«Queer Joy»: Wie Verlegerin Jeannette Bauroth den Buchmarkt verändert
Der Second Chances Verlag setzt auf positive Narrative statt Leidensgeschichten
Jeannette Bauroth übersetzt nicht nur Bücher – sie rettet sie. Mit ihrem feinen Gespür für Sprache und gute Geschichten gründete sie 2019 den Second Chances Verlag in Thüringen. Er ist einer der wenigen Indie-Verlage, der sich auf LGBTIQ-Lovestorys spezialisiert hat und eine Leserschaft bedient, die von klassischen queeren Verlagshäusern wie Albino/Salzgeber oder Querverlag weitgehend ignoriert wird.
MANNSCHAFT sprach mit Bauroth über die Verlagsarbeit und ihren aktuellen Bestseller – die deutsche Ausgabe von «Heated Rivalry».
Du schreibst auf der Homepage deines Verlags, bei Second Chances gäbe es Bücher, «die uns als Leser*innen auf dem deutschen Buchmarkt gefehlt haben». Was für Bücher sind das genau – und wem haben sie gefehlt? Also erst mal haben sie mir gefehlt. Zählt das? (lacht) Aber dieser Satz bezieht sich vor allem auf die Reihenabschlüsse der vorzeitig abgebrochenen Buchreihen anderer Verlage – da gibt es viele Leser*innen, die z.?B. schmerzhaft den Abschluss einer Trilogie vermisst haben, die es im englischen Original schon komplett gab, auf Deutsch aber noch nicht. Darüber hinaus wollte ich selbst mehr «queer joy» auf dem deutschen Buchmarkt sehen. Ich finde die literarischen Titel, in denen «queer suffering» thematisiert wird, unglaublich wichtig, aber ich wollte gern ein Gegengewicht schaffen durch Geschichten voller Hoffnung mit einem garantierten Happy End.
Wann hast du deinen Verlag gestartet? Den Entschluss zur Verlagsgründung habe ich 2019 gefasst, nachdem eine Trilogie, die ich für einen grossen Publikumsverlag übersetzt habe, vorzeitig abgebrochen wurde.
War es schwer, in der deutschsprachigen Verlagswelt mit einem eigenen Verlag zu starten? Wie siehst du die Konkurrenzlage? Konkurrenzlage ist ein schwieriges Wort. Wer ist meine Konkurrenz? Die grossen Verlagshäuser sind es nicht, die arbeiten ja in ganz anderen Dimensionen, und unter den kleinen Indie-Verlagen herrscht eigentlich eine sehr kollegiale Atmosphäre.
Wir sind uns vor ein paar Jahren auf der Leipziger Buchmesse begegnet. Ich erinnere mich, dass es damals eine Diskussionsrunde zu «Queere Sichtbarkeit» gab und Vertreter*innen von Grossverlagen sich bemühten, eine zaghafte positive Entwicklung zu skizzieren. Dann kam ich an euren Stand und weiteren von MM-Romance- bzw. Sapphic-Love-Verlagen, wo ich vom ganz und gar nicht zaghaften Angebot überwältigt war. Es ist kein Geheimnis, dass sich Titel mit queeren Protagonist*innen zahlenmässig selten so gut verkaufen wie Titel mit nicht-queeren Protagonist*innen. Wer primär zahlengesteuert agiert und sein Programm danach zusammenstellt, kickt solche Titel schneller wieder aus dem Portfolio als kleine Verlage, die sich queere Sichtbarkeit als Ziel gesetzt haben.
Zuletzt war dein Verlag in den Nachrichten wegen der deutschen Ausgabe von «Heated Rivalry» – dem Sensationserfolg aus Kanada, der als Serienverfilmung im Februar bei HBO Max startet (MANNSCHAFT berichtete). Wie ist es ausgerechnet dir gelungen, diesen Erfolgstitel zu kriegen? Ich bin auf die klassische Art auf diesen Titel aufmerksam geworden – als Leserin. 2023 waren die deutschen Übersetzungsrechte leider schon vergeben. 2024 auf der Frankfurter Buchmesse trat dann eine Vertreterin von Digital Publishers an mich heran und fragte, ob ich an Kooperationen interessiert wäre. Die Antwort war klar: ja, für «Heated Rivalry». Dass einmal die halbe Welt über «Heated Rivalry» sprechen würde, war zu diesem Zeitpunkt definitiv noch nicht abzusehen.
Wieso gibt es nur «Heated Rivalry» auf Deutsch, nicht die gesamte Game-Changers-Reihe? Die Veröffentlichungsentscheidung, die Reihe mit dem zweiten Band zu beginnen, wurde von einem anderen Verlag getroffen. Nach und nach werden nun auch die anderen Bände auf Deutsch erscheinen. Für die TV-Serie hat man übrigens auch mit dem zweiten Band begonnen und die Handlung des ersten Buchs um Scott und Kip einfach in die Story von Shane und Ilya einfliessen lassen. (MANNSCHAFT berichtete über das von Rachel Reid angekündigte neue Buch zu Shane/Ilya.)
Glaubst du, dass durch den Medienhype um «Heated Rivalry» jetzt ein Umdenken bei deutschen Mainstreamverlagen eingesetzt hat? Ich denke, dass alle grossen deutschen Publikumsverlage spätestens im Herbst eine queere Eishockeyromance im Programm haben werden. (lacht)
Ich hatte gerade Sapphic-Love-Bücher erwähnt: Wie siehst du diese Marktsegmente im Vergleich zueinander? Dazu können vielleicht die Kolleginnen vom Ylva Verlag Auskunft geben. Die veröffentlichen ausschliesslich Sapphic-Romance und kennen ihre Zielgruppe sehr genau.
Dieses Jahr wird bei dir auch der grandiose SciFi-Roman «The Darkness Outside Us» erscheinen. Woran hakte es bisher? Auch hier habe ich mir den Roman «erlesen» – und dann festgestellt, dass die deutschen Übersetzungsrechte noch nicht vergeben waren. Jetzt sind sie es. (lacht) Es ist ein emotionaler Science-Fiction-Roman über zwei junge Astronauten – Ambrose Cusk und Kodiak Celius – auf einer gefährlichen Mission im All, die sich zwischen Isolation, Misstrauen und Nähe grundlegende Fragen über Menschlichkeit, Tod und Verbundenheit beantworten müssen (MANNSCHAFT berichtete).
Der eine kommt aus der westlichen Fédération (nach dem Vorbild USA), der andere ist aus Dimokratía, stark an Russland orientiert. Es stossen also Kapitalismus und Kommunismus/Sozialismus aufeinander, als Ausgangssituation. Aber dann entwickelt sich alles ganz anders weiter, als man denkt. Ich musste aufhören, das nachts im Bett zu lesen, weil ich danach einfach nicht einschlafen konnte.
Wie schwer ist es, für den meist sehr flüssigen Tonfall der englischen Originalromane eine passende deutsche Übersetzung zu finden? Man kann für einen sehr flüssigen englischen Text auch eine sehr flüssige deutsche Übersetzung schaffen. Dabei geht es um mehr als das simple Austauschen von Wörtern. Übersetzungen sollen fremdsprachliche Texte für deutsche Leser*innen zugänglich machen – wirkungsäquivalent, mit denselben Emotionen wie im Original. Gute Übersetzer*innen können das. Und das ist in meinen Augen auch ein Feld, wo KI uns noch nicht ersetzen kann.
Mir ist aufgefallen, dass es von fast allen englischsprachigen MM-Romance-Titeln Hörbuchversionen gibt. Wieso gibt es solch ein Angebot nicht auf Deutsch? Das stimmt so nicht. Es gibt sehr erfolgreiche Hörbuchvertonungen, z.?B. bei Argon oder Rainbow Romance. Manche Sprecher wie Christopher Mayer sind regelrechte Promis geworden. Wir hatten auf der letzten Messe eine sehr gut besuchte Autogrammstunde mit ihm. Elmar Börger und Oliver Kube, die unsere Eishockey-Romances sprechen, sind ebenfalls extrem beliebt.
In einigen Mainstreamverlagen sehe ich Versuche mit deutschen Autor*innen etwas Vergleichbares herauszubringen. Oft wirken die Titel allerdings sehr bemüht, selten originell. Lernen deutschsprachige Autor*innen ihr Handwerk nicht so gut wie die englische Konkurrenz? Auch das kann ich nicht bestätigen. Es gibt hervorragende queere Geschichten von deutschsprachigen Autor*innen. (MANNSCHAFT berichtete über die «Zodiac Love»-Reihe von Andreas Dutter.)
Wäre es gesellschaftlich akzeptiert, wenn Heteromänner sich «spicy» Sapphic-Love-Storys ausdenken würden, mit attraktiven lesbischen Frauen, die heissen Sex miteinander haben, so wie Heterofrauen sich «schwule» Geschichten à la «Heated Rivalry» ausmalen? Wer «darf» was schreiben, ist eine sehr komplexe Diskussion, die schon lange geführt wird. Rachel Reid und TV-Regisseur Jacob Tierney haben das gut beantwortet. Tierney sagte: «Wir als queere Menschen sollten unsere Forderungen, die wir nach aussen kommunizieren, ernsthaft hinterfragen. Die Dinge, über die wir entscheiden, ob Frauen sie tun dürfen oder nicht, können einen wirklich zur Verzweiflung bringen. Ich sage: Frauen dürfen über Männer schreiben, sie dürfen auch über schwule Männer schreiben. Die Frage ist eher: Wie schreiben sie über uns? Mit Empathie? Als Allys? Mit Herzenswärme? Warum suchen wir hier nach Feinden, statt nach Verbündeten?»
Rachel Reid äusserte sich im Out-Magazin ähnlich. «Ich werde das sehr vorsichtig formulieren. Ich rede nicht öffentlich über mein Privatleben, um meine Familie und meine Kinder zu schützen, und aus Gründen der Privatsphäre», so Reid. «Ich glaube nicht, dass meine Sexualität relevant ist für das, worüber ich schreibe … ich bin kein Mann, ich bin kein schwuler Mann und kein bisexueller Mann. Aber genau über solche Figuren schreibe ich. Ich würde niemals versuchen, meine eigene Sexualität als Rechtfertigung zu benutzen, um zu sagen: ‹Seht her, ich habe das Recht, diese Bücher zu schreiben.› Denn so funktioniert das meiner Meinung nach nicht. Man muss einfach sensibel und überlegt an diese Bücher herangehen oder an was auch immer man schreibt.» Diese überlegte und sensible Herangehensweise halte ich auch für das Wichtigste.
«Ich glaube nicht, dass meine Sexualität relevant ist für das, worüber ich schreibe»
Rachel Reid, Erfolgsautorin
Die Buchmesse in Leipzig steht vor der Tür: Welche Titel kommen 2026 bei dir raus? Im März erscheint «Eine tödliche Partie» von KJ Charles, Auftakt unserer queeren historischen Geschichtenreihe. Im April folgt «Upside Down – Die Welt steht Kopf» von N.R. Walker über zwei asexuelle Männer, die lernen, dass sie für ihr gemeinsames Glück nicht dem entsprechen müssen, was die Gesellschaft als «normal» definiert. Im November kommt dann «Die Dunkelheit um uns» von Eliot Schrefer, von mir selbst übersetzt. Daneben gibt es aber noch viele weitere Titel.
Worauf freust du dich selbst als Leserin am meisten? Ich hoffe, dass ein Umdenken in den Verlagen und der öffentlichen Wahrnehmung in Bezug auf queere Stoffe stattfindet und nicht alle im «Heated Rivalry»-Hype nur einen «Trend» sehen. Mehr queere Geschichten, auch im Mainstream – das würde mich wirklich sehr freuen.
New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani lässt den Hype um «Heated Rivalry» nochmal explodieren (MANNSCHAFT berichtete).
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