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«Open up!» So queer war der ESC noch nie

Der Eurovision Song Contest ist zurück – und wie!

Eurovision Song Contest
Tusse (Schweden) tritt mit dem Song «Voices» an (Foto: Soeren Stache/dpa-Zentralbild/dpa)

Jan Feddersen schreibt seit 2005 für eurovision.de über den Eurovision Song Contest. Der langjährige Beobachter meint in seinem Samstagskommentar*: Vor ein paar Jahren war es beim deutschen ESC-Sender NDR gar nicht gern gesehen, die schwule Aura des ESC besonders hervorzuheben. Heute in Rotterdam ist es so: Wer auch nur einen Anflug von Aversion gegen Homos verbreitet, hat schon verloren.

Wie schön ist das denn: Da singt ein eben gerade aus dem Kongo nach Schweden eingewanderter junger Mann mit dem Künstlernamen Tusse beim Eurovision Song Contest – und Jüngere, also heute so ungefähr 20-Jährige, finden das weder bemerkenswert, noch können sie sich vorstellen, dass das mal eine grosse Sache gewesen wäre.

Dass schwule Performer die Showbühne nutzen, um als offen homosexuelle Menschen eine perfekte Figur abzugeben. Ich bin alt genug um zu wissen: Das war mal ganz anders. Der Eurovision Song Contest war ja immer ein schwules, also in jeder Hinsicht queeres Kulturereignis, ich habe über die vielen Fäden, die unsereins mit diesem Festival verbindet, mal einen wissenschaftlichen Aufsatz geschrieben.

Als Person meiner Generation darf ich so erinnerlich sein: Wir glaubten damals, in manchen Sängern (und gelegentlich: auch Sängerinnen) schwule Männer wie uns zu erkennen. Verbürgt ist dies beim Franzosen Jean-Claude Pascal, der mit «Nous les amoureux» für Luxemburg antrat, und es brauchte nur wenige Tage, ehe auch der letzte deutsche Homo durch Szenegeflüster erfahren hatte, dass dieses Lied einer Liebe gilt, die auch einem Mann gewidmet sein könnte.


Und dann in den Sechzigern und Siebzigern, Cliff Richard, Jürgen Marcus oder Dschinghis Khan – waren die nicht auch so, jedenfalls im Falle der von Ralph Siegel YMCA-mässig gecasteten Gruppe wenigstens Teile? Wir wussten es nicht genau, und so waren die Zeiten: Kam Schwules oder Lesbisches oder Drag oder Trans oder sonstwie queer heraus, konnte darüber nicht gesprochen werden. Der Weg zu Conchita Wurst oder eben jetzt Tusse aus Schweden war noch lang.

Der erste offizielle schwule ESC-Performer war im übrigen Páll Óskar 1997, der isländische Kandidat. Dann gab es natürlich noch die slowenischen Sestre oder andere. Man denke auch an Filipp Kirkorov aus Russland, der 1995 beim ESC für sein Land antrat, dort ein hochrenommierter Musikproduzent ist und über eine Behausung verfügt, gegen die des legendären Liberace oder des Münchners Rudolf Moshammer eher sozialwohnungshaft aussahen.

Schnee von gestern, abgetaut, gut so. Dass die Türkei auf den ESC verzichtet, ihn meidet wie einen ein jesuanisches Kreuz, hat im Übrigen auch mit Conchita Wurst und, so türkische Fernsehleute, «degenerierten Exemplaren» zu tun, die wir für sie sind. Als schwuler Performer muss man längst nicht mehr so tun, als sei man anders, als heterosexuell orientiert. Tusse hat mit der vollen Televoting-Dröhnung in Schweden die Vorentscheidung gewonnen (und auch die Zuschauer*innen im 1. ESC-Halbfinale überzeugt – MANNSCHAFT berichtete): Die Geschichte des Mannes, der so ein schönes Schwedisch spricht und der als unbegleiteter Flüchtling in den Norden Europas kam, überzeugte von Herzen das Publikum. Dass er Ringe, Stress, Glam, Puder & Glanz liebt – umso besser.


Und dann ist da noch Jeangu Macrooy («Birth Of A New Age»): Der in Surinam geborene Singer-Songwriter macht Modern Soul. Er lebt seit 2014 in Holland. Als schwuler Mann habe ihn die «Machokultur» in der niederländischen Ex-Kolonie gestört, sagte er dem Algemeen Dagblad.

Nie war der ESC queerer, was auch am Zeitgeist liegt. Dass der Sieger des ESC von Tel Aviv im Jahr 2019, Duncan Laurence einer von uns ist, weiss alle Welt . Ein Troubadour heutiger Tage – das dürfen wir mal feiern. Jendrik, der deutsche Kandidat, der «I Don’t Feel Hate» etwas überfröhlich, fast klischeehaft unwütend singt, mit seiner Ukulele, mit perfekten Tanzschrittchen und Freund*innen auf der Bühne, die sich wie Wokeness-Ultras ausnehmen (eine trägt Kopftuch, die nächste ist schwarz usw.), ist fast schon zu perfekt. Noch vor wenigen Jahren war es beim deutschen ESC-Sender NDR gar nicht gern gesehen, die schwule Aura des ESC besonders hervorzuheben: Das scheint jetzt vorbei.

Auch das: ein Erfolg unsererseits im Kampf um Sagbarkeit, Sichtbarkeit und der Symbolik, dass unsereins hinter dieses Niveau nicht zurückwill, nicht in die bleiernen, uneigentlichen, wie in einer Halszwinge tyrannischen Jahre der Diskretion. Freuen wir uns mal über uns selbst! Mehr als die Hälfte aller Finalist*innen sind queer, nicht nur per Anspruch, sondern leben nichtheteronormativ. Alle Welt liest diese*n und jene*n Teilnehmer*in als schwul oder nonbinär – queer bedeutet beim ESC andererseits nichs Geheimnisumwittertes mehr. Ohnehin: Es ist das queerste Familienprogramm der Welt, eine Show über fast vier Stunden, die unsere Kultur repräsentiert.

Wer in Rotterdam auch nur einen Anflug von Aversion gegen Homos verbreitet, hat schon verloren. Das ist keine Cancel Culture, sondern nur ein Resultat von allerbestens gelungener Gerechtigkeit, oder?

*Jeden Samstag veröffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar oder eine Glosse zu einem aktuellen Thema, das die LGBTIQ-Community bewegt. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.

Erfunden hat den ESC übrigens einst ein Schweizer TV-Journalist.


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