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Die Panik schwuler Männer vorm 30. Geburtstag

Ein Interview mit Julian Mars zu seinem neuen Roman «Was wir schon immer sein wollten» und dem runden Geburtstag seines Helden Felix

Geburtstag
Torte zum 30. Geburtstag (Foto: Claudia Lam / Unsplash)

Mit seinem Erstling «Jetzt sind wir jung» gelang Julian Mars 2015 ein «unverschämtes, witziges und berührendes Romandebüt», das viele Kritiker*innen beeindruckte. Die Geschichte seines Protagonisten Felix sponn er 2018 fort mit «Lass uns von hier verschwinden» und behandelte «wunderbar die Fragen der Identitätsfindung» eines jungen schwulen Mannes.

Nun geht die Geschichte zu Ende am Vorabend von Felix‘ 30. Geburtstag in «Was wir schon immer sein wollten». MANNSCHAFT traf den in Berlin lebenden Autor, um mit ihm übers Älterwerden, Neoprüderie in der Gesellschaft, Pornografie als Queer Literature und eine mögliche Verfilmung seines Stoffs mit Cate Blanchett zu sprechen – oder vielleicht doch eher mit Katja Riemann?

Julian Mars
Der Autor Julian Mars (Foto: Privat)

Hallo Julian, dein Romanheld Felix wird jetzt im dritten Teil der Trilogie 30. Wieso ist das für schwule Männer so eine magische Zahl? Wie bist du selbst damit umgegangen – wie geht Felix damit um?
Ich glaube, die 30 ist für alle eine magische Zahl, egal ob schwul oder nicht. Mit 30 haben die meisten das Gefühl, sie müssten jetzt aber wirklich erwachsen sein. Weil sich viele aber noch nicht so fühlen oder der Meinung sind, sie hätten noch nicht genug vorzuweisen, entsteht daraus vielleicht eine gewisse Unzufriedenheit. Bei Felix ist das auch so. Er hat ja wirklich noch nicht viel erreicht im Leben, bei ihm ist dieses Gefühl also nicht nur eingebildet. Deshalb spürt er umso mehr Drang, schnell noch alles in geordnete Bahnen lenken zu müssen – was natürlich schief geht.

Ich selbst kann mich an den Abend vor meinem 20. Geburtstag noch ganz gut erinnern – an den letzten Tag mit 29. etwas weniger. Nimmt die Panik vor solchen Grenzüberschreitungen irgendwann ab? Wie hast du das erlebt?
Ich selbst war zu meinem 30. eigentlich relativ entspannt – als ich 35 wurde, hat mich das viel mehr beschäftigt. Ich hatte da so einen Satz im Kopf, den ich mal in einem Film aufgeschnappt hatte: «35 zu sein bedeutet quasi Halbzeit.» Das muss natürlich nicht stimmen. Aber irgendwie hat es mir doch zu denken gegeben.


Ist dein neuer Roman nur für junge Schwule, die um die 30 sind? Warum ist er auch lohnend für Menschen, die 55 sind, wie ich? Was interessiert das Altersproblem eines attraktiven 29-Jährigen, der keine Geldsorgen hat und so viele Schwänze lutscht, wie er lustig ist, jemanden, der in einer anderen Lebensphase ist?
Ich hoffe natürlich, dass meine Romane für alle Leser*innen interessant sind, egal welchen Alters oder Geschlechts. Zumindest bei den ersten beiden Büchern habe ich auch das Feedback bekommen, dass ich es ganz gut schaffe, Themen herauszuarbeiten, die universell sind und alle Menschen betreffen. Ein schwieriges Verhältnis zu den Eltern zum Beispiel, das kann man ja auch im höheren Alter noch haben. Oder auch die Notwendigkeit, sich als queerer Mensch immer wieder outen zu müssen, wenn man auf neue Menschen trifft. Gerade ältere Leser*innen haben mir auch gesagt, dass sie vieles an meinen Büchern an ihre eigene Jugend erinnert habe. Letztlich geht es in meinen Romanen um die Frage: Wie und mit welchen Menschen um mich herum möchte ich mein Leben leben? Ich denke, diese Frage hat sich jede*r schon mal gestellt.

«Was wir schon immer sein wollten»
Das Cover des Romans «Was wir schon immer sein wollten» von Julian Mars (Foto: Albino Verlag)

Zuletzt gab es etliche LGBTIQ-Filme, die das Leben von älteren Queers behandeln, inklusive Themen wie Demenz usw. Es wächst ja jetzt – nach AIDS – erstmals eine Generation von «alten» schwulen Männern heran. Siehst du da «belletristiktaugliche» Themen oder ist die Gay Community immer noch im Jugendwahn und ignoriert alles, was nicht aussieht wie ein Bel-Ami-Model oder ein typischer OnlyFans-Content-Creator?
Was als Film funktioniert, kann natürlich auch als Buch funktionieren. Ob es so sehr am Jugendwahn in der Gay Community liegt, dass solche Themen bisher eher am Rande behandelt wurden, weiss ich nicht. Ich glaube, die meisten Menschen wollen sich in der Freizeit lieber mit unterhaltsamen Themen befassen als mit den ganz schweren Stoffen. Auch unter den Mainstream-Hollywoodfilmen, die auf das breite Publikum abzielen, gibt es ja deutlich mehr romantische Komödien als Demenzdramen.

Du hast schon zwei Teile deiner Felix-Trilogie veröffentlicht. Wie siehst du die Reaktionen der Mainstream-Öffentlichkeit bzw. des Literaturbetriebs auf schwule bzw. queere Themen? Nimmt die Angst vorm plastisch geschilderten Sex ab? Oder nimmt sie zu, wegen der neuen Neoprüderie, die Facebook und Instagram verbreiten?
In der Gesellschaft habe ich diese Neoprüderie eigentlich noch nicht beobachtet. Ich glaube auch nicht, dass sich Facebook und Instagram mit ihren rigiden Zensurmechanismen einen Gefallen tun. Der Erfolg von Plattformen wie OnlyFans zeigt ja gerade, dass die Nachfrage da ist und eher grösser als kleiner wird. Auch queere Themen sind in den letzten Jahren mehr im Mainstream angekommen, aber eher noch auf eine sehr saubere, eher unsexuelle Art. Wenn das aber der Türöffner ist, den es braucht, um demnächst auch schwule Erotik «hoffähiger» zu machen, soll mir das Recht sein.


Was sind denn deine eigenen LGBTIQ-Lieblingsbücher aus der jüngsten Vergangenheit? Hatten die eine Vorbildfunktion für dich für «Was wir schon immer sein wollten»?
In letzter Zeit hat mir zum Beispiel «Mut. Machen. Liebe.» von Hansjörg Nessensohn sehr gefallen, weil es sehr deutlich macht, dass die relative Freiheit, in der queere Menschen heute in Deutschland leben, alles andere als selbstverständlich ist.

Mut. Machen. Liebe.
«Mut. Machen. Liebe.» von Hansjörg Nessensohn (Foto: Ueberreuter)

Aber auch «Tage ohne Ende» von Sebastian Barry fand ich grossartig, einen Western, in dem auf eine wunderbar beiläufige, unaufgeregte Art von einer schwulen Liebe erzählt wird, ohne diese auszustellen oder zu problematisieren.

Im englischen Sprachraum erscheinen LGBTIQ-Romane bei grossen Verlagen, Autoren wie Simon James Green können scheinbar ganz gut von ihren Tantiemen leben. Verfilmungen von Titeln wie «Heartstopper» oder «Red, White and Royal Blue» machen Schlagzeilen (MANNSCHAFT berichtete über den Royal-Roman). Schwimmst du im Geld wegen Giga-Verkäufen deiner ersten beiden Romane – und wurdest du überflutet mit Filmangeboten?
Leider kann ich noch nicht mal in dem Geld planschen, das ich mit meinen ersten beiden Büchern verdient habe. Romane, die queere Themen so sehr in den Mittelpunkt stellen wie meine, sind auf dem deutschen Markt – leider! – immer noch Nischenprodukte. Das merke ich auch, wenn ich versuche, mit Journalist*innen der grossen Zeitungen in Kontakt zu treten. Sobald das Wort «schwul» fällt, scheinen sie sofort genau zu wissen, worum es in den Büchern geht, auch ohne weitere Details zu kennen. Und meistens besteht dann auch kein Interesse mehr. Gerade deshalb sind queere Magazine so wichtig, wenn schon die grossen Medienhäuser offenbar immer noch keine Lust auf solche Themen haben. (MANNSCHAFT sprach mit Nadine Lange über ihren Roman mit lesbischem Liebespaar und die Reaktion von Verlagen und Presse darauf.)

Würdest du die Felix-Trilogie gern verfilmt sehen – und wenn ja, mit/von wem?
Klar, das wäre ein absoluter Traum! Mir wird auch oft von Lesern gesagt, dass sich die Handlung und auch die Dialoge super für eine Verfilmung eignen würden – es müsste sich halt mal jemand trauen. Beim Schreiben hatte ich für Felix‘ Mutter immer Cate Blanchett im Kopf. Aber mir ist klar, dass das ein bisschen hochgegriffen ist. Katja Riemann wäre auch okay.

Was ist denn im neuen Roman dein Lieblingsmoment? (Ausser, dass Emilie sich zur Geburt ihres Sohnes die Schamhaare entfernen lässt und Fotos von davon macht, für den Vorher-Nachher-Effekt.)
Ich habe tatsächlich eine Lieblingsstelle, von der ich leider kaum etwas erzählen kann, ohne zu viel über die Handlung zu verraten. Nur so viel: Felix und sein Freund Martin wollen nach einer Party etwas Neues ausprobieren als Paar, das geht aber gewaltig schief. Also klingeln sie im Morgengrauen Felix‘ ältere Schwester Anna aus dem Bett, damit die ihnen aus der Patsche hilft. Ich finde die Szene nicht nur sehr witzig, sie zeigt auch, wie wichtig Anna für Felix ist. Manche Leser finden sie etwas anstrengend, weil sie mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg hält und Felix öfter mal einen Arschtritt verpasst. Aber ich mag sie wirklich gerne. Und ich finde, in dieser Szene kommt gut heraus, warum das so ist.

Wieso ist jetzt Schluss mit der Felix-Reihe? Gibt’s nach 30 nichts mehr zu erzählen? Oder wirst du mit einem anderen Stoff weitermachen bzw. neu starten?
Sicher gibt es auch nach 30 noch was zu erzählen – vielleicht starte ich ja in 15 Jahren doch noch ein Reboot im Stil von «And just like that …» (MANNSCHAFT berichtet über die «Sex and the City»-Neuauflage). Aber für den Moment habe ich tatsächlich das Gefühl, die Handlung zu einem guten Ende geführt zu haben und auch allen Charakteren gerecht geworden zu sein. Ich möchte die Reihe auch auf keinen Fall so lange weiterführen, dass sich sowohl ich als auch meine Leser*innen nur noch damit langweilen.

and just like that
Szene aus «And just like that …» (Foto: Sky)

Der Albino Verlag will sich gern in Deutschland als wichtiges Publikationsorgan für queere Belletristik etablieren. Aber funktioniert so was im deutschen Sprachraum – verglichen mit den USA oder England?
Ich denke, dass der Markt in Deutschland aktuell tatsächlich noch kleiner ist als im angelsächsischen Raum. Aber genau deshalb ist es ja wichtig, dass es mutige Verlage gibt, die mit einem tollen Programm versuchen, ein hoffentlich immer grösseres Publikum zu erreichen. Ich freue mich und bin auch stolz darauf, mit meinen Büchern ein bisschen dazu beizutragen.

Der Queer-Theoretiker Peter Rehberg fragte mal in einem Essay, ob Schwulenpornos eigentlich Queer Cinema seien: Wie viel Sex verträgt Literatur deiner Meinung nach, ohne ihren Anspruch auf «Literatur» zu verlieren? Wie handhabst du das in «Was wir schon immer sein wollten»?
Wahrscheinlich gibt es hunderte Definitionen davon, wo Literatur aufhört und Pornografie beginnt. Ich würde es so ausdrücken: Für mich beginnt Pornografie da, wo die Handlung nur noch als Vehikel dient, möglichst schnell von einer Sexszene zur nächsten zu kommen – egal ob in einem Buch oder Film. Aber natürlich gibt es da eine sehr breite Grauzone, und ich möchte Pornografie auch überhaupt nicht schlecht machen, die hat auf jeden Fall ihre Berechtigung. Ein Buch mit vielen und sehr expliziten Sexszenen kann auf jeden Fall Literatur sein, solange die Handlung und die Charaktere ein ausreichend starkes Gegengewicht bilden.

Genau das versuche in meinen Büchern. Felix hat viel Sex, und der findet auch nicht hinter verschlossenen Türen statt, sondern wird so geschildert, wie er eben passiert. Ich wollte diesen Teil, der nun mal zu ihm als Charakter gehört, nicht verschämt ausblenden, aber ich wollte trotzdem eine berührende und witzige Geschichte und eben keine Wichsvorlage schreiben. Wenn es beim ein oder anderen aber ein bisschen kribbelt beim Lesen, nehme ich das trotzdem als Kompliment.


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