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War’s das mit Selbstbestimmung? UK stoppt Gender Recognition Act

Die britische Regierung hat die Reform ihres Transsexuellengesetzes gestoppt. Wir sprachen mit Geschlechterforscher Till Randolf Amelung, ob das ein konservatives Roll-back oder positiv zu bewerten sei

Transsexuellengesetz
Symbolbild (Foto: Hello I'm Nik / Unsplash)

Till Randolf Amelung (36) hat Geschlechterforschung und Geschichtswissenschaften in Göttingen studiert. Er ist freier Autor und beschäftigt sich vor allem mit aktuellen Entwicklungen rund um Diversity, Intersektionalität und LGBTIQ. Missstände in Wissenschaft und Aktivismus stehen im Zentrum seiner Kritik und Veröffentlichungen. Im März 2020 gab er den Sammelband «Irrwege – Analysen aktueller queerer Politik» heraus. MANNSCHAFT sprach mit ihm über die gestoppte Reform des Gender Recognition Act in Grossbritannien und was sie bedeutet im Kontext aktueller «Transphobie»-Debatten.

Letzte Woche gab es in Grossbritannien spannende Neuigkeiten für trans Menschen. Was ist da passiert?
Die angekündigte Reform des sogenannten Gender Recognition Act fiel nun gänzlich anders aus, als erwartet. Der Gender Recognition Act ist sozusagen das britische Äquivalent zum deutschen Verfahren nach dem Transsexuellengesetz (TSG), was die Änderung des Vornamens und des Geschlechtseintrags regelt. Seit mehreren Jahren sind Reformbestrebungen in Grossbritannien anhängig gewesen, zuletzt versprach Theresa May, dass Reformen kommen würden. Die gewünschte Reform sollte die Änderung des Namens und der Geschlechtszugehörigkeit allein auf der Basis der Selbsterklärung (der sogenannten «Self-ID») ermöglichen und dabei auf komplizierte behördliche Vorgänge sowie medizinische Nachweise verzichten. Das wird jetzt nicht mehr passieren.

Der Entwurf von Liz Truss, Ministerin für Frauen und Gleichberechtigungen («Women and Equalities»), sieht weiterhin medizinische Nachweise vor. Die Kosten sollen jedoch gesenkt und das Verfahren gestrafft werden. Um überhaupt in einer kürzeren Zeit erforderliche medizinische Nachweise zu ermöglichen, sollen nun drei neue Genderkliniken eröffnet werden, damit mehr Behandlungsplätze für die verschiedenen Schritte von der Diagnostik bis zu möglichen Operationen zur Verfügung stehen.

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Viele trans Aktivist*innen werden darüber vermutlich erzürnt sein. Ist die britische Regierung von Boris Johnson «transphob» und ist die Ablehnung einer Reform des Gender Recognition Act Teil eines konservativen Roll-backs? Wie beurteilst du die Lage im Sinn von Fortschritt/Rückschritt?
Den Teil mit mehr Behandlungsplätzen würde ich definitiv als Fortschritt sehen, denn es gab immer wieder Kritik an der Gesundheitsversorgung für Transpersonen in Grossbritannien, weil die Wartezeiten teilweise mehrere Jahre bis zu einem Erstkontakt in einer Spezialambulanz betragen können. Natürlich ist die Entscheidung, dass eine Änderung der Geschlechtszugehörigkeit und des Vornamens weiter an medizinische Nachweise gekoppelt bleibt für viele im Aktivismus Ausdruck eines konservativen Roll-backs. Jedoch ist das meiner Ansicht nach eine zu flache Erklärung. Der Widerstand gegen «Self-ID» ging auch von radikalen Feministinnen aus. Sie fürchteten, dass sie Frauenräume dann nicht mehr ausreichend gegen missbräuchliche Personen absichern könnten. In diesen Kreisen wurden Berichte gesammelt und verbreitet, die diese Befürchtung stützen.

Transsexuellengesetz
Trans Mann, Geschlechterforscher und Publizist Till Randolf Amelung (Foto: Joanna Nottebrock)

Ebenso spielte sicherlich auch ein postmodern geprägtes Geschlechterverständnis von Biologie/Körper als soziale Konstrukte eine weitere Rolle für Widerstand. Dieses Geschlechterverständnis kam quasi von den Universitäten in den Aktivismus. Schliesslich wurde es dann auch eine Art «Glaubenskrieg» daraus. Im universitären Umfeld war man sehr schnell heftigen negativen Reaktionen ausgesetzt, wenn man dieses Geschlechterverständnis nicht teilte. Teilweise einhergehend mit öffentlichem An-den-Pranger-stellen in sozialen Netzwerken.

Doch die Kritikerinnen liessen sich davon offenbar nicht einschüchtern und organisierten sich. Teilweise altmodisch mit Treffen im Zusammenhang mit gewerkschaftlich organisierten Kreisen, aber auch über die Plattform «Mumsnet», die sich insbesondere an Mütter richtet. Wo man diese Frauen eben auch verloren hat, waren Auffassungen, dass jedes Individuum allein seinen Körper definieren könne – so eben auch, z. B. einen Penis als grosse Klitoris oder sogar Vagina bzw. überhaupt als weibliches Genital zu sehen. Das ist jetzt kein Witz!

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Für den deutschsprachigen Raum findet man sowas z.B. bei FaulenzA oder Felicia Ewert dokumentiert. Das Hauptproblem daran ist, das zunehmend aggressiver von Aussenstehenden verlangt wurde, solche persönlichen Umdeutungsversuche unhinterfragt zu übernehmen. Oder gar auch das gänzliche Umformulieren, wo sich Frauen nicht zu Unrecht unsichtbar gemacht fühlten, wenn es dann z. B. hiess, sie seien «Menschen mit Uterus».

Es soll in Grossbritannien eine unabhängige Untersuchungskommission eingerichtet werden, um zu prüfen, ob die derzeitigen Behandlungspraktiken für trans Kinder und Jugendliche angemessen sind. Zuletzt gab es schwere Vorwürfe, es würde zu fahrlässig diagnostiziert. Was heisst hier «fahrlässig»?
Ja, das ist richtig. Im Fokus steht dabei die Spezialambulanz der Tavistock Klinik in London, die meiner Kenntnis nach die einzige ist, die Behandlungen für trans Kinder und Jugendliche im National Health Service (NHS) anbietet. Die Vorwürfe von Fahrlässigkeit werden z. B. von ehemaligem Personal erhoben, dass die betreffenden Kinder und Jugendlichen nicht sorgfältig genug diagnostiziert würden. Auch eine Diagnostik von z. B. psychischen Erkrankungen soll nur unzureichend stattfinden. Es werde zu schnell eine Behandlung mit sogenannten Pubertätsblockern und anschliessender Hormontherapie verordnet. In einer Reportage der BBC gab es Aussagen, dass es sogar offensichtlich homophobe Eltern gegeben habe, die eine Transition ihres Kindes wollten, um kein homosexuelles Kind zu haben. All dem sollen keine Grenzen gesetzt worden sein.

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Beschäftigte, die Kritik äusserten, seien beschwichtigt oder gemobbt worden. Demnächst wird ein Fall einer wohl zu schnell behandelten Jugendlichen, die nun eine junge erwachsene Frau ist, vor Gericht verhandelt. Ihren Aussagen nach habe sie sich im Alter von 16 in der Ambulanz der Tavistock vorgestellt und dann relativ schnell Blocker und Testosteron bekommen, anschliessend auch eine Mastektomie. Die junge Frau ist jetzt 22 und bereut diese Entscheidung und wünscht sich, sie wäre mehr herausgefordert und hinterfragt worden. Im Oktober beginnt der Prozess. In diesem Fall bedeutet das, dass die junge Frau nun mit dem Stimmbruch und den männlichen Gesichtszügen und der Mastektomie leben muss. Einmal entfernte Körperteile oder Organe lassen sich nicht wieder in den vorherigen Zustand versetzen.

In seinem Roman «The Golden House» von 2017 beschreibt Salman Rushdie die aus Indien stammende Familie Golden, die nach New York zieht. Dort wird der sich nicht heteronormativ verhaltende jüngste Sohn sofort von besonders «woken» Personen, die er trifft, als «transident» eingestuft und gedrängt, eine entsprechende Transition zu vollziehen. Die er aber gar nicht will, weil er glücklich damit ist, so zu sein, wie er ist. Letztlich hält er den Druck nicht aus – und bringt sich um. Ist Rushdie «transphob» à la J.K. Rowling? Ist es ein Aspekt, der mehr beachtet werden sollte, dass man «trans» differenzierter behandeln sollte und nicht alles und jeden als «trans» einordnen darf, der/die den Ansatz von entsprechenden Anzeichen zeigt? Gibt es Filme oder Romane, die das aufgreifen?
Soweit mir bekannt ist, gibt es nicht wirklich solche Filme und Romane. Dafür jedoch immer mehr staatlich finanzierte Publikationen, die bestimmte Auffassungen stützen. Dabei geht es weniger um das aufgedrückte Definieren von aussen, als vielmehr um sehr weit gefasste Transbegriffe – wo im Grunde alle Trans sind, wenn sie das sagen. Ein zugewandtes, empathisches, aber doch differenziertes Auseinandersetzen mit Selbstaussagen finde ich persönlich wichtig. Besonders schwierig finde ich Definitionen, die Trans von Geschlechtskörperdysphorie entkoppeln wollen.

Geschlechtseintrag: Nationalrat ermächtigt trans Jugendliche

Gegen die Reform des Gender Recognition Act hat bekanntlich auch J.K. Rowling angeschrieben und getwittert. Hat sie sich jetzt schon geäussert zu der Entscheidung der britischen Regierung? Und: Warum verschwenden trans Aktivist*innen so viel Energie darauf, Rowling zu bekämpfen? Sind das Stellvertreter*innenkämpfe? Steht das deiner Meinung nach in irgendeinem Verhältnis zum Ziel, eine transfreundlichere Welt zu schaffen, für alle?
Von Rowling selbst konnte ich noch keinen Kommentar dazu finden. Sie hat grundsätzlich einen enormen Anteil daran, dass die Missstände eine grössere öffentliche Wahrnehmung erreicht haben. Allerdings hat kaum ein ausländisches Medium die realpolitischen Hintergründe für Rowlings Positionen näher erfasst, und so ist hier nur bekannt, dass Rowling transphob sei, aber die britische Situation zu dem Thema wurde nicht erklärt.

Davon abgesehen halte ich die Aufregung um Rowling in der Tat für Stellvertreterkämpfe, denn Rowling ist eigentlich nur Überbringerin des Problems. Nicht Rowling verklagt die Tavistock Klinik wegen des Vorwurfs von Behandlungsfehlern, sondern eine junge Frau namens Keira Bell. Ebenso ist Rowling auch nicht dafür verantwortlich, dass zum Teil Aussagen als Begründung für bestimmte Behandlungspraktiken genommen werden, deren Beweiskraft doch nicht so stark ist. Im August hat das American Journal of Psychiatry – das Magazin der American Psychiatric Association (APA) – eine Korrektur eines Artikels veröffentlichen müssen.  Dieser Artikel «Reduction in Mental Health Treatment Utilization Among Transgender Individuals After Gender-Affirming Surgeries: A Total Population Study» wurde von Richard Bränström und John Pachankis 2019 im Journal der APA veröffentlicht und besagte, dass geschlechtsangleichende Operationen die psychische Gesundheit von Transpersonen signifikant verbessern und das Suizidrisiko senken würden. Daraufhin gab es von mehreren Wissenschaftler*innen Zuschriften, die aufzeigten, dass das präsentierte Datenmaterial die so stark formulierte Aussage nicht ausreichend belegen würde. Nach einem Jahr intensiver Prüfung wurde jetzt im August im APA-Journal die Korrektur inklusive der Leserzuschriften veröffentlicht.

Wir brauchen medizinische Versorgung, die auf einer soliden Faktenlage beruht

Wir brauchen medizinische Versorgung, die auf einer soliden Faktenlage beruht, denn wir alle haben das Recht auf eine bestmögliche Gesundheitsversorgung. Sich an Rowling abzuarbeiten wird uns das nicht beschaffen.

Komischerweise gibt es bisher keine deutschen Artikel in LGBT-Magazinen über diese Entscheidungen der britischen Regierung. Haben sie keine Auswirkungen auf Deutschland, Österreich und die Schweiz? Wie ist denn die Lage hier – und was könnten wir aus der Situation in Grossbritannien lernen, im Positiven wie Negativen?
Die ausbleibende  Berichterstattung in deutschen LGBTIQ-Magazinen wundert mich schon, wo doch sonst auch internationale Nachrichten aufgegriffen werden, und die Entscheidung zum Gender Recognition Act ist ja nun nichts Belangloses. Ebenso ist die Entscheidung zur Einrichtung einer Untersuchungskommission von Bedeutung. Je nach dem, was dort in einem Jahr als Ergebnisse präsentiert wird, kann das durchaus bisherige Behandlungspraktiken bei Kindern und Jugendlichen in Frage stellen, auch unter Berücksichtigung unterschiedlicher Gesundheitsversorgungssysteme.

Trans Kinder in der Schule – Was Eltern wissen sollten

Im Bereich der Jugendlichen wird international in den letzten Jahren eine enorme Steigerung von Jugendlichen mit weiblichem Zuweisungsgeschlecht beschrieben, die so zwischen 14 und16 Jahre alt sind und sich dann erstmalig in einer Genderambulanz vorstellen. Und niemand weiss, warum das so ist und in diesem Alter das Verhältnis zwischen Jugendlichen mit weiblichem Zuweisungsgeschlecht und denen mit männlichem Zuweisungsgeschlecht 5:1 beträgt. Es gibt bislang keinen logischen Grund, warum das Verhältnis nicht näher beieinander liegen sollte. Inzwischen gehen auch mehr Menschen, zumeist junge Frauen, in die Öffentlichkeit, die detransitionieren. Einige von ihnen sagen, dass sie zum Zeitpunkt der Entscheidung für eine Transition auch durch psychische Erkrankungen bedingt in einem Zustand waren, wo sie eigentlich nicht in der Lage waren, eine rationale und gute Entscheidung für sich treffen zu können, was zu wenig Beachtung gefunden habe.

In Sachen geplanter Gesetzesänderungen gibt es gerade in Bezug auf Minderjährige die Forderung, die Einwilligung der Eltern so früh wie möglich obsolet zu machen, wenn es um Änderung des Namens und Geschlechtseintrags geht. In Grossbritannien wollten Aktivist*innen, dass es ab 16 Jahren möglich ist, diese Änderungen ohne Einwilligung der Eltern vorzunehmen. In der Schweiz ist ein Gesetzesentwurf zur Abstimmung, der die Änderung des Vornamens und Geschlechtseintrags vereinfachen will, aber bei Minderjährigen die Zustimmung der Eltern voraussetzt. Allerdings ist es so, dass urteilsfähige Minderjährige bereits selbstständig so einen Antrag stellen können, für die wäre der Entwurf eine Verschlechterung. (MANNSCHAFT berichtete.)

In Deutschland haben die Grünen einen Gesetzesentwurf für ein Selbstbestimmungsgesetz eingereicht, was das inzwischen 40 Jahre alte TSG ablösen soll. In diesem wäre vorgesehen, dass Minderjährige ab 14 auf die Einwilligung ihrer Eltern dabei verzichten könnten. Der bislang weitreichendste Gesetzesentwurf wurde letztes Jahr in Schweden vorgelegt. Danach sollte Minderjährigen eine Vornamens- und Geschlechtseintragsänderung ab 12 Jahren ohne Einwilligung der Eltern erlaubt werden und ab 15 sogar geschlechtsangleichende Operationen ohne Einwilligung der Eltern. Dieser Entwurf ist wieder in der Schublade gelandet. Unter anderem, weil das Hauptargument der Befürwortenden nicht belegt werden konnte, dass 40 Prozent aller Transpersonen Suizid begehen würden, wenn geschlechtsangleichende Operationen nicht schnell genug stattfänden.

Suizide bei LGBTIQ-Jugendlichen: Studie sucht nach Gründen

Man kann auch etwas lernen – nämlich, wie man gesellschaftlich wieder Boden verliert, wenn man glaubt, man könne Begriffe, Wissensbestände komplett an den eigenen Bedürfnissen ausrichten und Kritik mit Moral stillhalten. Man hätte auf die Befürchtungen von Frauen eingehen sollen, anstatt dies als transphobe Fantasie abzuurteilen. Dann hätte man vielleicht pragmatisch eine Handlungsstrategie entwickeln können, wenn befürchtete Missbrauchsfälle doch auftreten. Viele von den Radikalfeministinnen haben meiner Vermutung nach auch deshalb besonders sensibel reagiert, weil sie entweder selbst schreckliche Gewalt erfahren mussten oder viel mit Frauen arbeiten, die solche Gewalt erlebt haben. Diese Frauen haben dann natürlich nach Beweisen für ihre Befürchtungen gesucht und auch welche gefunden. Leider sind einige von ihnen dann selbst in ein Extrem gekippt und vermitteln den Eindruck, dass sie insbesondere trans Frauen nur noch als gewalttätige Männer sehen und das ist ebenso falsch, ungerecht und schädlich.

Einige sind in ein Extrem gekippt und sehen insbesondere trans Frauen nur noch als gewalttätige Männer

Für Letzteres waren übrigens auch Auseinandersetzungen unter Lesben verantwortlich, weil in der ganzen Gemengelage auch noch über Äusserungen von trans Aktivist*innen gestritten wurde, dass es transphob sei, wenn diese z. B. ohne medizinische Angleichungsschritte und insbesondere ohne Genital-OP nicht begehrt würden. Lesben würden keine Penisse begehren, wurde dann zum Schlachtruf. Die ganzen Grabenkämpfe führten auch zu Abspaltungen von Lesben (und Schwulen) in Grossbritannien von der grossen Organisation Stonewall. Begehren moralisch aufzuladen und mit Diskriminierungsvorwürfen zu koppeln, greift die sexuelle Selbstbestimmung von Individuen an und löst heftige Abwehr aus. Dieses Thema ist auch schon längst in Deutschland angekommen.

Gibt’s eigentlich eine deutschsprachige J.K. Rowling, auf die sich queere Aktivist*innen eingeschossen haben?
In vergleichbarer Weise ist mir das nicht bekannt, aber jeder Beitrag zu diesem Thema wird natürlich besonders scharf beobachtet und kommentiert.

So demontiert Judith Butler J.K. Rowling und die TERFs

In dieser Situation hat sich kürzlich auch Judith Butler zu Wort gemeldet, was LGBTIQ-Schlagzeilen machte. Hatte Butler etwas Neues zum Stand der Dinge zu sagen? Kommen überhaupt neue Stimmen mit neuen Denkansätzen zu Worte? Gibt es eine echte Diskussion, ein Abwägen und Suchen nach einem «richtigen» Weg, der sich notfalls auch wieder korrigiert? Oder wird nur noch «ideologisch» gekämpft?
Judith Butler hat es im Interview vermieden, sich die Streitfragen genauer anzusehen. Auch sie übergeht pauschal Sorgen und Ängste. Anstatt zur Klärung beizutragen, beschmiert sie auch noch alle Feministinnen, die sich in Grossbritannien gegen den Gender Recognition Act eingesetzt haben mit dem Vorwurf, sich mit Trump oder fundamentalistischen Evangelikalen gemein zu machen. Es war also weder etwas Neues, noch etwas Originelles, was sie mit der Welt teilte und was verschiedene Medien so fleissig voneinander abschrieben. Ein Abwägen, eine sachorientierte, nicht zu ideologisch verblendete Debatte ist leider derzeit Mangelware, obgleich ich selbst mitbekomme, dass sich viele so eine Debatte wünschen. Denn viele bekommen solche Schlagzeilen mit, aber verstehen die Hintergründe nicht, finden jedoch das Wiederkäuen der gleichen Oberflächlichkeit à la Butler nicht mehr befriedigend.

Du bist selbst Aktivist im trans Bereich und wirst von vielen Seiten aufs Übelste angefeindet bzw. ausgrenzt, u. a. als «cis TERF». Muss man sich für trans Aktivismus warm anziehen und eine harte Haut aufbauen, um da mitzudiskutieren?
So oder so muss man sich zum Thema Trans eher ein dickes Fell aneignen. Förderlich für einen öffentlichen Diskurs von und mit trans Menschen halte ich das schon lange nicht mehr. Ich bekomme mit, wie immer mehr Menschen das Bedürfnis nach einem besseren und sachlicheren Austausch haben, ohne dass sie dabei über kritische Aspekte der jeweils anderen Seite hinweg sehen müssten.

Wir brauchen ein besseres Diskursklima und wir sollten auch von zu viel Twitteraktivismus weg

Wir brauchen ein besseres Diskursklima und wir sollten auch von zu viel Twitteraktivismus weg, wo doch kaum jemand an einem ernsthaften Austausch mit gegensätzlichen Positionen interessiert scheint. «Halb zog es sie, halb sanken sie dahin» – so lässt sich das Mitwirken an der Verhärtung der Fronten auf Twitter beschreiben. Solche öffentlichen Postings wie zuletzt von Rowling, wo sie einen radikalfeministischen Shop beworben hat, der Artikel mit bei radikalfeministischen Aktivistinnen beliebten Parolen vertreibt, wovon manche tatsächlich trans Leute abwerten, taugen lediglich für archaische Stammesbildung. Aber: Wer einen anderen Diskurs will, sollte selbst mit gutem Beispiel voran gehen.

Neue Vorwürfe: J.K. Rowling promotet transphoben Webshop

Knicken in Deutschland die entsprechenden Regierungsstellen auch ein bei Entscheidungen zur Gesetzgebung, die trans Menschen betrifft, wenn der Twitter-Mob über sie herfällt?
Wenn dem so wäre, hätten wir glaube ich schon längst eine Ablösung des TSG durch das Selbstbestimmungsgesetz. Auf der Ebene der Regierungsstellen finde ich persönlich, dass man schauen könnte, ob z. B. in Debatten und Entscheidungsprozessen die komplexe Situation gut abgebildet ist  oder ob möglicherweise einseitig besetzt ist, wer da direkt Gehör findet.

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