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Solidarität mit den Falschen: Queers for Palestine auf der Pride

Werden LGBTIQ an ihre Peiniger ausgeliefert?

Siebter Oktober Dreiundzwanzig
Demonstration unter dem Namen «Global South Resists» in Berlin (Foto: Christophe Gateau/dpa)

Wenn an diesem Samstag die Zurich Pride stattfindet, wird man neben verschiedenen Versionen der Regenbogenfahne wohl auch die Palästina-Flaggen sehen. Dazu wurde online explizit aufgerufen (MANNSCHAFT berichtete). Nicht nachvollziehbar, schreibt unser Autor in seinem Kommentar*.

Seit vielen Monaten laufen Menschen mit Transparenten auf propalästinensischen Demonstrationen umher, auf denen steht: «Queers for Palestine». Ich möchte nicht bezweifeln, ob jene Menschen, die dort mitlaufen, LGBTIQ sind, aber ein bisschen hege ich doch Zweifel: Sie haben garantiert die Schule absolviert, möglicherweise haben sie eine handwerkliche Ausbildung gemacht oder sind in einem Studium, aber sie müssen als zurechnungsfähig verstanden werden. Aber warum wissen diese nicht, dass es kein arabisches Land gibt, in dem Homosexuelle und trans Menschen undiskriminiert, ja, bestrafungsfrei sich bewegen können? Dass es nicht einmal im halbwegs sicheren Libanon, nördlicher Nachbar des jüdischen Staates Israel, möglich ist, als queere Person unbehelligt zu leben.


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Wer jetzt den Einwand bei diesen Zeilen innerlich phantasiert, ja, aber in Israel gibt es doch starke Mengen an Siedler*innen, Ultraorthodoxen und Nationalreligiösen, die sogar in der Regierung sitzen, rechtsradikal im politischen Profil im Kabinett des konservativen Benjamin Netanjahus, dem oder der sei gesagt: Das stimmt, aber zumindest dessen Partei steht für keinen politischen Kurs offener Homophobie. Vielmehr ist als schwuler Mann, der ich bin, in Israel gut zu reisen, auch mit dem eigenen Mann, um an der Hotelrezeption, nicht nur in Städten: Könnten wir ein Zimmer mit Doppelbett haben?


«Queers for Palestine» ist eine Parole, bei der in meinem Berliner Bezirk, Neukölln, auffällig viele Männer mit blaulackierten Fingernägeln mitlaufen, ein Indiz, so meine Erfahrung, für heterosexuell orientierte Männer ohne echte Queerness, weil solch gefärbte Nägel doch inzwischen in der Berliner Clubszene, auch der nicht-queeren, schwer bei Männern angesagt sind. Aber die Botschaft ist ohnehin grauenhaft – doch sie wurde neulich von der US-amerikanischen Literaturwissenschaftlerin Judith Butler geadelt, weil diese bei einer Veranstaltung in Paris bei einem linksradikalen Event, bekundete, man müsse erstmal prüfen, ob es wirklich am und unmittelbar nach dem 7. Oktober, beim Überfall der Hamas-Terroristen auf Israel, Vergewaltigungen und femizidale Aktionen gegen Frauen speziell gegeben habe. Ausserdem sei doch gar nicht sicher, dass in Gaza und im Westjordanland krasse Homophobie gäbe.

Wahr bleibt, dass Israel für trans Menschen, die in Gaza leben, ein Sehnsuchtsort, Hunderte haben, aus dem Streifen, der von der Hamas regiert wird, und aus dem Westjordanland, in dem 1948 gegründeten Staat Zuflucht erhalten; queere Gruppen betreuen sie, ermöglichen ihnen ein gefahrarmes Leben – eben in Israel. Wer «Queers for Palestine» zur mobilisierungsfähigen Überschrift macht, lügt über die Todesdrohungen gegen Schwule und Lesben und trans Menschen in Gaza und dem Westjordanland. Und ist selbst homo- und transphob – kurzum: Es ist eine Überschrift, die queere Menschen an ihre Peiniger ausliefert.

Aber es geht ja nicht allein um Israel, im jüdisch definierten Staat sind ja ein Fünftel der Bewohnenden arabisch, muslimisch oder christlich. Mit gleichen Rechten. Alle propalästinensischen Proteste sind gegen Jüd*innen gerichtet. Aus den USA wird berichtet, wie bei CSD-Paraden Jüd*innen von propalästinensischen Gegenprotestler*innen körperlich angegriffen werden. Ebenso aus Frankreich. Auf alternativen CSDs in Berlin brannten schon vor Jahren Israelflaggen. Man kann ja darüber streiten, ob das Tragen von staatlichen Flaggen gut ist oder nicht. Aber die israelische ausgerechnet zu verbrennen – war das nicht ein bisschen Reichspogromnacht reenacted, das neue 1938 quasi? Fragen wird man ja noch dürfen.


Mit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober wurde auch ein Rave getroffen (MANNSCHAFT berichtete). Hunderte kamen bestialisch ums Leben, darunter auch Queers. Die Kultur der Raves ist eine, die die Islamisten ablehnen. Wir sollten unsere Angreifer ablehnen, nicht sie, die unseren Lebensstil schlechthin hassen, verehren. Neulich forderten in Berlin palästinensische Demonstrierende, dass sie keine «Queers for Palestine»-Transparente als Begleitung haben möchten. Die schädigten ihren Ruf.


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Muss mehr gesagt werden? Unsere Solidarität gehört uns selbst. Was denn sonst?

*Die Meinung der Autor*innen von Kolumnen, Kommentaren oder Gastbeiträgen spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.

Zum Stand der Dinge: Bei Zusammenstössen während eines israelischen Militäreinsatzes im Westjordanland sind israelischen und palästinensischen Angaben zufolge am Donnerstag mehrere palästinensische Menschen getötet worden. Israels Armee meldete zwei Tote bei einem Einsatz zur Terrorismusbekämpfung in einem Dorf in der Nähe der Stadt Dschenin. Das Gesundheitsministerium in Ramallah bestätigte einen Toten. Der 21-Jährige wurde demnach durch einen Schuss in den Kopf getötet. Palästinensischen Medien berichteten, insgesamt seien drei Personen bei der Razzia der Armee ums Leben gekommen.

Das von der Terrororganisation kontrollierte Gesundheitsministerium in Gaza spricht von bisher insgesamt über 30’000 Toten. Unabhängig überprüfen lassen sich die Zahlen nicht. (dpa)


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