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Streit um Filmfestival: «Rufmord» gegen LGBTIQ-freundliche Imamin?

Neulich in der deutschen Hauptstadt

Seyran Ates, geschäftsführende Gesellschafterin der Ibn Rushd-Goethe Moschee, steht bei der Vorstellung einer Akzeptanzkampagne für queere Muslim*innen vor einem Plakat (Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Auf einem Berliner Filmfestival sollte die Doku «Seyran Ateş: Sex, Revolution and Islam» gezeigt werden, in der es um die Gründung der LGBTIQ-freundlichen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee geht. Dann wurde kurzfristig ein schwuler Mitarbeiter der Moschee ausgeladen. Der wirft den Veranstalter*innen nun Rufmord und Verleumdung vor.

Das Oyoun bezeichnet sich selbst als antidisziplinäres Epizentrum für queer*feministische, dekoloniale und klassenkritische Perspektiven und kooperiert mit dem Soura Film Festival, ein Projekt zur Förderung und Sichtbarkeit queerer Filme aus der SWANA Region, gemeint ist Südwestasien und Nordafrika.

Auf dem Berliner «Soura Film Festival» wollte man am Freitag die Ateş-Doku zeigen. Auch ein Talk mit der Imamin war geplant, doch diese war verhindert, erklärte sie gegenüber MANNSCHAFT. Stattdessen sollte Tugay Saraç teilnehmen, ihr Neffe, der in der liberalen Moschee als LGBTIQ-Koordinator arbeitet.

Kurz vor der Veranstaltung wurde Saraç allerdings wieder ausgeladen. Der Grund, berichtet die Bild-Zeitung: Es habe «Beschwerden» und «Drohungen» gegen ihn und die Moschee gegeben. Die Zeitung zitiert einen Zuschauer des Filmabends, demzufolge vor dem Filmstart eine Stellungnahme der Organisation Oyoun und dem Festival vorgelesen wurde. «Man sei zwar solidarisch im Kampf um die Rechte von Frauen und LGBTQs innerhalb des Islam, wolle sich aber von den islamophoben Ansichten von Seyran Ateş distanzieren und ihr keine Plattform geben.» Darum habe man die Diskussion mit Saraç abgesagt.


Oyoun erklärte, u.a. auf MANNSCHAFT-Anfrage, es habe keine Drohungen gegeben. In einer Stellungnahme heisst es: Man bedaure es, «dass es letztendlich zu der Vorführung des Films kam», da man einer «einseitigen Darstellung kein Sprachrohr leihen» wolle. Die Stellungnahme, in der Ateş als «islamophob» bezeichnet wurde, sei nötig gewesen, um die Vorführung zu «kontextualisieren» und sich von Ateş zu distanzieren.

Tugay erklärt gegenüber MANNSCHAFT, den ersten Kontakt habe es schon Ende August gegeben. «Es stand lange fest, dass es ein Q&A geben soll und ich als Repräsentant der Dokumentation, in der ich auch zu sehen bin, teilnehme. Bis zum Tag der Veranstaltung gab es eine freundliche Kommunikation und ich wurde gebeten, 30 Minuten vor dem Screening da zu sein. 1,5h vor dem Screening wurde das Q&A dann wegen angeblicher Drohungen abgesagt.» Später habe sich ein ganz anderes Bild gezeigt.

Ich wurde ferngehalten, damit ungestört Rufmord und Verleumdung stattfinden kann.

«Der Film wurde, mit einem diffamierenden, abgelesenen Statement als ‚Einführung‘ dann trotz Absage des Q&A’s dann trotzdem gezeigt. Wo da der Sinn dahinter steckt, weiss ich nicht. Sie werfen Seyran Ateş Islamophobie vor, zeigen ihren Film trotzdem, aber sagen das Q&A mit mir ab. Es scheint wie eine schlechte Ausrede. Imeine Vermutung.»


Auch seine Tante versteht den Vorfall nicht. «Tugay ist auch im Film und wäre als schwuler junger muslimischer Mann dort richtig gewesen. Die Absage mir fadenscheinigen Gründen und Lügen ist eine Beleidigung und Verleumdung. Mich als islamophob zu bezeichnen zeigt, dass diese Leute aus einer ‚rechten‘ muslimische Ecke denken. Sie sind für mich weder links noch liberal. Denn vor allem rechte Muslime wie Erdogan, die Mullahs und Muslimbrüder etc. erklären, dass wir keine Muslime sind und Feinde des Islam.»

Es könne nicht sein, dass der Berliner Senat solche Vereine finanziere, die andere Ansichten und Meinungen nicht aushalten, sagt Ates. «Das ist alles andere als Demokratie. Sie sind nicht viel besser als die AfD oder FPÖ. Im Grunde reicht es.»

Sie kenne die Mitglieder des Vereins auch nicht. «Sie waren auch niemals in unserer Moschee, wo manche Frauen das Kopftuch tragen und manche Frauen nicht.»

Der Verein erklärte, es sei nach Bekanntgabe des Programms des Soura Film Festivals zu internen Unstimmigkeiten rund um die besagten Doku und die dazugehörige Gesprächsrunde gekommen. «Wir bedauern, dass es letztendlich zu der Vorführung des Films kam.»

Die Organisator*innen begründen ihr Vorgehen damit, dass die liberale Imamin eine Einladung der österreichischen Rechtspopulisten von der FPÖ angenommen hat und sich für ein Kopftuchverbot einsetze, was nicht mit dem «Weltbild von Offenheit, Demokratie, Glaubensfreiheit und Gleichstellung“ der Organisationen zusammenpasse. Oyoun setze sich «für eine antirassistische, intersektionale und inklusive Gesellschaft ein».

Der Verein erklärte: «Wir bedauern die uns hier unterlaufenen Fehler und werden uns bemühen, in Zukunft eben solche in Programmatik, Koordination und Kommunikation zu vermeiden.»

Immer wieder werden queere Muslim*innen von ihren Familien verstossen oder gar getötet, wenn sie sich outen. Die Moschee wirbt einer Kampagne für mehr Akzeptanz: «Liebe ist halal – Liebe ist erlaubt» (MANNSCHAFT berichtete).

Christian Awhan Hermann ist der erste schwule Imam Deutschlands. Unter seine Initiative wurde in Berlin der Verein «Kalima» gegründet. Auch er will LGBTIQ innerhalb der muslimischen Community Deutschlands vertreten (MANNSCHAFT berichtete).


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