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Es war nicht alles schlecht, oder? – Mein Highlight 2020

Eine Hochzeit, neue Perspektiven auf Beruf und Beziehung sowie – ein Privatkonzert von Anna Netrebko

Highlight 2020
DJ Herzbeat, Anna Rosenwasser & Mayo Velvo erzählen ihr Highlight 2020 (Fotos: privat/privat/Peter Godry)

Das Jahr ist fast Geschichte. Alles Corona, oder was? Nein, es gab auch gute Momente. Wir haben Mitglieder der LGBTIQ-Familie gebeten, uns ihr Highlight 2020 zu verraten.

Marcus Urban, Ex-Fussballspieler und Aktivist (Berlin)
«Das Schönste war die Hochzeit mit meinem Jens. Nun sind wir tatsächlich verheiratet, und Jens damit der erste offizielle Spielermann der Welt und ich der erste verheiratete Ex-Profifussballer, soweit ich weiss. Wir sind froh, es durchgezogen zu haben, und dass wir es alleine für uns gefeiert haben, war das allerbeste daran. Die Party kommt dann 2021!»

Marcus Urban (Foto: privat)

MANNSCHAFT-Kolumnistin Anna Rosenwasser (Zürich)
«Ich bin kein allzu weihnachtlicher Mensch… aber dass Heiligabend einsam würde, hatte mir schon etwas Sorgen gemacht. Semi-motiviert drückte ich um 22 Uhr auf Play beim Musical «Community», das queere Kulturschaffende innert weniger Wochen erschaffen hatten (MANNSCHAFT berichtete), und hab schon nach fünf Minuten heulen müssen. Vor Rührung und Erleichterung und queerer Liebe. Für 35 Minuten war mein Community-Vermissen etwas gelindert. Und die Weihnachtsstimmung plötzlich ein bisschen vorhanden.»

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Sascha Korf, Comedian (Köln)
«Was für mich an Corona das einzig Gute war, ist, dass mein Freund und ich uns irgendwie komplett neu aufgestellt haben. Er ist ja Purser und ich Künstler auf Tour. Das heisst, wir waren ständig unterwegs. Mal hatte der eine die Wohnung für sich, mal der andere. Durch Corona waren wir nun jeden Tag da. Was am Anfang Herausforderung war, entwickelte sich zu einem völlig neuem Alltag, der unglaublich toll ist. Wir haben an dem anderen völlig neue Qualitäten entdeckt.»

Annet Audehm, LGBTIQ-Aktivistin (Berlin)
«Als ich die Botschaften in Berlin aufgesucht habe von Ländern, wo LGBTIQ-Rechte mit Todes-, Gefängnis- oder Geldstrafe bestraft werden, wurde mir es noch bewusster, welch ein grosses Geschenk wir hier haben, in Freiheit zu leben. Das ist richtig und wichtig ist, auch hier weiter zu kämpfen.»

Marco Uhlig, Partyveranstalter und Pfleger (Zürich)
«Mein absolutes Highlight war sicher die Einladung in die Live-Sendung zum IDAHOBIT bei SRF am 17. Mai, in der ich zur besten Sendezeit über die unsägliche Situation der Hate Crimes gegen queere Menschen sprechen konnte, die seit Anfang 2020 stark zugenommen hatten und konzeptlos von Politik und Polizei hingenommen wurden. Die Sendung hat viel angestossen und zu weiteren Interviews geführt. Viele Menschen wurden darauf aufmerksam, mehr Opfer meldeten sich und es erhöhte den Druck auf die Verantwortlichen. Die anfängliche Untätigkeit der Behörden hat meinen Kampfgeist neu entflammt, und ich habe sehr viele positive Feedbacks und Unterstützung aus der Community erhalten.

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Marco Uhlig
Marco Uhlig (Bild: Facebook)

Die Schliessung vom Heaven hat dann zusätzlich mein Leben komplett auf den Kopf gestellt. Ich arbeite wieder auf der Intensivstation an meinem alten Arbeitsort im Unispital Zürich und habe die Liebe zu meiner «alten» neuen Berufung wiederentdeckt. Als das Unispital sich im Sommer dazu entschieden hatte, mit einem riesigen «Wir bekennen Farbe»-Banner am Spitalgebäude für den Kampf gegen die Hass-Überfälle und für mehr LGBT-Rechte öffentlich einzustehen, wusste ich, dass ich genau für den richtigen Arbeitgeber arbeite, und es machte mich als Mitarbeiten und als Prideler extrem stolz.

Nach diesem Jahr bin ich ein anderer Mensch geworden.

Nach diesem Jahr bin ich definitiv ein anderer Mensch geworden. 2020 war ein schwieriges Jahr, und nun am Ende des Jahres kämpf ich immer noch, diesmal um das Fortbestehen vom Heaven. Ein kleiner Lichtblick war das euphorisch gefeierte Re-opening im Juni nach dem ersten Lockdown (MANNSCHAFT berichtete). Ein sehr emotionales Weekend für mich und alle Anwesenden.»

DJ Herzbeat (Berlin)
«Auch wenn das Jahr alles andere als Prall war, habe ich dennoch schöne Momente erleben können. Zum einen der Augenblick, als mein Album «Dancefieber» im Juni erschien. Das war ein wahnsinniges Gefühl. Der erste Live-Auftritt seit langem bei der «Schlager Nacht des Jahres» in Berlin, wo ich zusammen mit meiner Ikone Marianne Rosenberg gemeinsam in der Waldbühne performen durfte. Für sie habe ich ihren Hit «Wann (Mister 100%)» neu gemixt. Es war einfach nur grossartig. Was mich auch noch sehr glücklich macht, dass ich im diesen Jahr Onkel geworden bin und jetzt eine ganz süsse Nichte habe und mich immer freue, wenn ich sie sehen darf.»

schwuler DJ Herzbeat
Bild: Universal Music

Der trans Mann Leon Dietrich ist seit diesem Jahr die erste hauptamtliche Ansprechperson für LGBTI der Polizei Niedersachsen, zuständig für vier grosse Behörden mit ungefähr 10.000 Beschäftigten – Polizeidirektion Hannover, Zentrale Polizeidirektion Niedersachsen, Polizeiakademie und das Landeskriminalamt – und koordiniert die anderen Ansprechpersonen LGBTI der Polizei im Nebenamt.

Leon Dietrich (Foto: zVg)

«Das war eine grosse berufliche Veränderung in 2020 für mich, da ich zuvor auch im Nebenamt als Ansprechperson für LGBTI tätig war und nun in Vollzeit zur Verfügung stehe. Das Amt ist so wichtig, weil bei uns inzwischen Vielseitigkeit und Diversität nicht mehr nur auf dem Papier stehen und ich mich als LGBTI-Landesbeauftragter der Polizei Niedersachsen seit einem halben Jahr intensiv für das Ziel der niedersächsischen Landesregierung, jedweder Diskriminierung entgegenzutreten und vulnerable Gruppen wie es auch die LGBTI-Community ist, einsetzen kann.

Mir ist wohl bewusst, dass die LGBTI-Community auch wegen der geschichtlichen Hintergründe der Polizei (vor 50 Jahren war die Polizei noch der «Verfolger», Stichwort §175) sehr grosse Angst vor uns hat (MANNSCHAFT berichtete). Deswegen ist es umso wichtiger in meiner neuen Funktion innerhalb der LGBTI-Community Vertrauen zu schaffen und sichtbarer zu werden. Die Menschen müssen wissen, dass sie im öffentlichen Raum geschützt sind und bei der Polizei kompetente Ansprechpersonen antreffen, die sie in einer bedrohlichen Situation vorurteilsfrei unterstützen.»

Verlegerin Ilona Bubeck (Berlin)
«Durch das Virus war mein Leben tatsächlich weniger anstrengend, da ich die meiste Zeit Zuhause auf dem Dorf verbracht habe, und das war körperlich fast schon erholsam, da ich noch mehr als sonst mit meinen Hunden draussen in der Natur war, und mehr als sonst, Zeit zum Lesen hatte. Dafür habe ich dann die wenigen Begegnungen umso mehr wertschätzen gelernt.

Querverlag
Ilona Bubeck und Mit-Verleger Jim Baker (Bild: Sergio Vitale)

Ein besonderes Highlight und völlig überraschend für mich war, dass wir vom Querverlag im November den Berliner Verlagspreis bekommen haben. Das ist eine Anerkennung, die alles andere als selbstverständlich ist, denn gerade in der Verlagsbranche werden wir immer Aussenseiter sein. Und im Laufe der Monate habe ich mich auch mit online-Lesungen anfreunden können, was mir erst sehr schwer gefallen ist.

Aus der Not haben unsere Autorinnen und Autoren und viele Veranstalter und auch Buchhandlungen tolle kreative Ideen entwickelt. Dadurch konnte ich an digitalen Buchvorstellungen teilnehmen und mir die Vorträge aus Sammelbänden, wie z.B. aus dem Buch «Zugzwänge» anhören und die Diskussionen dazu verfolgen, obwohl das in den Städten Leipzig und Köln organisiert war. Wir werden sicher einiges an Veränderungen im digitalen Bereich beibehalten und auch in Zukunft Veranstaltungen, die später wieder mit Publikum stattfinden können gleichzeitig für mehr Publikum online zugänglich machen.»

«Ich fühle mich richtig befreit» – Die Coming-outs 2020

Peter Fässlacher, ORF-Moderator und MANNSCHAFT-Kolumnist (Wien):
«Mein Moment 2020 hat 2 Minuten 50 gedauert. Als im April ganz Österreich verunsichert und im ersten Lockdown war. Für eine TV-Sendung haben wir auf der Bühne der völlig leeren Wiener Staatsoper gedreht. Kein Publikum im Saal, keine Mitarbeiter*innen im Haus, ein leerer Schnürboden, keine Kulissen auf der Bühne, nichts.

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Privatkonzert mit der Netrebko (Foto: Peter Fässlacher)

In dieser surrealen Situation steht Anna Netrebko fünf Meter von mir entfernt und singt für unsere Sendung die Arie «Un bel di vedremo» aus Madame Butterfly. Ein Privatkonzert von einem der grössten Opernstars der Welt auf der leeren Bühne der Wiener Staatsoper. In dieser angespannten Stille aus Angst vor Corona waren plötzlich diese schönen und sanften Töne von Anna Netrebkos Gesang zu hören. Ein unglaublicher und magischer Kontrast.»

Blumenhändler Mario Burkhard (Bern)
«Als der Lockdown im Frühjahr eintrat, stand ich an einem grossen Einschnitt in meiner beruflichen Laufbahn. Wie geht es jetzt weiter? Überstehen wir diese Zeit, ja tausend Gedanken blitzen durch meinen Kopf. Die Antwort lautet JA, wir haben es mit mit einem super Teamgeist und den besten Lieferanten aus Holland geschafft und uns sogar noch erweitert mit einem dritten Geschäft.
Den gemeinsam ist man stark und kann jede Krise im Leben überstehen!»

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Mario Burkhard (Foto: zVg)

Mayo Velvo, Chansonnnier (Düsseldorf)
«Auch wenn die «Corona-Krise» gleich zweimal ins kreative aber auch monetäre Geschäftsjahr grätschte, erfuhr ich von den unterschiedlichsten Seiten (und vor allem meist unerwartet) Hilfe, Unterstützung und Zuspruch, dafür ein grosses Dankeschön! Trotz der wenigen, wunderbaren Auftritte, die noch machbar waren, ergaben sich parallel ungeahnte Zusammenarbeiten (z.B. mit dem grossartigen Trompeter Bassam Mussad, sowie die Demo-Recording-Sessions mit Mike Mlynar) und neue künstlerische Perspektiven. So versuche ich dann doch, mit dem Jahr 2020 halbwegs in Frieden abzuschliessen.»

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Mayo Velvo (Foto: Peter Godry)

Und wie war dein Jahr 2020? Hier geht’s zur Umfrage der Woche.

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