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Jonathan Bailey und Matt Bomer: Liebespaar in turbulenten Zeiten?

Die beiden schwulen Superstars sind als «Fellow Travellers» vereint

Felow Travellers
Matt Bomer (l.) in «Boys in the Band» und Jonathan Bailey in «Bridgerton» (Fotos: Netflix)

Als Thomas Mallon 2007 seinen historischen Roman «Fellow Travellers» veröffentlichte, ahnte er sicher nicht, was aus der Geschichte aus der repressiven McCarthy-Ära noch alles werde würde. Das Buch wurde von Kritiker*innen der Los Angeles Times gefeiert als «eines der besten Beispiele für zeitgenössische US-Literatur».

Komponist Gregory Spears machte aus der schwulen Liebesgeschichte zwischen zwei grundverschiedenen Männern eine Oper, die 2016 in Cincinnati in Premiere ging. Davon gibt’s eine CD-Aufnahme mit Aaron Blake als «Timothy Laughlin» und Joseph Lattanzi als «Hawkins Fuller».

Und nun sollen laut Branchenberichten «Bridgerton»-Star Jonathan Bailey und «Boys in the Band»-Protagonist Matt Bomer für eine Mini-Serie mit acht Folgen in die Rollen von Tim und Hawk schlüpfen.

Es geht um eine epische Lovestory, die zugleich ein politischer Thriller ist, der die unbeständige Romanze zweier Männer beschreibt, die sich im Schatten der Politik in Washington immer wieder begegnen.


«Subversive und sexuell Abartige»
Die beiden beginnen ihre Beziehung in den 1950er-Jahren, als Joseph McCarthy und Roy Cohn den «Subversiven und sexuell Abartigen» den Krieg erklären und damit eine der dunkelsten Perioden der US-amerikanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts einläuten.

«Fellow Travellers»
Der Roman «Fellow Travellers» von Thomas Mallon

Wir erinnern uns: Damals wurde das Gesellschaftsleben mit Antikommunismus und Verschwörungstheorien erdrückt, zu letzteren gehörte das Narrativ, Homosexuelle könnten insgeheim die Grundfesten der US-Gesellschaft mit ihrer «Perversion» aushebeln und das Land ins Chaos stürzen, indem sie ihre «linke» und «unpatriotische» Lebensweise verbreiteten. Eine Haltung, die in der west-deutschen Nachkriegsgesellschaft teils geteilt wurde von einzelnen Gruppierungen, u.a. den Kirchen. (MANNSCHAFT berichtete über den Film «Grosse Freiheit», der die Situation von Homosexuellen in Deutschland in den 50ern beschreibt.)

Im Laufe von vier Jahrzehnten kreuzen sich die Wege von Hawk und Tim während der Vietnamkriegs-Proteste der 1960er-Jahre, des drogengetriebenen Disco-Hedonismus der 1970er und der AIDS-Krise der 1980er-Jahre, während sie mit Hindernissen in der Welt und in sich selbst konfrontiert werden.


Atemberaubender Akt des Verrats
Tim (gespielt von Bailey) ist anfangs ein junger Absolvent der Fordham University, der von seinen politisch und religiös konservativen Idealen überzeugt ist und optimistisch in die Zukunft nach dem Zweiten Weltkrieg schaut. Er ist entschlossen, sich dem Kreuzzug gegen den Kommunismus anzuschliessen. Zufällig begegnet er dem attraktiven und charismatischen Staatsbediensteten Hawk, der jede Form von emotionaler Bindung meidet. Eigentlich. Eine Affäre beginnt, für den jungen Tim die erste mit einem Mann: er hat Mühe, seine politischen Überzeugungen mit dieser Verbindung in Einklang zu bringen. Was letztlich zu einem atemberaubenden Akt des Verrats führt. Und zu viel Herzschmerz.

In den letzten Jahren haben mehrere Filme- und Serienmacher versucht, die Zeit vor den Stonewall-Aufständen für jüngere LGBTIQ neu aufzuarbeiten und zu zeigen, wie queeres Leben einstmals aussah. Ryan Murphy tat das mit der Netflix-Serie «Hollywood» in Bezug auf die Zeit unmittelbar vor «Fellow Travellers», aber auch mit der Verfilmung von Larry Kramers berühmtem AIDS-Theaterstück «The Normal Heart» (mit Bomer) für die Zeit danach. Zu Stonewall gibt’s bekanntlich viele Filme, u.a. den umstrittenen Streifen von Roland Emmerich, dem manche Aktivist*innen jegliche Daseinsberechtigung absprechen, obwohl er sich sehr präzise an historisch überlieferte Fakten hält (MANNSCHAFT berichtete).

«Bad Gays»
Das Buch «Bad Gays: A Homosexual History» (Foto: Durnell Marston)

Hier wird nun mit der McCarthy-Ära eine für Homosexuelle besonders katastrophale Epoche porträtiert, die von Homosexuellen selbst noch schlimmer gemacht wurde. Weswegen im neuen Buch «Bad Gays: A Homosexual History» auch Roy Cohen und J. Edgar Hoover als «Mittäter» mit einem eigenen Kapitel bedacht werden. Hoovers Biografie kann man in dem sehenswerten Film bestaunen, mit Leonardo DiCaprio und Armie Hammer als heimlichem Liebespaar, das Jahrzehnte zusammenlebte, ohne dass die Welt davon Notiz nahm.

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Im Roman von Thomas Mallon wird auch McCarthy selbst eine homosexuelle Orientierung unterstellt, die aus Selbsthass zu der berüchtigten Hexenjagd führte. Das schildet Mallon in einem Interview mit dem Literaturmagazin Littoral.

LGBTIQ-Sichtbarkeit leben
Nach seinem Sensationserfolg als Lord Bridgerton in dem Netflix-Hit wurde Jonathan Bailey bereits als neuer James Bond gehandelt (MANNSCHAFT berichtete). Danach trat er in einer restlos ausverkauften Aufführungsserie im Theaterstück «Cock» in London auf. Derzeit dreht er Staffel 3 von «Bridgerton». Er hat sich immer wieder öffentlich für mehr Sichtbarkeit von LGBTIQ ausgesprochen und sich entsprechend bei Preisverleihungen zu Homosexualität geäussert bzw. seinen Partner ganz selbstverständlich mit ins Rampenlicht gerückt.

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Bailey hatte – im Gegensatz zu Bomer – auch nie Probleme damit, schwule Rollen zu übernehmen, sei es in Serien wie «Crashing» (jetzt ebenfalls bei Netflix) oder in Musicals wie «Company», wofür er einen Olivier Award bekam.


Für alle, denen «Bridgerton» nicht queer genug war, lieferte Alexis Hall eine total neu interpretierte Darstellung der Regency-Ära in «Something Fabulous» (mehr).


In der Diskussion darum, ob nur LGBTIQ selbst LGBTIQ-Rollen spielen sollten (MANNSCHAFT berichtete), wurde zuletzt wiederholt darauf verwiesen, dass Bailey das Paradebeispiel dafür sei, dass ein offen schwuler Schauspieler ohne Probleme einen heterosexuellen Liebhaber mimen kann, was die Millionen Fans von «Bridgerton» sofort unterschrieben würden. Dadurch sei es auch unsinnig, vor einem Coming-out als Schauspieler*in heute Angst zu haben, denn Bailey sei der schlagende Beweis dafür, dass man auch weiterhin Hetero-Starrollen angeboten bekommen kann.

Prominentes Produzententeam
Bei Bomer ist das bekanntlich anders gelaufen. Er wird die Mini-Serie zusammen mit Ron Nyswaner («Homeland», «Philadelphia») als Executive Producer betreuen, ebenfalls als Prozent dabei sind Robbie Rogers («My Policeman», demnächst im Kino mit Harry Styles als schwulem Polizisten) und Daniel Minahan («American Crime Story: Versace»). Die Namen listet BroadwayWorld in einem Bericht über «Fellow Travellers» auf.

Die Serie soll auf Showtime herauskommen, ein Datum für die Veröffentlichung ist noch nicht bekannt gegeben worden.

Derweil drehte Bomer gerade mit Bradley Cooper das Netflix-Biopic «Maestro» über den Dirigenten und «West Side Story-Komponisten Leonard Bernstein. Darin spielt Bomer den Liebhaber von Bernstein (MANNSCHAFT berichtete).

Die Opernversion von «Fellow Travellers» wurde derweil 2018 in Chicago und Minnesota sowie 2019 in Boston nachgespielt. Eine deutsche Erstaufführung steht nach wie vor aus. Vielleicht inspiriert ja die Mini-Serie mit Bailey/Bomer hiesige Intendant*innen, das LGBTIQ-Stück auf den Spielplan zu nehmen, dem Kritiker*innen einen «Neo-Puccini Lyrismus» attestierten?

Man könnte die neue Mini-Serie auch als Kommentar zu den neuesten neo-konservativen Entwicklungen in den USA sehen, in der Folge der Supreme-Court-Entscheidung zur Abtreibung und zur Diskussion, ob auch die Ehe für alle wieder zurückgenommen werden soll (MANNSCHAFT berichtete) – als Rückkehr in gesellschaftliche Zustände, wie sie «Fellow Travellers» skizziert.

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