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«Shuggie Bain»: Homophobie in Schottlands Arbeitermilieu

Nachdem Douglas Stuart 2020 den Booker Prize gewann, gilt er als neuer schwuler Star des internationalen Literaturbetriebs

Bergarbeiter
Im Schottland der Thatcher-Jahre wurden viele Kohleminen geschlossen und die Arbeitslosigkeit schoss hoch in den zweistelligen Bereich (Foto: Amir Arabshahi)

Douglas Stuart war in den letzten sechs Wochen quer durch Europa unterwegs, um von Stockholm bis Segovia seinen Debütroman «Shuggie Bain» vorzustellen. Letzter Stopp war Berlin. Dort erzählte der 45-Jährige von den LGBTIQ-Elementen in seinem Buch – von der Homophobie in der schottischen Arbeiterwelt der 80er-Jahre und davon, als Kind in solch einem Milieu «anders» zu sein.

Es ist schon interessant und imposant zu sehen, wie der Sender RBB (Rundfunk Berlin-Brandenburg) für Stuart den roten Teppich ausrollte und ihn für «Die schöne Lesung» ins Studio in der Lounge im 14. Stock des Sendeturms lud, von wo aus man einen spektakulären Rundumblick auf Berlin hat – bei Sonnenuntergang. Der RBB und die Öffentlich-Rechtlichen sind ja nicht gerade bekannt dafür, mit grosser Regelmässigkeit über LGBTIQ-Bücher zu berichten. Umso erstaunlicher, dass nun der Booker-Prize-Gewinner des Jahres 2020 anderthalb Stunden etwas zu seinem Buch sagen durfte und das live im Radio gesendet wurde, garniert mit Ausschnitten der deutschen Fassung, die der Berliner Tatort-Star Mark Waschke vortrug.

Hatte sich der RBB hier vom renommierten Booker Prize blenden lassen, an dessen Verleihung im Oktober 2020 sogar Barack Obama mit einer Rede teilnahm? Lag es daran, dass der Hanser Verlag ein wichtiger Werbekunde ist und das Event organisierte? Oder hat der RBB plötzlich sein Interesse an LGBTIQ-Buchveröffentlichungen entdeckt – und wird das neue Interesse auch auf die unendlich vielen anderen Titel lenken, die bei kleinen queeren Verlagen ohne Werbebudget erscheinen? (MANNSCHAFT berichtete über das queere Sommerfilmfestival des RBB.)

Manuskript von 44 Verlagen abgeleht
Der aus Schottland stammende Douglas Stuart – der in einfachsten Arbeiterklasseverhältnissen in Glasgow aufwuchs, bevor er in die Modebranche ging und nach New York auswanderte, wo er für Calvin Klein, Ralph Lauren u.a. arbeitet und mit seinem Ehemann Michael im East Village lebt – erzählte, dass er an «Shuggie Bain» zehn Jahre lang geschrieben habe. Und dass 44 Verlage das Buch abgelehnt hätten!


Er vermutet, das liege daran, dass in den meisten Verlagen Lektoren aus der Mittelklasse sitzen, die mit einer ziemlich rohen Geschichte aus dem Arbeitermilieu nicht viel anfangen können – vor allem, wenn es neben der alkoholsüchtigen Mutter Agnes Bain auch noch um ihren «tuntigen» Sohn Shuggie geht, der von den Kindern in der Schule und in der Kirche gehänselt wird, weil er den gespielten Hollywoodglamour seiner Mutter kopiert. Und sich wie Elizabeth Taylor benimmt. Was zu heftigen Abwehrreaktionen führt.

Shuggie Bain
Das Cover der englischsprachigen Originalausgabe von «Shuggie Bain» (Foto: Picador)

Die Bemerkungen, die sich Shuggie anhören muss, würde man heute als «Hate Speech» bezeichnen, erklärt Stuart. Aber in den 1980er-Jahren waren sie Alltag und nichts Besonderes. Niemand dachte damals daran, so etwas öffentlich anzuprangern. Vielmehr musste sich jeder damit arrangieren. Und Überlebensstrategien entwickeln. (Man kann «Shuggie Bain» vergleichen mit «Billy Elliot», wo eine ähnliche Aussenseitergeschichte erzählt wird, mit anderem Schwerpunkt.)

«Kannst du nicht ein einziges Mal normal sein?»
Beim RBB wurden zwei Passagen auf «Shuggie Bain» vorgetragen, die demonstrieren, wie solche Überlebensstrategien aussahen. Eine ist ein Ausschnitt aus Kapitel 13, wo Shuggie als Achteinhalbjähriger mit seinem älteren Bruder Leek unterwegs ist. Der fragt ihn – als er gerade versucht, eine stillgelegtes Lager auszurauben – wieso Shuggie nicht «ein einziges Mal» normal sein könne. Shuggie antwortet entgeistert, dass er «normal» sei. Und dennoch muss er nonstop Bullying über sich ergehen lassen – was auf Schottisch «Battering» heisst, wie Stuart erklärt.


Leek klärt Shuggie auf, dass dieses «Battering» daher komme, weil die anderen in ihm etwas «Besonderes» sähen, was ihnen selbst in ihrem tristen Alltag und ihrer Aussichtlosigkeit im Arbeitslosenmilieu der Thatcher-Jahre fehle. Leek mahnt Shuggie, das «Besondere» zu verstecken hinter einer Machofassade. Um ihm eine solche anzutrainieren, laufen beide in Cowboy-Posen umher. Damit Shuggie nicht mehr zu «swishy» wirkt. Doch es nutzt nichts. Statt das «Problem» zu beheben, gleitet Leek selbst immer mehr in Problembereiche, denn seine eigenen Weisheiten verfangen nicht. Auch nicht, wenn er sie für sich selbst anwendet.

Douglas Stuart erzählte im RBB, dass dieses Kapitel das erste gewesen sei, das er geschrieben habe. Und dass die anderen Kapitel des Buchs nicht in chronologischer Reihenfolge entstanden seien, sondern wie für sich selbst stehende Einzelszenen, die er dann später erst in eine Reihenfolge gebracht habe.

«Gib den anderen nicht diese Befriedigung»
Eine andere Einzelszene ist die, wo Mutter Agnes Shuggie später bittet, ihr zu zeigen, wie die Jugend heutzutage tanzt, denn sie plant zu einem Date zu gehen mit einem neuen Liebhaber. Shuggie demonstriert daraufhin zu Janet Jacksons «Control», wie die neusten Disco-Mooves gehen.

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Er tut dies so exaltiert und voller Hingabe (mit allen Schulterbewegungen von Jackson), dass er anfangs nicht bemerkt, wie die Nachbarn im Reihenhaus gegenüber am Fenster stehen und lachen – während ein Nachbarskind Pirouetten macht. Und Shuggie begreift, dass er selbst das sein soll.

Er will aufhören und sich vor der Welt verstecken. Aber seine Mutter – die Liz Taylor vergöttert – sagt trocken zu ihm: «Wenn ich du wäre, würde ich weiter tanzen. Die anderen gewinnen nur, wenn du sie lässt. Gib ihnen nicht diese Befriedigung.»

Daraufhin folgt einer der rührendsten Sätze im ganzen Buch: «Agnes war hoffnungslos, wenn es um Mathehausaufgaben ging, und an manchen Tagen musste man fast verhungern, statt von ihr eine warme Mahlzeit zu bekommen. Aber Shuggie schaute sie jetzt an und verstand, dass es genau dies war, worin sie sich selbst übertraf. Jeden Tag, nachdem sie ihr Make-up aufgetragen und ihre Haare gemacht hatte, kletterte sie aus ihrem Grab heraus und hielt den Kopf hoch. Wenn sie sich mal wieder mit Alkohol entwürdigt hatte, stand sie trotzdem am nächsten Morgen auf, zog ihren besten Mantel an und konfrontierte die Welt. Wenn ihr Magen leer war und sie vor Hunger fast starb, machte sie sich die Haare und liess die Welt etwas anderes denken.»

Wenn sie sich mal wieder mit Alkohol entwürdigt hatte, stand sie trotzdem am nächsten Morgen auf und konfrontierte die Welt

Also setzt Shuggie nochmals zum Tanzen an, bis die Musik von Janet Jackson ihn ganz überwältigt. Und er durchs Wohnzimmer in dem kleinen Slum-Viertel ausserhalb Glasgows springt, mit ergänzenden Sprüngen aus dem Musical «Cats»: «Es sprudelte nur so aus ihm heraus – er war machtlos und konnte es nicht stoppen.»

Privilegien-Diskussion
Diese letzte Passage las Stuart beim RBB selbst auf Englisch vor, mit seinem unwiderstehlichen schottischen Akzente. Er berichtete auch, dass er diese Woche in Brüssel den Schriftsteller Édouard Louis getroffen habe («Das Ende von Eddy», «Im Herzen der Gewalt») und sie sich darüber unterhalten hätten, warum gerade schwule Söhne immer versuchen, ihre Mütter mit all ihren Problemen zu verstehen. Auch darüber, dass das Sprechen über alkoholkranke Mütter so etwas wie ein anhaltendes Tabu zu sein scheint.

Douglas Stuart
Douglas Stuart (l.) zusammen mit Édouard Louis in Brüssel (Foto: Twitter / @Doug_D_Stuart)

Stuart erzählte auch, dass seine eigene alkoholkranke Mutter plötzlich starb, als er in der High School war. Er konnte nie richtig Abschied von ihr nehmen. Und in gewisser Weise ist «Shuggie Bain» eine Art Abschied. Zumindest eine einzige Liebeserklärung: als Geschichte einer sehr besonderen Mutter-Sohn-Konstellation, bei der auch der Bruder Leek eine wichtige emotionale Rolle spielt. Denn er ist es, der aus Verantwortungsgefühl für Mutter und kleinen Bruder auf eine Karriere als Künstler (und einen Studienplatz) verzichtet, um alle zu versorgen. Statt sich abzuwenden und die beiden anderen sich selbst zu überlassen.

Seine eigene Mutter starb, als er in der High School war. Er konnte nie richtig Abschied von ihr nehmen

Zehn lange Jahre habe Stuart im Geheimen an seinem Roman gearbeitet, erzählt er. Keiner seiner Freunde habe etwas davon gewusst. Und seinem Ehemann Michael, mit dem er seit 25 Jahren zusammen ist, habe er das Manuskript erst spät als erstem Testleser gegeben. Dieser habe anschliessend geantwortet, dass er jetzt erst verstünde, was es bedeute, aus den tiefsten Tiefen der schottischen Arbeiterklasse der Thatcher-Ära zu kommen und welche Auswirkungen das auf das gesamte restliche Leben habe.

Dieser Fokus auf die soziale Benachteiligung, der auch weisse cis Männer ausgesetzt sein können, ist eines der grossen „neuen“ Themen in den Büchern schwuler Autoren, Édouard Louis und vor allem Didier Éribon («Rückkehr nach Reims») sind hier Paradebeispiele. Sie nehmen den geradezu mantrahaften Privilegienvorwürfen, die viele radikale Queer erheben gegen weisse (alte) schwule cis Männer, zumindest versuchsweise den Wind aus den Segeln. Im Unterscheid zu Louis und Éribon wirkt «Shuggie Brain» dabei aber – zumindest auch mich – nicht so kalkuliert, um die eigene Position im modernen «woken» akademischen Betrieb zu sichern. Denn in diesem ist Stuart nicht verankert: er ist Textildesigner in der Modewelt.

«Young Mungo»: Neues Buch im April 2022
Immerhin hat der Booker Prize ihm als Schriftsteller so viel Aufwind gegeben, dass er Anfang September auf Twitter seinen zweiten Roman bekanntgab: «Young Mungo». Das Buch werde im kommenden April auf dem Markt sein und handle von Mungo und James. Es könnte auch eine schwule Geschichte sein.

Apropos: Auf die LGBTIQ-Themen ging Douglas Stuart bei der RBB-Veranstaltung gleich von selbst und ganz selbstverständlich ein. RBB-Moderator Thomas Böhm hingegen brauchte eine Weile, bis er das Thema ansprach und übersetzte auch Teile von Stuarts Antworten nicht, als sei zu viel Queerness den deutschen Radiohörern nicht zuzumuten. Offensichtlich ist man da in der englischsprachigen Literaturwelt schon sehr viel weiter.

Shuggie Bain
Das Cover der deutschen Ausgabe von «Shuggie Bain» (Foto: Hanser Verlag)

Auf dem Cover der deutschen Ausgabe sieht man übrigens eine Mutter liebevoll mit ihrem Kind im Bett liegen. Sozialer Kontext fehlt hier völlig. Wohingegen die englische Ausgabe eine kleinen Jungen inmitten einer trostlosen Arbeitersiedlung zeigt, wie er dort auf einer Art Kreuz sitzt und den Kopf hochhält – genau wie Agnes ihm das geraten hat.

Um die RBB-Veranstaltung online nachzuhören, hier klicken.

 


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Sven Lehmann

++ Diversity Award für Queerpolitiker*innen ++ Paar homophob beleidigt ++