Queer-Ikone Robyn kehrt zurück mit «Sexistential»
Der schwedische Popstar meldet sich nach acht Jahren mit einem neuen Album zu Liebe und Selbstfindung wieder – und spricht mit uns über besseren Sex im Alter
Die Sängerin Robyn gilt als «queen of sad bangers» – als Königin der traurigen Tanzmusik. Aber auch als Pionierin der Musikindustrie: Die erste weibliche Künstlerin, die ihre eigene Plattenfirma gestartet und völlige Kontrolle über ihre Karriere erlangt hat.
Jetzt, nach acht Jahren Pause, veröffentlicht sie ihr neues Album «Sexistential» – und sieht sich einer Herkules-Aufgabe konfrontiert: Immer innovativ zu klingen.
Was ist das für ein Gefühl, von Kritiker‘innen wie Kolleg*innen als Ikone verehrt zu werden? Das ist sehr schmeichelnd – und ich weiss nicht, ob ich eine solche Form von Bewunderung überhaupt verdiene. Letztlich habe ich nur getan, was ich tun musste, um meine Musik und meine Vision zum Leben zu erwecken. Aber: Ich bezweifle, dass mein Vorgehen und mein Geschäftsmodell allgemeingültig sind. Klar, wenn das jemand toll findet oder meint, es würde auch für ihn funktionieren – gerne. Doch ich habe immer nur getan, was gut für mich ist – nicht für alle Frauen in der Musikwelt. Selbst, wenn das ein netter Gedanke ist. (lacht)
Was für Ratschläge erteilst du Taylor Swift, Lorde oder Charli XCX, wenn sie dich darum bitten? Ich sage ihnen, wie ich die Dinge angehe und was ich auf jeden Fall vermeiden würde. Im Sinne von: Ich bin kein Mentor, aber ich kommuniziere gerne, was ich denke, und ich gebe moralische Unterstützung. Ich habe mich zum Beispiel mit Charli getroffen, bevor ihr Album «Brat» erschienen ist. Ich habe den Titel, die Musik und auch unsere Unterhaltung geliebt. Das habe ich ihr genauso gesagt.
Und um ehrlich zu sein, fühle ich mich eher Pop-Künstlern ihrer Altersgruppe verbunden als gleichaltrigen. Einfach, weil die jüngere Generation offener ist. Das finde ich cool und interessant – es hält mich auf dem neuesten Stand.
Sprich: Was lernst du als alter Hase vom Nachwuchs? Na ja, ich bin eine Frau in den Mittvierzigern – ich brauche Unterstützung, was die digitale Welt betrifft. Denn wenn mich da niemand auf dem Laufenden halten würde, hätte ich keine Ahnung, wie ich mich darin bewegen sollte. Einfach, weil das für mich eine neue Spielwiese ist und da so viel passiert. Ich brauche Hilfe, um mich dadurch zu navigieren. Und die nehme ich dankbar an.
Warum hast du acht Jahre für «Sexistential» gebraucht – ähnlich lange wie beim Vorgänger «Honey» von 2018? Ich hatte zwischenzeitlich das Interesse an Pop-Songs verloren und wollte etwas anderes ausloten – deshalb bin ich in Clubs gegangen. Und das war die Musik, die mich interessiert hat. Aber: Letztlich geht es mir immer darum, gute Songs zu schreiben. Das ist mein Ding. Und ich hatte schon vor dem «Honey»-Album so viel Material auf Halde, dass mir klar war: Irgendwann werde ich es für etwas anderes nutzen. Das habe ich – wozu ich mich aber regelrecht zwingen musste.
Denn heutzutage ist es wirklich schwierig, guten Pop zu machen. Da gibt es schon so viel und vor allem so viel Gutes, dass es etwas davon hat, das Rad neuerfinden zu wollen. Sprich: Es ist eine schwierige Aufgabe. Doch jetzt hatte ich die nötige Energie dazu – und es fühlte sich aufregend an.
Im Sinne von: Es ist bereits alles gesagt und getan? (kichert) Es lässt sich immer noch gute Popmusik machen, aber es ist halt nicht mehr so leicht.
Du giltst als «cutting edge» – als fortschrittlich und hochmodern. Nur: Inwieweit ist es heutzutage noch möglich, diesem Anspruch gerecht zu werden? Gute Frage. Ich würde sagen: Früher ging es um die Technik – um neue Sounds. Und die gibt es kaum noch. Die grosse Entwicklung, die in den 70ern und 80ern stattfand – als Musik elektronisch wurde – findet nicht mehr statt. Eben dieses: «Oh, das klingt ja ganz anders.» Aber: Gute Songs gibt es trotzdem noch – und persönlicher Ausdruck funktioniert auch weiterhin.
Also ist Persönlichkeit viel attraktiver als sich mit jedem Album neu erfinden zu wollen, wie es Madonna lange versucht hat? Ich denke, man muss irgendwann einen Gang runterfahren. Und ich möchte nicht die Art von Künstlerin sein, die sich an ihrem Erreichten festklammert und immer weitermacht, selbst wenn es langsam peinlich wird. Ich hoffe, ich trete vorher ab, und das würde ich auch allen anderen raten, weil es besser ist. Was «cutting edge» betrifft: Ich weiss nicht, ob ich das je sein wollte. Mir geht es eher um tantrische und verspielte Musik, die dafür sorgt, dass ich jedes Zeitgefühl verliere – durch den Groove und die Kombination aus Rhythmus und Melodie.
Es geht darum, sich in etwas zu verlieren. Das ist mein Ziel.
Mit einem Album, das eine bestimmte Phase deines Lebens dokumentiert – das Ende einer langjährigen Beziehung, gefolgt von intensivem Clubbing und Dating sowie der Geburt deines Sohnes? Ganz genau. Ich hatte das Gefühl, mein Leben wieder in die eigene Hand zu nehmen – und dabei eine Menge umwerfender Erfahrungen zu machen. Also: Auszugehen, Spass zu haben, eine Therapie zu machen und meine Zukunft zu planen. Ich habe wirklich einiges erlebt, ehe ich meinen Sohn bekommen habe. Und das halte ich auf diesem Album fest – eben zum Single-Dasein zurückzukehren, meinen Körper neu zu entdecken und meinen Sohn durch künstliche Befruchtung zu bekommen. Das war wie ein neuer Lebensabschnitt – ohne Partner. Ich war auf mich gestellt und habe alles aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachtet, als zuvor.
Um den Albumtitel aufzugreifen: Wie wichtig ist dir Sex? War und ist das Teil der Selbstfindung, deines neuen Ichs? Sex war mir schon immer wichtig – und verbunden mit ebensolchen Fragen. Er geht einher mit einer Menge komplexer Situationen – wie die richtigen Partner zu finden, da eine Art stillschweigender Vereinbarung zu treffen und seine Lust auszuleben. Ich habe dabei meine Sinnlichkeit wiederentdeckt, meinen Hunger nach Intimität und meine Lust am Leben. Dinge, die lange in den Hintergrund getreten waren. Das alles ist in dieses Album eingeflossen. Wobei der Titel auch für die Trennung von beidem steht – Lust und Fortpflanzung. Das sind die Ansätze, die ich hier verfolge. Es geht ausschliesslich um persönliche Erfahrungen.
Und: Wird der Sex mit zunehmendem Alter besser? Und hat es damit zu tun, seinen Körper besser zu kennen? Definitiv. Daran gibt es keinen Zweifel. (MANNSCHAFT berichtete über eine neue Webserie über schwule Männer und ihr Sexleben im Alter.)
Obwohl du eine offen heterosexuelle Frau bist, wirst du von der LGBTIQ-Community als Ikone verehrt. Wie kommt's? Zunächst einmal habe ich Angst davor, auf ein Stereotyp reduziert zu werden. Deshalb habe ich immer versucht, meine Freiheit zu verteidigen und genug Raum zu haben, um komplex zu sein. Ich schätze, die queere Gemeinschaft versteht das. Denn queer zu sein, heisst ja auch, seine Sexualität selbst zu definieren – also was man sein möchte, wie man leben will und welche Gemeinschaft man am liebsten um sich herum scharrt. Dabei muss man seine eigene Position ständig neu verhandeln.
Und in diesem Sinne würde ich sagen: Ich bin ebenfalls queer. (lacht) Nicht so sehr sexuell, sondern als Person, die sich mit dieser Weltsicht identifiziert. Und vielleicht hört die queere Community das in meiner Musik. Also dieses Verlangen, ein eigenes Leben zu führen und alternative Erfahrungen zu machen – ausserhalb der Norm. Das verfolgt die queere Gemeinschaft ja als oberste Ziele. Und dazu zählt für mich auch, dass man Kinder auf unterschiedliche Weisen haben kann oder man ganz klar in Bezug auf die Personen ist, die man kennenlernen will.
All diese verhandelbaren Sachen, die langsam zum Mainstream werden, weil die Leute die Komplexität von Intimität jetzt auf andere Weise verstehen. Insofern ist es traurig, dass gerade junge Leute heute mehr Angst vor Intimität haben, als das in meiner Jugend der Fall war. Nur: Wir arbeiten daran, das zu ändern – mit einer offeneren und empathischeren Gemeinschaft.
Vom gemobbten Kind zum offenen schwulen Social-Media-Star. Luke Hamnett sagt heute im Rückblick: «Am Ende des Tunnels gibt es Licht» (MANNSCHAFT berichtete).
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