptgeldgeber der Berlinale ist, diese selektive Behandlung der Menschenrechte» unterstütze. Israel streitet ab, im Gazastreifen einen Völkermord zu begehen. Auch die Bundesregierung stuft das Vorgehen des israelischen Militärs nicht so ein.
Jurypräsident Wim Wenders antwortete, sie könnten sich nicht auf das Feld der Politik begeben. Filmschaffende müssten sich aus der Politik heraushalten, sie seien ein Gegengewicht zur Politik. Das führte dazu, dass die indische Schriftstellerin Arundhati Roy ihre Teilnahme an der Berlinale absagte.
Die Berlinale macht deutlich, dass kulturelle Veranstaltungen zunehmend als moralische Foren verstanden werden. Dabei wächst auch die Erwartung an Prominente, Haltung zu zeigen. Doch ist das eigentlich fair?
Frage an den Publizisten und Wissenschaftler Meron Mendel, der antwortet: «Meinungsfreiheit beinhaltet auch die Freiheit, nichts zu sagen.» Vor allem von Prominenten werde erwartet, ständig zu allem eine Position zu haben.
«Form der Gesinnungsprüfung»
«Man hat die Freiheit sich zu entscheiden: Wozu will ich Stellung beziehen? Wo fühle ich mich in der Lage, eine informierte Position zu beziehen? Seine Meinung für sich zu behalten, ist auch ein demokratisches Recht. Prominente haben das Recht, unpolitisch zu sein - oder ihre Meinung für sich zu behalten. Oder nur für manche Themen eine Meinung zu haben und nicht zu allen möglichen.»
Mendel sieht im öffentlichen Diskurs eine «Form der Gesinnungsprüfung»: «Es gab früher nicht die Erwartung, dass jeder zu allem immer eine Meinung haben muss. Zu glauben, dass Leute zu allem eine Meinung haben können, ist eine Illusion.» Er beschreibt das als «Abgrund der Diskussionskultur», der aus den sozialen Medien ins gesamte öffentliche Leben hinüberschwappe.
Angespannte Stimmung
Mit Blick auf die Berlinale beschrieb Jurypräsident Wenders es so: Man müsse für die Menschen arbeiten, nicht für die Politiker. Kunst als Gegenentwurf zur Tagespolitik, nicht als deren Verlängerung.
Andererseits: Künstler geniessen öffentliche Aufmerksamkeit, ihre Worte haben Gewicht. Gerade auf internationalen Bühnen wie der Berlinale werden Statements weltweit wahrgenommen. Wer schweigt, sendet womöglich ebenfalls ein Signal. So argumentieren jene, die von prominenten Gästen eine klare Haltung erwarten.
Gerade der Nahostkonflikt ist es, der in der Kulturszene zu Verwerfungen geführt hat. Bei der Berlinale war es vor zwei Jahren zu einem Eklat bei der Preisverleihung gekommen, aber auch aus anderen Branchen hört man das. Die Fronten scheinen verhärtet, Dialoge schwer.
Dass Schriftstellerin Roy ihren Besuch absagte, werde respektiert, teilte eine Sprecherin der Berlinale mit. «Wir bedauern, dass wir sie nicht willkommen heiien werden, da ihre Anwesenheit den Festivaldiskurs bereichert hätte.»
Was sagen Filmschaffende selbst?
Die Berlinale, die noch bis Sonntag läuft, gilt als ausgesprochen politisches Filmfestival. Unter den Schauspielern selbst zeigt sich, wie unterschiedlich mit dieser Erwartung umgegangen wird.
Manche wollen die Politik lieber in ihren Werken als auf der Bühne verhandelt sehen. So erklärt es etwa Schauspieler Jannis Niewöhner. Ihm sei es wichtig, bei Filmen dabei sein zu können, die er als politisch relevant empfinde - und das müsse nicht dazu führen, dass er sich dann selbst noch hinstelle und eine politische Botschaft verbreite, sagte er der dpa.
Neil Patrick Harris, der seinen neuen Film «Sunny Dancer» vorstellte, wurde gefragt, ob Filme politisch sein sollten und ob Kino Faschismus bekämpfen kann. «Ich denke, wir leben momentan in einer seltsam algorithmischen und gespaltenen Welt, und deshalb bin ich als Künstler immer daran interessiert, unpolitische Dinge zu machen», antwortete der offen schwule Schauspieler. «Denn wir alle wollen als Menschen auf irgendeine Weise miteinander in Verbindung treten.»
Deshalb erlebe man Dinge gemeinsam, fuhr er fort. „Und wenn man dann einen Film sieht, in dem einem die Menschen am Herzen liegen, in dem man den Kern der Geschichte spürt, wenn man diesen Film über junge Erwachsene sieht, die in einer Welt aufwachsen, in der manche von ihnen nicht aufwachsen werden, dann finde ich das so berührend und gleichzeitig aufregend, rebellisch und leidenschaftlich. Und es macht Spass, das mitzuerleben, ohne es durch eine zeitgenössische Brille betrachten zu müssen. Nicht wahr?»
Anfang der 90er Jahre vor dem Völkermord aus Ruanda geflohen, kam Ncuti Gatwa als Geflüchteter nach Edinburgh in Schottland und wuchs dort auf. Heute ist er ein Star (MANNSCHAFT berichtete).