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Die Tunte als Reizfigur – Warum es lohnt, für eigene Träume zu kämpfen

Die Szene wurde marginalisiert, aber es gibt sie noch

Tunten
Pepsi Boston auf der Bühne im Hinterhof des Tuntenhaus Forellenhof, Juni 1990 (Foto: Michael Oesterreich/SMU)

Die Drag Queen hat heute die gute alte Tunte in der breiten öffentlichen Wahrnehmung weitgehend verdrängt. Doch das Phänomen hat seine sozialkritische Bedeutung nicht verloren.

Noch bis Ende Oktober läuft im Schwulen Museum in Berlin eine Ausstellung über den «kurzen Sommer des schwulen Kommunismus». Dieser Blick zurück zeigt, wie sich in der untergehenden DDR queere Menschen im «Tuntenhaus» einfach die Freiheit genommen haben, so zu leben, wie sie wollten. Durch die Ausstellung kommt auch der Begriff der «Tunte» wieder mehr ins öffentliche Bewusstsein. Sind doch diese in der deutschen Schwulenbewegung zentralen Akteure des Kampfes um queere Emanzipation in den letzten Jahrzehnten immer mehr in den Hintergrund getreten.

«Tunte» war ursprünglich als Beleidigung gemeint. Doch die Protagonist*innen der deutschen Schwulenbewegung haben sich diesen Begriff angeeignet, um die negativen Wertungen ins Positive zu wenden. Rosa von Praunheim erklärte dies in seinem Film «Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt», so: «Die Mehrzahl der Homosexuellen gleicht dem Typ des unauffälligen Sohnes aus gutem Hause, der den grössten Wert darauf legt, männlich zu erscheinen. Sein grösster Feind ist die auffällige Tunte. Tunten sind nicht so verlogen wie der spiessige Schwule.»

Das neue Selbstbewusstsein der Tunten gipfelte im «Tuntenstreit» von 1973. Die Homosexuelle Aktion Westberlin (HAW) spaltete sich in einen moderaten und einen radikalen Teil. Die Gemässigten glaubten, dass ein Auftreten in Frauenkleidern verhindern würde, dass sie mit der Arbeiterklasse gemeinsam Ziele erreichen konnten. Die Radikalen forderten eine eigenständige Schwulenbewegung, die auch die Geschlechterrollen überschreiten können sollte. Besonders in den 80er Jahren entwickelte sich in Berlin eine Szene der «Polittunten», die stark geprägt vor dem Hintergrund der AIDS-Krise versuchte, zu sensibilisieren und zu helfen.


Die aktuelle Ausstellung «Tuntenhaus Forellenhof 1990» offenbart mit ihrem Blick in längst vergangene Tage einen Zustand des freien Lebens, wie er so nur im Chaos eines untergehenden Staates entstehen konnte. Am 1. Mai 1990 kamen über einen Grenzübergang einige Tunten aus dem Westen nach Ostberlin und besetzten ein Haus in der Mainzer Strasse. Diese 12 Kreuzberger Tunten bildeten eine Kommune. In der Strasse gab es daneben noch ein Lesbenhaus und ein Frauenhaus. Doch auch Neonazis hatten dort eine festungsartige Zentrale eingerichtet.
Die Bewohner*innen im Tuntenhaus wollten alternative Lebensmodelle ausprobieren und waren ausdrücklich gegen das patriachale System ausgerichtet. Sie waren gegen den «realexistierenden Sozialismus» der DDR und gegen den Kapitalismus Westdeutschlands sowieso. Die Menschen in dem Haus lebten in ständiger Furcht vor der Polizei und Neonaziangriffen. Bald kamen Tunten aus aller Welt dazu. Sie bauten einen Spielplatz, eröffneten ein Antiquariat und eine Nachtbar.

In der Ausstellung im Schwulen Museum sind die Wohnräume der damaligen Wohngemeinschaft zu sehen. Die Bühnenbildnerin Bri Schlögel, die im Museum diese Räume rekonstruiert hat, weist darauf hin, dass die Kommune weniger einem festen Plan folgte, als einfach die Möglichkeiten der Zeit nach dem Mauerfall nutzte. Das Ganze dauerte dann auch nur ein halbes Jahr. Die Räumung des Hauses erfolgte am 14. November 1990 in strassenkampfartigen Szenen durch die Polizei. Die Besetzer*innen sangen die «Internationale», während die Polizei die Menschen aus dem Haus holte. Auch wenn die Bewohner*innen dieser Kommune in der Schwulenbewegung keine Breitenwirkung entfalten konnten, zeigten sie in ihrem Vorhaben symbolisch das freie Leben antikapitalistischer Tunten. Es geschah aber auch in einer Zeit, in der ihr Projekt geradezu sinnbildlich den Endpunkt einer Entwicklung innerhalb der Schwulenbewegung markierte.

Nach 1989, mit dem Ende der deutschen Teilung und dem «Sieg» des Kapitalismus, änderte sich die Jugendkultur. Der Soziologe Claus Leggewie beschreibt dies als einen Shift von der politisch engagierten 68er Generation hin zur stärker konsum- und freizeitorientierten 89er Generation. Der CSD entwickelte sich stärker von einer politischen Veranstaltung hin zu einer Party und die «Loveparade» wurde zu einem riesigen Magnet auch für viele queere Menschen. Parallel dazu öffnete sich auch die Mehrheitsgesellschaft mehr und mehr für queere Fragestellungen. Als die queeren Räume in Berlin den Partylifestyle immer mehr in sich aufnahmen, führte dies zu einer Marginalisierung der Tunten-Szene, beschreibt Kulturwissenschaftler Carsten Balzer.


Die Drag Queen hat heute die Tunte in der breiten öffentlichen Wahrnehmung verdrängt. So zumindest wirkt es in Magazinen, Paraden und TV-Serien. Tunten und Drag Queens geht es beiden um die Betonung des weiblichen Teils der eigenen Identität und die übertriebene Darstellung von Geschlechterrollen. Doch sonst verbindet sie beide eher wenig. Manche Tunte kritisiert die Drag Queens für ihr unpolitisches Auftreten und ihre Anpassung an bestimmte Schönheitsideale. Drag Queens kritisierten Tunten gelegentlich für ihr allzu sozialkritisches Auftreten und auch dafür, dass sie gelegentlich betont schlecht angezogen seien. Denn Tunten portraitieren auch die «Klo-Frau» oder die Frau um die Ecke. Sie verbinden so Selbstironie mit Sozialkritik an der heteronormativen Gesellschaft. Doch so sehr die beiden Phänomene nebeneinanderstehen, so stark sind sie, ihr Aufkommen und ihr Verblassen auch immer Kinder ihrer jeweiligen Zeit.

Vereinzelt tritt auch heute noch das Phänomen der Tunte in Erscheinung. In Graz gibt es alljährlich den «Tuntenball». Ursprünglich als Benefiz-Veranstaltung zur AIDS-Hilfe gegründet, ist es heute eine der grössten queeren Charityevents Europas. In Berlin findet zudem seit 2018 ein Tuntenspaziergang statt.

So hat auch heute das Phänomen der Tunte seine sozialkritische Bedeutung nicht verloren. Martin Dannecker und Reimut Reiche haben bereits 1974 in ihrem Buch «Der gewöhnliche Homosexuelle» gezeigt, dass die Tunten allen Schwulen deren eigene nicht gemochte Sehnsüchte vorführen und so bei ihnen Abstossen hervorrufen. Dies gilt dann, wenn jemand etwa als «zu schwul» beschrieben wird, nicht dem weit verbreiteten Schönheitsideal entspricht, oder in Dating-Apps das Attribut «hetero-like» besonders beliebt ist (MANNSCHAFT berichtete).

«Diese Feindseligkeit wird wie im vorauseilenden Gehorsam übernommen und am Anderen ausgelebt. Das heisst: Schwule identifizieren sich mit dem Aggressor, mit dem heterosexuellen Massstab der Gesellschaft», beschreibt dies Patsy l’Amour laLove. Hier drückt sich in Teilen der Community die unterschwellige Ablehnung des eigenen «Schwulseins» in Selbsthass aus.

So bleibt die Tunte eine Reizfigur. Sie hält nicht-queeren und queeren Menschen gleichermassen den Spiegel vor. Die Berliner Tunten von 1990 in ihrer Kommune waren eine Provokation für die Mehrheitsgesellschaft und sie zeigten, dass sie imstande waren, ihre Kommune aufzubauen und ein solches Leben zu leben. Das Berliner «Tuntenhaus» machte deutlich, dass es sich lohnt, für die eigenen Träume zu kämpfen, auch wenn diese nur kurz bestehen bleiben.

 



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