In Wien sterben die queeren Bars weg – was tun?
In Wien schliessen immer mehr beliebte queere Lokale. Mehrere LGBTIQ-Politiker*innen fordern Queers auf, Lokale und Bars der Community mehr zu unterstützen.
In Wien gibt es vermutlich keinen Schwulen, der nicht die Mango Bar kennt. Die Bar war ein bekannter Treffpunkt in der Community. Doch nun musste Wiens älteste Schwulenbar schliessen. Das ist kein Einzelfall. Vor Kurzem hat auch die populäre Kiss Bar Vienna ihre Pforten geschlossen. In der Wiener Community machen jetzt Gerüchte die Runde, dass demnächst eine weitere bekannte Bar den Geschäftsbetrieb aufgeben könnte.
Das Szenesterben löst nicht nur in der Community, sondern auch in der Politik grosses Bedauern aus. «Natürlich trifft es mich und uns alle, wenn queere Lokale und damit sichere Orte für unsere Community schliessen müssen. Ich weiss aus vielen Gesprächen, dass es sich die Beteiligten in keinem Fall leicht gemacht haben und mit viel Herzblut und persönlichem Engagement alles dafür getan haben, die Lokale auch in schwierigen Lagen so lange aufrechtzuerhalten», sagt Mario Lindner, LGBTIQ-Sprecher der SPÖ zu MANNSCHAFT.
Ähnlich äußert sich der grüne Parlamentsabgeordnete David Stögmüller: «Ich bedauere die Schliessung von queeren Lokalen wie der Mango-Bar oder auch Kiss sehr.» Stögmüller ist LGBTIQ-Sprecher der österreichischen Grünen. "Gerade in Zeiten, in denen die queere Community wieder stärker unter Druck gerät und Angriffe auf Sichtbarkeit und Selbstbestimmung zunehmen, ist es besonders schmerzhaft, wenn Orte verschwinden, die für viele Menschen mehr sind als nur ein Lokal: nämlich Safe Spaces, Treffpunkte, Orte der Zugehörigkeit, des Austauschs und auch der gegenseitigen Unterstützung», betont Stögmüller gegenüber MANNSCHAFT.
Dass immer mehr Lokale zusperren, habe für den grünen Politiker mehrere Ursachen: wirtschaftliche Belastungen, steigende Mieten, aber auch ein verändertes Ausgeh- und Freizeitverhalten – gerade bei jungen Menschen, die heute oft andere Aktivitäten oder Formen des Zusammenseins wählen als klassisches Fortgehen. Das sei ein gesellschaftlicher Trend und in gewisser Weise auch «der Puls der Zeit», so Stögmüller. Trotzdem: Der Verlust solcher Räume sei eben so real und treffe die Community hart.
Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt Mario Lindner von der SPÖ: «Leider sehen wir schon seit einigen Jahren einen verstärkten Trend dazu, dass es unsere Community mehr auf Clubbings oder zu anderen Orten zieht. Angesichts der europaweiten Inflation hat das jetzt handfeste Konsequenzen», so Lindner.
Stögmüller und Lindner sind der Ansicht, dass die Community etwas gegen das Szenesterben machen kann. «Und zwar vor allem durch Sichtbarkeit, Solidarität und das bewusste Unterstützen dieser Orte. Das heisst ganz konkret: hingehen, konsumieren, Veranstaltungen besuchen, Initiativen dort durchführen, Lokale aktiv buchen – auch von Organisationen, Vereinen und Institutionen", betont Stögmüller. «Wenn wir wollen, dass diese Räume bleiben, müssen wir sie im Alltag auch nutzen und stärken.» Gleichzeitig brauche es auch Bewusstsein dafür, «wer in schwierigen Zeiten an der Seite der Community steht – und genauso müssen wir als Community und als Gesellschaft auch füreinander da sein.»
Nach Ansicht von Mario Lindner (SPÖ) nach seien «vor allem wir alle gefordert: Wenn wir unsere queeren Spaces weiter haben möchten, dann müssen wir sie auch unterstützen, hingehen, Events organisieren und zusammenarbeiten, damit die LGBTIQ- Community in Wien und auch in anderen Städten diese wichtigen Treffpunkte auch in Zukunft hat!»
Auf die Frage, ob die Politik beziehungsweise die Stadt Wien hier etwas tun soll, meint der grünen Politiker Stögmüller, er sehe nur begrenzte Möglichkeiten, direkt in das wirtschaftliche Überleben einzelner Lokale einzugreifen. «Aber Politik und Stadt können Rahmenbedingungen schaffen und gezielt dort unterstützen, wo es um den gesellschaftlichen Auftrag und die soziale Infrastruktur geht: Safe Spaces für junge Menschen, Jugendzentren, soziale Einrichtungen, Beratungsangebote oder Initiativen, die queeren Jugendlichen und insbesondere queeren obdachlosen Menschen helfen», so der Politiker.
Gerade für eine soziale Stadt wie Wien sei es zentral, «dass es ausreichend niederschwellige, sichere Orte und Unterstützungssysteme gibt – und dass diese ausreichend finanziert und ausgebaut werden». Darüber hinaus könne die Stadt Wien durch Kultur- und Veranstaltungsförderungen, Kooperationen und bewusstes Buchen von Veranstaltungsorten indirekt beitragen, dass queere Orte nicht allein gelassen werden.
Insgesamt gehe es laut Stögmüller darum, queere Räume nicht nur als «Nachtleben» zu betrachten, sondern als Teil einer vielfältigen, solidarischen Stadt – und als Ausdruck davon, dass Wien eine Stadt sei, in der alle Menschen sicher und sichtbar leben können.
Auch Henrike Brandstötter, LGBTIQ-Sprecherin der Neos, bedauert die Schliessung von immer mehr queeren Lokalen. «Nicht zuletzt sind die Schliessungen von queren Lokalen aber auch ein Zeichen gesellschaftlicher Akzeptanz. Queere Menschen fühlen sich immer mehr auch in straighten Bars und Clubs wohl», sagt Brandstötter. Wo die Community zusammenhalte, entstehen auch neue Räume. Manchmal kleiner und anders.
«Wer Infrastruktur will, muss sie aber auch aktiv nutzen, etwa, in dem man selbst öfter diese Orte aufsucht, andere Gäste mitbringt, sie in sozialen Netzwerken bewirbt und gute Rezensionen schreibt», sagt Brandstätter. Man müsse sich aber auch die Frage stellen, «ob es die Community noch in der Form gibt, die gemeinsame Ziele verfolgt.»
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