Eros des Alltags: Wer war der LGBTIQ-Pionier Konstantin Kavafis?
Zwei neue Bücher würdigen den wegweisenden griechischen Dichter
Der 1863 in Alexandria geborene Konstantin Kavafis zählt zu den wichtigsten griechischen Dichtern der Neuzeit. Bahnbrechend ist er als literarischer Vorreiter, der queere Themen öffentlich behandelte. Jetzt stellt ein Roman und eine Biografie ihn neu zur Diskussion.
Jede Nation hat ihre eigenen queeren Held*innen. Manche schaffe es sogar, über Grenzen hinweg berühmt zu werden. Magnus Hirschfeld ist einer von ihnen. Karl-Heinrich Ulrichs inzwischen auch, was die vielen Artikel und Publikationen zu seinem 200. Geburtstag diese Woche zeigten (MANNSCHAFT berichtete).
Im deutschsprachigen Raum weniger bekannt ist hingegen der Lyriker Konstantinos Pétrou Kaváfis, obwohl viele seiner gefeierten Werke aus dem frühen 20. Jahrhundert seit Jahrzehnten ins Deutsche übersetzt vorliegen. Gleichwohl die homoerotischen Titel länger brauchten, um bei uns anzukommen. Das geschah erst – ansatzweise – in den 1980ern. Vorher filterte man sie sorgfältig heraus, soweit wie möglich.
Mir selbst ist Kavafis erstmals als Student der englischen Literaturwissenschaft Mitte der 1990er Jahre aufgefallen, weil ich ihn im Sammelband «The Penguin Book of Homosexual Verse» entdeckte. Da war er mit beachtlichen neun (!) Gedichten vertreten. Nur zum Vergleich: von Sappho gab es drei Titel in diesem Band, von Michelangelo fünf, von Pasolini eins, dafür 15 Sonette von Shakespeare.
Erinnerungen an die verflossene grosse Liebe Natürlich ist es schwierig, Gedichte in Übersetzung zu beurteilen. In diesem Fall handelt es sich um Kavafis-Übersetzungen von eher unbekannten Personen ins Englische. Dennoch fiel mir bei Kavafis sofort auf, dass seine Gedichte ungewöhnlich waren, weil sie fast banal wirkende Alltagssituationen einfingen und den homoerotischen Reiz, der ihnen innewohnt, beispielweise wenn das lyrische Ich am Nachbartisch in einem Café einen attraktiven Mann sieht, der ihn an seine verflossene grosse Liebe erinnert. Was zu elegischen Reminiszenzen führt. Oder wenn Kavafis die kurze sexuelle Begegnung von zwei Jünglingen beschreibt, die sie als Erinnerung für ihr restliches Leben begleiten wird.
Dieser «casual» Eros des Alltags ist in vielerlei Hinsicht extrem modern und absolut untypisch für die meisten Dichter des frühen 20. Jahrhunderts. Besonders, weil bei Kavafis nichts versteckt oder verschleiert wird. Es geht nicht um «Geheime Botschaften», die Ilija Dürhammer in der Dichtung des Schubert-Kreises, bei Hugo von Hofmannsthal und Thomas Bernhard analysierte. Nein, Kavafis ist absolut eindeutig und offen. Was ziemlich singulär für seine Zeit ist, die von krasser Ablehnung und Verfolgung von Homosexualität geprägt ist.
«Mediterranean Queers» Später begegnete mir der Name Kavafis (auf Englisch C. P. Cavafy geschrieben) öfter, als andere LGBTIQ-Literaten, die ich bewunderte, ihn als leuchtendes Vorbild und Vergleichsgrösse erwähnten, etwa E. M. Forster («Zimmer mit Aussicht», «Maurice»). Viele schwule deutsche und englische Autoren «fetischisierten» ihn als Teil der «Mediterranean Queers», wie Literaturexperte Laurence Senelick im Gespräch mit MANNSCHAFT auf Anfrage bemerkt. Man bewunderte, was Kavafis da in Griechenland bzw. Ägypten machte und was im «Norden» undenkbar schien.
Wer aber war dieser Konstantin Kavafis, der als jüngstes Kind in eine griechische Kaufmannsfamilie hineingeboren wurde, die in der ägyptischen Diaspora lebte und mit Baumwolle zu Reichtum gekommen war? Nach dem Tod des Vaters ging die Familie nach Liverpool, wo Kavafis alternierend mit London aufwuchs und die englische Schule besuchte. (Was später seinen engen Kontakten in die englische Literaturszene half.) Irgendwann musste die Firma der Familie Konkurs anmelden und Kavafis als Angestellter arbeiten, wieder zurück in Alexandria. Eine ungeliebte Brottätigkeit im Amt für Wasserwirtschaft, die ihm aber Raum gab, sich als Lyriker zu entfalten.
In ihrem Roman «Was bleibt von der Nacht» beschreibt die Kavafis-Expertin Ersi Sotiropoulos eine Reise der Kavafis-Brüder Konstantin und John nach Paris im Jahr 1897. Über diese Reise ist wenig überliefert, was Sotiropoulos nutzt, um die Leerstellen zu füllen mit der Geschichte, dass Konstantin in Paris den entscheidenden Impuls bekommt, sich zu seinen schwulen Sehnsüchten zu bekennen und diese zum Inhalt seiner Gedichte zu machen. Statt sich – wie zuvor – nationalistischen Moden und patriotischen Themen zu widmen. Das heisst, Kavafis findet (in der Interpretation von Sotiropoulos) in Paris seine Stimme, im Alter von 34 Jahren. Eine Stimme, die er bis zu seinem Tod 1933 verfeinerte. Und die ihn, wie erwähnt, zu einem Pionier der LGBTIQ-Bewegung weltweit machte. Denn seine Gedichte zirkulierten in Übersetzungen schon früh in queeren Kreisen.
«Als sei er nie jung gewesen» In einem ausführlichen Nachwort («Kavafis als Romanfigur») erklärt Sotiropolous, dass Kavafis zum Zeitpunkt der Parisreise ein «unfertiger, bedeutungsloser Dichter» gewesen sei, der «darum ringt, sich literarisch zu finden». Das Bild, das viele von ihm heute hätten, sei das «eines Dichters in seiner Reifezeit», einer «gealterten Figur», die «vielzitiert» werde. So «als sei er nie jung gewesen».
Bis 1897 hatte Kavafis nur «unbeholfene, schwerfällig Gedichte» geschrieben und konnte nur ein paar Veröffentlichungen in kleinen Literaturzeitschriften aufweisen. Sotiropoulos interessiert der Übergang von diesem jungen zum reifen Dichter, «das Werden eines Künstlers», wie sie es nennt. Dass bei diesem Reifungsprozess die Homosexualität Kavafis eine zentrale Rolle spielt, ist Sotiropoulos bewusst.
Sotiropoulos hat bereits 1984 eine Kavafis-Ausstellung im Auftrag der Hellenischen Botschaft in Rom kuratiert, die im Palazzo Venezia gezeigt wurde. Also in etwa zur Zeit, als die berühmten schwulen Gedichte auch auf Deutsch erschienen. Später hat Sotiropoulos das Drehbuch für einen Dokumentarfilm über Kavafis fürs französische Fernsehen geschrieben («Un siècle d’ecriains»).
Widersprüche und innere Zweifel Schon damals war sie fasziniert von der Frage, «wie ein Künstler, in diesem Fall ein relativ mittelmässiger, unbeholfener Dichter ohne das sprühende Talent beispielweise eines Rimbaud, vom Typ her wohl eher scheu, unterdrückt in seinem Privatleben und gequält von Widersprüchen und inneren Zweifeln» als 34-Jähriger in Paris den «Sprung» schaffte und zu dem Kavafis wurde, den wir heute kennen. Sotiropoulos forschte im Kavafis-Archiv, im Hellenischen Literatur- und Geschichtsarchiv (ELIA) und über die griechische Gemeinde in Alexandria.
Dabei hätte eigentlich ein wegweisender biografischer Roman über eine so zentrale LGBTIQ-Persönlichkeit herauskommen müssen. Leider verliert sich Sotiropoulos in endlosen Vor- und Rückblenden, inneren Monologen, Gesprächen der Brüder und Zitaten aus älteren Kavafis-Gedichten, die den Unterschied zu seinem späteren Werk illustrieren sollen. Sie schildert die erotischen Begegnungen und Fantasien Kavafis, aber bleibt dabei so vage, dass es mich beim Lesen irgendwann ermüdete. Und nervte. Obwohl ich gleichzeitig dankbar war, so viele Details über die Kavafis-Familie, die Zeit in England, die Beziehung zur Mutter und zu griechischen Nationalbewegung zu erfahren.
Die Sprache im Roman ist fliessend und betont elegant, aber der Punkt, auf den Sotiropoulos hinaus will, bleibt erstaunlich unscharf. Mehr eine Andeutung, als eine Epiphanie (es geht um die «Nacht» im Titel).
Das Buch erschien in Griechenland bereits vor zehn Jahren und ist somit ein wichtiges Zeichen, dass man dort die eigene queere Geschichte aufarbeitet. Was angesichts des Klimas in Griechenland in Bezug auf Homosexualität nicht selbstverständlich ist (MANNSCHAFT berichtete).
«Die Sphinx von Alexandria» Dass der Kanon Verlag sich mit Verspätung entschloss, das Buch nun im September nochmal neu auf Deutsch herauszubringen, ist lobenswert (es gibt schon eine etwas ältere deutsche Fassung bei enem anderen Verlag). Auch wenn das Buch mehr Fragen aufwirft als es beantwortet, macht es zumindest neugierig, sich mit Kavafis weiterführend auseinanderzusetzen.
Die «Hidden Poems» von Kavafis wurden unter dem Titel «Im Verborgenen» 2014 auf Deutsch veröffentlicht, die Liebesgedichte in einer Griechisch-Deutsch-Fassung mit Radierungen des schwulen Künstlers David Hockney vom Suhrkamp Verlag bereits 1989. Zum Eros in den Gedichten Kavafis gibt es viele internationale Publikationen, auch aus der Schweiz, wo in den 1990ern «The Poetry and Poetics of Constantine P. Cavafy: Aesthetic Vision of Sensual Reality» erschien.
Jetzt im August 2025 kam «Alexandrian Sphinx: The Hidden Life of Constantine Cavafy» von Peter Jeffreys und Gregory Jusdanis heraus. Da wird auf 560 Seiten die enge Beziehung von Kavafis als Teenager mit anderen Jungs analysiert (die er später immer wieder in Gedichten heraufbeschwor) und untersucht, wie «Kavafis die Liebe für seine Kunst opferte» und damit «die Geschichte der Poesie weltweit veränderte», so die zentrale These der Autoren.
Es ist bedauerlich, dass dieses Buch nicht auch auf Deutsch erschienen ist. Weil es weit über Sotiropoulos hinausgeht als Beschreibung eines künstlerischen Reifungsprozesses. Es schildert auch eindrücklich, wie Kavafis sein schwules Leben zwischen Geheimhaltung und Öffentlichkeit zu balancieren vermochte, ohne verhaftet oder von der Gesellschaft verstossen zu werden.
Vielleicht würde eine deutschsprachige Ausgabe von «Alexandrian Sphinx» ja dafür sorgen, dass die hiesige LGBTIQ-Szene die Vita und das Werk dieses Mannes endlich vollumfänglich entdeckt und Kavafis nicht nur dem anglo-amerikanischen Markt sowie den Griechen selbst überlässt. Rosa von Praunheim, übernehmen Sie?
«Maestro in Blue»: Dass Netflix in regionale TV-Märkte geht und Serien aufkauft, ist bekannt – schliesslich verdanken wir der Strategie einige der besten LGBTIQ-Angebote. Auch die erste griechische Serie, die vom Streaminggiganten gekauft wurde, bietet eine intensive schwule Lovestory (MANNSCHAFT berichtete).
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