in ,

Alternative zu «Heartstopper»? «Young Mungo» wird zur Serie

Das Studio A24 adaptiert Douglas Stuarts vielgepriesenen Roman

Young Mungo
Das Cover von «Young Mungo» (l.) und die Protagonisten des «Heartstopper»-Comics (Foto: Hanser Verlag / Alice Oseman / Twitter)

Laut einem Bericht von Deadline wird der in Schottland spielende Roman «Young Mungo» von Douglas Stuart als Serie verfilmt vom Studio A24, das auch hinter der queeren Erfolgsserie «Euphoria» steht sowie hinter dem diesjährigen Oscar-Gewinner «Everything Everywhere All At Once» mit seiner zentralen lesbischen Geschichte.

Es handle sich bereits um die zweite Kollaboration von A24 mit dem schwulen Star-Autor Stuart, schreibt Deadline, eine Adaption seines preisgekrönten Debütromans «Shuggie Bain» für die BBC sei bereits in Arbeit.

Während das Erstlingswerk ebenfalls im beklemmenden Ambiente der Arbeiterklasse spielt und der queere Titelheld sich dort gleichfalls mit der Alkoholsucht der Mutter und den teils katastrophalen Realitäten seines Alltags auseinandersetzen muss, steht in «Shuggie Bain» die schwule Seite der Geschichte nicht so im Zentrum wie in «Young Mungo». Wo zwischen den Kämpfen der Teenager-Gangs in einem Sozialbaugebiet bei Glasgow in den 1990er Jahren die «verbotene» Liebe zwischen dem Protestanten Mungo und dem Katholiken James aus dem Häuserblock nebenan erblüht. Was im Roman zu einer der eindringlichsten (und zweifellos bewegendsten) Sexszenen der gesamten LGBTIQ-Literaturgeschichte führt (MANNSCHAFT berichtete).

Harsche Realitäten
Das Nachrichtenportal Queerty erhofft sich von der Serienversion von «Young Mungo» so was wie eine «edgy» Alternative zu der Teenager-Lovestory «Heartstopper», die sich sowohl als Graphic Novel als auch als Netflix-Serie zu einem globalen Phänomen entwickelt hat. Allerdings ist die geradezu in Zuckerwatte gehüllte Geschichte von Charlie Spring und Nick Nelson (in der Verfilmung gespielt von Joe Locke und Kit Connor) mit dem verständnisvollen Umfeld und der unterstützenden Mutter (gespielt von Oscar-Preisträgerin Olivia Colman) weitestmöglich entfernt von den harschen Realitäten, mit denen Mungo und James konfrontiert sind.


Auch wenn Alice Oseman in ihren «Heartstopper»-Büchern Probleme wie Depression, Bulimie und Bullying in der Schule anspricht, ist das nichts im Vergleich zu der wahrhaft toxischen Männlichkeit, die im Roman von Mungos Bruder Hamish verkörpert wird und den jugendlichen Schlägertrupps, die er anführt. Auch ist das Verhältnis von Mungo zu seiner Mutter bzw. von James zu seinem homophoben katholischen Vater ein zutiefst verstörtes (und verstörendes).

Dazu kommt in Stuarts Roman die krasse Geschichte der pädophilen Ex-Gefängnisinsassen, mit denen Mungo auf einen Campingausflug in die schottischen Berge geschickt wird, nachdem die Beziehung zu James aufgeflogen ist – seine Mutter meint (nichts ahnend von der Vergangenheit der Männer aus ihrer Anonyme-Alkoholiker*innen-Gruppe), dass der Umgang mit den «harten erwachsenen Kerlen» aus ihrem Sohn einen richtigen «Mann» machen würde und ihn von seiner Homosexualität «befreien» könnte. Was zu einem wirklichen Drama führt – neben dem alles aus «Heartstopper» wie ein hübsch dekorierter Ikea-Katalog wirkt.

Ohne Glam-Faktor
Somit kann man die Welt von «Young Mungo» wohl eher mit dem düsteren Schulalltag von «Euphoria» vergleichen, nur ohne den Glam-Faktor, den Zendaya, Jacob Elordi, Hunter Schafer und Barbie Ferreira mitbringen und ohne die Transgender-Geschichte, die in «Euphoria» zentral behandelt wird (MANNSCHAFT berichtete) und die in «Young Mungo» nicht vorkommt, wo es «nur» um schwule Liebe und die Ausgrenzung von schwulen cis Männern im Arbeiter*innenklassemillieu geht. Ohne die intellektuellen Verrenkungen von Édouard Louis in seinem neuen Roman «Anleitung, ein anderer zu werden».


Wer die Hauptrollen in der Serien-Adaption von «Young Mungo» übernehmen wird, ist bislang nicht bekannt, obwohl Queerty in der Überschrift ankündigt, die Verfilmung «könnte uns unsere nächsten aufstrebenden Lieblingsstars bringen». Das sei bereits bei «Heartstopper» und bei «Young Royals» so gewesen, womit Edvin Ryding und Omar Rudberg als zuvor ausserhalb Schwedens gänzlich unbekannte Darsteller zu internationalen Stars wurden (ebenso Malte Gårdinger). Es ist auch noch nicht bekannt, wer die Serie zuerst ausstrahlen wird.


Mehr zum Thema: Filmkritiker Patrick Heidmann stellt die queeren Serien-Highlights 2023 vor


Was allerdings bekannt ist, sind die Namen derjenigen, die für die Verfilmung zuständig sind: Piers Wenger und Rose Garnett. Ebenfalls bekannt ist, dass «Young Mungo» von Zeitungen wie der Washington Post, The Guardian und anderen 2022 zum «Best Book of the Year» gekürt worden war.

Ein Zeitplan für die Verfilmung und ein Veröffentlichungstermin wurden bislang nicht mitgeteilt. Angesichts der verschiedenen schlagzeilenmachenden Absetzungen von LGBTIQ-Serien in den letzten Monaten sei es jedoch erfreulich, dass mit «Young Mungo» ein so wichtiges Buch – mit all den darin enthaltenen kontroversen Themen – als Serie angekündigt worden sei, meint Queerty.

«Meilenstein des Sozialrealismus»
Das Format dürfte den Drehbuchautor*innen die Chance geben, die detailliert geschilderte Geschichte – in der zwei Handlungsstränge parallel zueinander geführt werden: einmal der Campingausflug und einmal die Beziehung von Mungo und James – genauso nuanciert umzusetzen wie in der Vorlage von Douglas Stuart. Der zeigte sich auf Twitter erfreut darüber, dass sein Roman verfilmt wird.

🥹Some news…..

A24 Re-Teams With ‘Shuggie Bain’ Scribe Douglas Stuart For ‘Young Mungo’ TV Series https://t.co/Yt5wuY2cxf via @Deadline

— Douglas Stuart (@Doug_D_Stuart) March 21, 2023

Die deutsche Übersetzung von Sophie Zeitz erschien übrigens kürzlich im Hanser Verlag. Auf der Verlagswebseite findet man ein Zitat von Christian Baron aus Der Freitag: «Ein Meilenstein des Sozialrealismus im jungen 21. Jahrhundert.» Das Buch ist sicher auch ein Meilenstein der LGBTIQ-Literatur. Dass ein Prestige-Studio wie A24 sich «Young Mungo» angenommen hat, darf man als positiv bewerten und gleichzeitig als mutig. Aber nach dem Erfolg von Serien wie «Dahmer» über den schwulen Serienmörder Jeffrey Dahmer (MANNSCHAFT berichtete) ist die Ära von reinen Heile-Welt-Geschichten aus dem LGBTIQ-Universum definitiv vorbei. Auch wenn eine Feel-Good-Serie wie «Heartstopper» oder eine Herzschmerzgeschichte wie «Young Royals» natürlich nach wie vor ihre Berechtigung und Bedeutung haben.

Spannend wird sein zu sehen, wie die Drehbuchautor*innen das Ende von «Young Mungo» umsetzen werden, über das man nach der Lektüre des Romans lange nachdenken muss.

Das Leben von George Villiers wird verfilmt, dem Favoriten des englischen Königs James I.; die Hauptrolle übernimmt der aus «Handsome Devil» bekannte Nicolas Galatzine, Julianne Moore ist als seine verkuppelnde Mutter ebenfalls dabei (MANNSCHAFT berichtete).


Eurovision

Eurovision Song Contest – Der Erfolg frisst seine Basis

Homo-Propaganda

Freispruch für russische LGBTIQ-Aktivistin aufgehoben