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«Calypso» von David Sedaris: herrlich böse, vernichtend zickig

Zum Entspannen gibt es drei Wege, die mir besonders liegen. Ein Wochenende ohne WLAN in einer Hütte am See verbringen, mir den Rücken kraulen lassen oder ein gutes Buch lesen – gerne auch alles gleichzeitig. Ein Buch, das mich zum Lachen bringt, gleichzeitig aber auch ausreichend Tiefe besitzt, um mich zu rühren oder mir Dinge klarzumachen, die es vorher nicht waren, oder zumindest Worte dafür zu finden. Zum Glück gibt es David Sedaris, denn er schreibt genau solche Bücher.

Ich weiß nicht, warum ich seit „Ich ein Tag sprechen hübsch“ nichts von ihm gelesen habe (es lag nicht an ihm), aber mit Sedaris verhält es sich wie mit alten Freunden, die man lange nicht gesehen hat: Es genügen ein oder zwei Sätze, und schon ist die alte Vertrautheit wieder hergestellt mit diesem Mann, der so herrlich böse, so vernichtend zickig und manchmal so rührend hilflos sein kann.

David Sedaris
„Calypso“ von David Sedaris (Foto: Promo)

Sedaris, 1956 im Bundesstaat New York geboren, lebt mittlerweile in England, zusammen mit seinem Partner Hugh. Er hat an Verschrobenheit glücklicherweise nichts eingebüßt und auch in Sachen Selbstironie kann man ihm keiner was vormachen. Das geht gleich in seinem ersten Essay in „Calypso“ los, wenn er erzählt, zwar sei das Ventil in seinem Penis undicht „und nach dem Pinkeln gehen immer ein paar Tropfen in die Hose“. Dafür habe er als „Mann in den besten Jahren“ ein Zuhause mit zwei Gästezimmern.

Die meisten Geschichten weiß Sedaris über seine Familie zu erzählen. Über seine zahlreichen Geschwister, aber auch über seinen Vater (92), von dem er sie Leidenschaft für Jazz hat, mit dem er aber ansonsten nie ein vernünftiges Gespräch zustande bekommt und sich schon als Kind nicht sonderlich von ihm gemocht fühlte.

David Sedaris und sein Partner – das perfekte Paar!
Aber auch Hugh ist immer präsent. Etwa wenn sie darüber streiten, womit man streunende Füchse füttert, oder wie tief man verstorbene Haustiere vergräbt. Der Autor erzählt, dass er seinen Partner regelmäßig daran erinnert, dass man das perfekte Paar abgeben werde, wenn Gäste kommen. „Wenn ich am Küchentisch sitze und er hinter mir steht, muss er eine Hand auf meine Schultern legen, genau an der Stelle, wo ein Papagei säße, wenn ich statt des idealen Partners ein Pirat wäre.“

Besonders erfrischend ist es, wie Sedaris über die Eheöffnung in den USA lästert. „Der eine unbestrittene Vorteil von Schwulen und Lesben war seit Menschengedenken gewesen, dass wir Leute nicht dazu zwangen, unsere Hochzeitsfeiern auszusitzen … und gelangweilt und schwitzend im Kreis zu stehen, während das Brautpaar mit feuchten Augen zu einem Song von Foreigner tanzte.“ Für die rechtliche Gleichstellung an sich war er schon (er hält Donald Trimp für einen Schwachkopf und spendete Geld für die Kampagne von Hillary Clinton); nur hätte er es lieber gesehen, wenn niemand von dem neuen Recht Gebrauch machen würde.

Dennoch war er überwältigt in dem Moment, als er erfuhr, dass der US Supreme Court entschieden hatte, dass gleichgeschlechtliche Ehen landesweit zulässig seien. Ihm kamen die Tränen und er dachte an die vielen Leute, die die Eheöffnung zu verhindern versucht hatten, und dachte: „Da habt ihr’s, Arschlöcher.“

Lachkrämpfe in der U-Bahn
Auf die Idee, zu heiraten, kam er erst, als sein Steuerberater ihm mitteilte, wie viel Geld sie als Ehepaar sparen könnten. Doch Hugh wollte nicht sein Mann werden. Nicht aus romantischen und nicht aus finanziellen Gründen. 18 Anträge hat Sedaris ihm gemacht, aber ob die zum Erfolg führten – das müsst Ihr selber lesen. Und wem es unangenehm sein sollte, in der U-Bahn oder im Bus unvermittelt von Lachkrämpfen geschüttelt zu werden, der liest „Calypso“ vielleicht besser zu Hause.

„Calypso“ ist bei Random House / Blessing erschienen, 272 Seiten.
David Sedaris liest u.a. in Zürich (9. Oktober), Freiburg (10.), Berlin (15.) und Stuttgart (17.)

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Also doch: Ernie und Bert sind ein schwules Paar!