Lars Tönsfeuerborn: «Ich habe Friedrich Merz im ICE getroffen»
Der Podcaster Lars Tönsfeuerborn über seinen Weg in die Politik und warum er Grindr gelöscht hat
Lars Tönsfeuerborn ist Podcaster, Unternehmer und seit neuestem ein aktives SPD-Mitglied.
Bekannt wurde der 35-Jährige zunächst in der queeren Medienwelt, heute setzt er seinen Schwerpunkt auf mentale Gesundheit, Aufklärung und klebt Plakate für die SPD. Im Interview erzählt er von seinen neuen Projekten, von seinem Treffen mit Friedrich Merz im ICE und was er von Alice Weidel hält.
Lars, du bringst gerade zwei neue Podcasts heraus, gibt es bei dir keine Sommerpause? Lars Tönsfeuerborn: Vor mir liegen gerade so viele tolle Projekte, die mir wichtig sind. Am Sonntag startet mein neuer Podcast «Zu viel – der Mental-Health-Podcast powered by Valeara». Da geht es jede Woche um seelische Gesundheit – Depression, Burnout, Angststörungen, Suizidprävention. Gemeinsam mit meinen Co-Hosts dem Psychologen Christian Utler und der Coachin Simone Hoffmann sprechen wir vor allem mit Betroffenen, Angehörigen und manchmal mit Personen des öffentlichen Lebens. Für mich ist klar: Das Thema mentale Gesundheit betrifft uns alle.
Warum der Titel «Zu Viel»? Weil dieses Gefühl viele kennen: Es ist einfach zu viel. Zu viel Druck, zu viel Erwartung, zu viel Belastung. In der ersten Folge ist Martina Voss-Tecklenburg zu Gast. Sie erzählt, wie sie in ihrer Rolle als Bundestrainerin der Frauen-Nationalmannschaft ein Erschöpfungssyndrom erlitt und durch anfängliche Depressionen ihren Job aufgegeben hat. Dieses «Zu viel» zieht sich durch so viele Biografien.
Du arbeitest gleichzeitig an einem investigativen Projekt, hast du neulich im Podcast angedeutet? Genau, das ist ein fünfteiliger Investigativ-Podcast, den ich mit Leonie Löwenherz gemacht habe. Vor drei Jahren gab es einen Verein namens «Liebe wen du willst», angeblich zur Unterstützung von trans Jugendlichen in Not. Doch schnell zeigte sich: Dass der Vereinsgründer ganz andere Ziele verfolgte. Wir haben dann angefangen zu recherchieren. Dabei kam sehr viel ans Licht: Machtmissbrauch, sexualisierte Gewalt, Spendenveruntreuung und vieles mehr. Die Recherche wurde immer umfangreicher. Wir haben das jetzt sauber aufbereitet. Start ist der 3. September.
Klingt, als macht ihr euch angreifbar? Wir sind rechtlich abgesichert und damit ist dieses Projekt «Die Akte Liebe wen du willst» jetzt für mich abgeschlossen und ich konzentriere mich ganz auf den neuen Podcast.
Mentale Gesundheit zieht sich durch dein Leben und deine Arbeit. Woher kommt das? Ich selbst war 2012 von schweren Depressionen betroffen… Ich habe Suizide im Freundeskreis miterlebt, meine Mutter hat Suizid begangen, als ich zwölf Jahre alt war. Und auch im familiären Umfeld wurde ich mit einigen Versuchen konfrontiert. Das Thema begleitet mich also seit meiner Kindheit, damals war es nicht üblich, über psychische Probleme offen zu reden. Mittlerweile sind wir da weiter, aber noch nicht weit genug. Für mich ist es deswegen eine Herzenssache, das Thema so offen wie möglich zu behandeln.
Wer über Suizid spricht, löst schnell den Werther-Effekt aus, also dass Menschen es nachahmen, weil sie davon lesen. Dessen bin ich mir bewusst. Wenn man über Suizid spricht, muss man es verantwortungsvoll tun. In unserem Podcast gibt es in den Shownotes immer alle Anlaufstellen und vorab eine Triggerwarnung. Hinzu kommt die fachliche Einordnung des Spezialisten. Aber ich will, dass wir offener über seelische Erkrankungen und das Thema Suizid sprechen. Nur so können wir Leben retten.
Wer mit all dem Wissen über dich die Folgen «Schwanz & Ehrlich» hört, fragt sich, was du mit promiskem Verhalten kompensieren wolltest? Was hat dieser Podcast für dich bedeutet? Die Leute können sich vieles fragen. «Schwanz & Ehrlich» war für mich und uns alle im Team ein grosser Schritt. Wir haben sechs Jahre lang sehr offen über schwulen Sex gesprochen. Wir haben mit der #DudenIstSchwul-Kampagne sogar etwas bewegt – nämlich, dass der Begriff im Duden neu erklärt wurde. Ich bin stolz darauf, weil wir damit queere Themen und Sprache in die Mitte der Gesellschaft geholt haben. Aber irgendwann war klar: Ich will mich weiterentwickeln. Ich wollte mich nicht auf Sex und Trash festlegen lassen.
«Aktuell habe ich alle Apps gelöscht.»
Lars Tönsfeuerborn
Die «wilde Phase» ist vorbei? Ja, natürlich. Ich habe wie viele queere Männer Phasen, in denen Apps und promiskes Verhalten eine Rolle spielen. Aktuell habe ich alle Apps gelöscht, pflege meine Freundschaften, ich fokussiere mich auf meine Firma, die Podcasts und die Politik. Ich finde, das ist eine gesunde Entwicklung.
Apropos Politik: Du bist jetzt in die SPD eingetreten. Was hat den Ausschlag gegeben?Ich war immer politisch interessiert, der ausschlaggebende Punkt war dann die Abstimmung von CDU und AfD Anfang des Jahres im Bundestag. Bereits zuvor war ich schon in Gesprächen mit der Partei.
Hast du deshalb deinen Podcast Schwanz & Ehrlich erst einmal gelöscht? Hach ja… Das war eine dumme Entscheidung. Machen wir uns nichts vor, das Internet vergisst sowieso nicht. Aus einer kurzen Angst vor den rechten Kräften heraus habe ich den Podcast offline genommen, aber mittlerweile wieder online gestellt. Der Podcast bewirkt so viel gutes, da sollte die Angst nicht überwiegen und am Ende stehe ich zu dem was ich gesagt und gemacht habe.
Aber du als Unternehmer, müsstest Du nicht eigentlich in die FDP eintreten? Warum SPD? Viele Leute meinten auch, die FDP passt besser zu mir. Aber ich war immer sozial eingestellt, und wer mich wirklich kennt, der weiss das auch. Deshalb SPD. Ausserdem hat die damalige Abstimmung unter Friedrich Merz gezeigt: Unsere Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit.
Also haben wir dein politisches Engagement Friedrich Merz zu verdanken? Er hat zumindest den letzten Schubser gegeben. Ich habe Friedrich Merz vor zwei Jahren im ICE getroffen. Ohne Personenschützer, ganz allein. Ich habe meinen Mut zusammengenommen und bin zu ihm hin, hab ihm meine Karte gegeben und gesagt: Wenn er sich mal über queere Themen beraten lassen will, soll er sich melden. Ob er sich gemeldet hat? Natürlich nicht. Das ist aber auch nicht verwunderlich, wenn man sich den aktuellen Kurs der CDU in Richtung AfD anschaut.
Hast Du politische Vorbilder? Ja, zum Beispiel Bärbel Bas. Sie ist kein Akademikerkind, sondern kommt von der Basis, hat eine Ausbildung gemacht, ist bodenständig geblieben. Solche Politiker*innen beeindrucken mich. Oder generell Leute, die Haltung zeigen, Positionen beziehen und sie begründen. Solche Politiker*innen brauchen wir jetzt!
Welche Themen willst du politisch voranbringen? Antwort: Mentale Gesundheit ist mein Kernthema. Die Wartezeit für Betroffene von im Schnitt 22 Wochen auf einen Therapieplatz ist eine Katastrophe. Wir brauchen mehr Kassensitze, mehr Prävention, mehr Aufklärung. Dazu Queerpolitik, soziale Gerechtigkeit und eine Wirtschaftspolitik, die nicht nur auf die Starken schaut.
«Wer an die Öffentlichkeit oder in die Politik geht, muss wissen, dass es sehr sehr schmutzig werden kann. Das gehört dazu.»
Lars Tönsfeuerborn
Willst du für den Bundestag kandidieren? Kommunalpolitik reizt mich weniger. Aber erst einmal will ich mir Zeit geben. Parteistrukturen und Abläufe verstehen und mich zurechtfinden und in der Partei ankommen. Daher unterstütze ich jetzt die Basis und den kommunalen Wahlkampf in verschiednen Städten in NRW. Was danach kommt und welcher Weg der meine wird, das sehen wir dann.
Deine Vergangenheit im Trash-TV, verhindert sie, als Politiker ernst genommen zu werden? Ich weiss, dass das für manche Leute nicht einhergehen kann. Aber für mich ist das kein Widerspruch. Ich habe gelernt, Medien zu machen, mit Menschen zu sprechen, Themen anzupacken und Haltung zu zeigen. Das kann man in der Politik sehr gut brauchen.
Deine Reichweite hilft dir also in der Politik? Na, ich bin jetzt kein Super-Influencer. Ausserdem verliere ich rund zwei Drittel meiner Reichweite auf Social Media, wenn ich politische Posts aussende. Die Plattformen drosseln den Einfluss, zumindest bei allem, was nicht von Rechts kommt. Das ist nicht nur mein Eindruck, Studien bestätigen das auch – und es ist gefährlich.
Wie gehst du mit Hassnachrichten um? Natürlich bekomme ich die, aber ich habe schon früh gelernt, damit umzugehen. Das ist deren Bild von mir, nicht meins. Ich kenne die Leute nicht und nehme das schon lange nicht mehr persönlich. Wer an die Öffentlichkeit oder in die Politik geht, muss wissen, dass es sehr sehr schmutzig werden kann. Das gehört dazu.
Du sagst, viele unterschätzen, wie sehr unsere Demokratie angegriffen wird. Genau. Ich glaube, auch in der queeren Community ist das nicht allen bewusst. Ich dachte, die Wahl rüttelt einige auf, aber dem war nicht so. Die AfD legt zu, die CDU rückt nach rechts, die SPD verliert weiter an Profil. Ich habe keinen Bock, dass meine Partei nur ein Steigbügelhalter für die Rechtsextremen wird. Und ich verstehe nicht, wie eine Frau wie Julia Klöckner sich im Amt halten kann. Einerseits besteht sie darauf, dass eine Regenbogenflagge das Neutralitätsgebot einschränke – nur um dann auf dem Sommerfest eines rechten Mediums aufzutauchen. Ich würde ihr das auch ins Gesicht sagen: Niemand schadet unserer Demokratie so sehr wie Julia Klöckner. Von Jens Spahn fange ich gar nicht erst an.
Okay, meinungsstark bist Du. Deshalb zum Schluss noch ein paar Stichworte, um Dich politisch zu verorten: Bitte um kurze Antworten:
Waffen nach Israel? Keine Waffen mehr zu liefern, halte ich für die richtige Entscheidung.
Gendern im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk? Jeder soll gendern, wie er will. Politik sollte das nicht verbieten.
«Bubatz legal, auf jeden Fall!»
Lars Tönsfeuerborn
Trans Frauen sind Frauen? Ja.
Migration begrenzen? Es geht nicht ums Begrenzen, sondern um richtige Integration.
Kopftuch für Lehrerinnen? Was spricht dagegen?
Brauchst du Hilfe? Wende dich in der Schweiz telefonisch an die Nummer 143 oder schreibe an die Berater*innen von Du-bist-Du.ch. In Österreich hilft die Hosi Wien (zu Büroöffnungszeiten) unter (+43) 660 2166605, das Kriseninterventionszentrum oder für LGBTIQ die psychosoziale Beratungsstelle Courage. In Deutschland gibt es die Notfall-Nummer 19446, zudem hilft u.a. der Verband für lesbische, schwule, bisexuelle, trans, intersexuelle und queere Menschen in der Psychologie, in Städten wie Köln kann man sich an Rubicon wenden.
«Maestro in Blue»: Dass Netflix in regionale TV-Märkte geht und Serien aufkauft, ist bekannt – schliesslich verdanken wir der Strategie einige der besten LGBTIQ-Angebote. Auch die erste griechische Serie, die vom Streaminggiganten gekauft wurde, bietet eine intensive schwule Lovestory (MANNSCHAFT berichtete).
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