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«Grosse Freiheit»: Männliche Nähe im Nachkriegsknast

Der Film lief auf dem Zurich Film Festival, das am Sonntag zu Ende ging

Grosse Freiheit
Schauspieler Thomas Prenn beim 29. Hamburger Filmfest, das mit der Aufführung von «Grosse Freiheit» eröffnet wurde (Foto: Ulrich Perrey/dpa)

Im zweiten Spielfilm von Sebastian Meise («Stillleben») kommen sich ein schwuler Deutscher und ein heterosexueller Österreicher im Gefängnis über Jahrzehnte langsam näher: «Grosse Freiheit».

1968 landet Hans (Franz Rogowski) wieder im Knast – weil er einmal mehr gegen den Paragraphen 175 verstossen hat. Konkret: Er wurde auf einer öffentlichen Toilette bei schwulen Sexkapaden gefilmt. Hinter Gittern trifft er Viktor (Georg Friedrich) wieder, den er während seines ersten Aufenthalts 1945 unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs als Zellengenossen kennengelernt hat, und der ihm bei der zweiten Gefängnisstrafe 1957 in seiner schwersten Zeit geholfen hat.

Gekonntes visuelles Spiel mit der absoluten Finsternis
Regisseur und Ko-Autor Sebastian Meise, dessen cineastischer Mentor kein geringerer als Michael Haneke («Das weisse Band») ist, schildert anhand drei ineinander verschachtelter Zeitebenen die sich sachte entwickelnde, ungewöhnliche Freundschaft zweier völlig unterschiedlicher Männer, die sich im kaltherzigen Knastalltag menschliche Wärme geben. Meise schlägt dabei ein gemächliches Erzähltempo ein, wodurch das Publikum umso intensiver am Geschehen teilnimmt. Besonders eindrücklich sind die Szenen im «Loch», der vorübergehenden Einzelhaft zur Bestrafung, nicht zuletzt dank dem gekonnten visuellen Spiel mit der absoluten Finsternis, die in der Zelle herrscht.

Gewohnt grossartig agieren Franz Rogowski (35) und Georg Friedrich (54), gegenwärtig zwei der markantesten Charakterköpfe des deutschsprachigen Kinos, in ihrem ersten gemeinsamen Film: Ihr so kraftvolles wie sensibles Spiel verleiht den Figuren eine Authentizität, die mitreisst. Sie sorgen auch hauptsächlich dafür, dass «Grosse Freiheit» als schonungsloser Knastfilm genauso einwandfrei funktioniert wie als subtiles Schwulendrama. Bei aller Melancholie, um nicht zu schreiben Tristesse, punktet das Werk zwischendurch auch mit leisem Humor – am allermeisten vielleicht in der Schlussszene, die an dieser Stelle natürlich nicht verraten sei.


Jedenfalls hat sich «Grosse Freiheit» den Jurypreis in der Kategorie «Un Certain Regard» beim Festival von Cannes redlich verdient (MANNSCHAFT berichtete).

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Bereits am Donnerstag eröffnete das 29. Hamburger Filmfest mit «Grosse Freiheit». Bis zum 9. Oktober 2021 sind 110 neue Filme, darunter Sieger aus Venedig, Cannes und Locarno in der Hansestadt zu sehen.

«Grosse Freiheit» (Kinostart A: 12. November, CH/D: 18. November)
A/D 2021. Regie: Sebastian Meise. Mit Franz Rogowski, Georg Friedrich, Anton von Lucke, Thomas Prenn.




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