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Édouard Louis: Flucht ins Leben

«Ich denke, viele Menschen können sich mit der Gewalt in meiner Vergangenheit identifizieren.»

Angespuckt, zusammengeschlagen und gedemütigt. Und das jeden Tag, nur weil er anders ist. «Das Ende von Eddy», ein Roman über seine Kindheit, hat den französischen Schriftsteller Édouard Louis zur literarischen Sensation gemacht. Die Mannschaft traf ihn in Stuttgart.

Eddy Bellegueule stammt aus keiner angenehmen Ecke Frankreichs. Geboren in einer armen Arbeiterfamilie in der Picardie, im Norden zwischen Paris und dem Ärmelkanal, wird er von klein auf damit konfrontiert, wie ein Mann zu sein hat: Gross, kräftig, trinkfest und auch mal bereit zuzuschlagen. Eddy ist nichts davon. Im Gegenteil: Er ist schmächtig, hat eine hohe Stimme, wirkt feminin und hat eine komische Art zu gehen. Man beschimpft ihn. Und das Französische kennt noch mehr Schimpfwörter für Schwule als das Deutsche.

Das Milieu ist erschütternd. Die Menschen in seinem Dorf brechen die Schule früh ab. Die Frauen, weil sie schwanger werden. Die Männer, weil sie in der örtlichen Fabrik Geld verdienen müssen. Perspektiven gibt es hier nicht. Der Alltag wird dominiert von Armut, Gewalt und Alkoholismus. An der Tagesordnung stehen Frauenfeindlichkeit, Homophobie und Rassismus. Gebildeten Menschen wie Ärzten traut man nicht. Ein Teufelskreis.

In seinem Buch erzählt Édouard Louis, wie die Mutter von Eddy die Kinder vernachlässigt, dass oft kein Geld da war, um Essen auf den Tisch zu bringen. Wie sein Vater, ein arbeitsloser Fabrikarbeiter, ihn zu einem «echten Kerl» machen will. Wie ihm zwei Schulkameraden täglich auflauern, auf ihn einschlagen, ihn bespucken und ihn anschliessend dazu zwingen, die Spucke aufzulecken.


Foto: Raffi P.N. Falchi

Ständig versucht Eddy den Erwartungen gerecht zu werden, und ständig scheitert er. Indem er mit vierzehn Jahren als erster seiner Familie das Gymnasium besucht, gelingt ihm die Flucht aus seiner unglücklichen Kindheit. Eddy Bellegueule gibt sich einen neuen Namen (Bellegueule heisst soviel wie «Schönling» oder «geile Fresse») und findet in der Stadt sein neues Leben.

Man könnte meinen, Eddys Geschichte stamme aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Dabei ist Édouard Louis erst dreiundzwanzig Jahre alt. Den Roman, der auf seiner Kindheit basiert, schrieb er mit achtzehn. Als «Das Ende von Eddy» letztes Jahr in Frankreich erschien, wurde das Buch sofort zum Bestseller und sorgte für einen Skandal. Literaturkritiker lobten den Schreibstil des jungen Mannes, Boulevardjournalisten machten Eddys Familie ausfindig und Frankreich zeigte sich schockiert über den gewalttätigen Alltag in der Picardie. Vor wenigen Monaten erschien «Das Ende von Eddy» auf Deutsch.

***


Édouard, dein Buch ist zum internationalen Bestseller geworden. Hättest du jemals gedacht, dass du so viele Leute erreichen würdest?
Niemals. Eigentlich hat das niemand so recht erwartet. Ich hatte nicht einmal damit gerechnet, dass man es überhaupt veröffentlichen würde. Der Verlag wartete sogar mehr als ein Jahr, bis er es auf den Markt brachte.

Aus welchem Grund?
Es sei schwer, ein Zielpublikum zu finden, sagten sie mir. Zudem sei es mein Debütroman und sehr gewalttätig. Also druckten sie es mit einer Erstauflage von nur 2’000 Exemplaren.

Mein bester Freund hatte eine Vorahnung: «Du wirst einen grossen Erfolg haben und sicher 5’000 Exemplare verkaufen.» Dass ich in Frankreich alleine über 250’000 Bücher verkaufen würde, hätte ich mir nie träumen lassen.

«Das Ende von Eddy» handelt von deiner Kindheit, die von Homophobie, Rassismus und schwerer Armut geprägt ist. Welcher Aspekt des Buches hat die Menschen am meisten bewegt?
Ich versuche, die Gewalt in ihren verschiedenen Formen zu entlarven. «Schwuchtel», «Jude», «Ausländer», «Schwarzer», «Frau». Nicht nur die Gewalt, die ich ertragen musste, sondern auch diejenige, die meine Grossmutter, meine Mutter und meine Schwester erlebt haben.

Vom Moment unserer Geburt an werden wir in eine Schublade gesteckt und uns wird bewusst, dass unser Leben damit vorbestimmt wird. Dass wir dafür kämpfen müssen, um das zu werden, was wir sind, und nicht das, was andere aus uns machen.

Ich denke, viele Menschen können sich mit der Gewalt in meiner Vergangenheit identifizieren. Nach Lesungen kommen die Leute auf mich zu und sagen mir, dass es in ihrem Leben auch viel Gewalt gegeben hat.

Das Buch hat in Frankreich für einen Skandal gesorgt. Weshalb?
Gerade diese Gewalt hat viele Menschen schockiert. Das Ausmass dieser Gewalt existiere doch nicht mehr und sei übertrieben. Sie existiert aber doch, und deswegen verursachte das Buch einen Skandal.

Eine psychische wie auch physische Gewalt.
Genau. Ich beschreibe die Gewalt an meinerSchule, dass man mich als «Schwuchtel» beschimpfte oder mich zusammenschlug. Ich beschreibe die Gewalt in meiner Familie. Mein Vater, der mich als Schande für die Familie bezeichnete oder mich andauernd fragte, weshalb ich mich wie eine Frau bewegte oder so komisch ginge. Ich wusste nicht, weshalb ich so war, weshalb ich als anders wahrgenommen wurde als meine Mitmenschen, die andauernd sagten: «Du Schwuchtel, du bist anders als wir.»

Es gibt so viele grosse Unterschiede unter den Menschen, aber darüber sprechen wir nicht und bilden auch keine Wörter. Über die Sexualität, das Geschlecht und Weiblichkeit aber schon. Wir schaffen Kategorien, und diese scheitern an Eddy Bellegueule. Er wünscht sich nichts sehnlicher, als nicht anders zu sein. Und im Buch beschreibe ich, wie sehr ich mich angestrengt habe, akzeptiert zu werden.

«Jede geschriebene Zeile ist wahr, ich habe keine Fiktion geschrieben.»

Wieso ist «Das Ende von Eddy» ein Roman und keine Autobiografie?
Es war mir sehr wichtig, dass «Roman» auf dem Buch steht, weil ich nicht finde, dass ein Roman zwangsläufig immer fiktional sein muss. Ein «Roman» ist für mich eine «Konstruktion», mit der ich versucht habe, mich der Wahrheit anzunähern.

Jede geschriebene Zeile ist wahr, ich habe keine Fiktion geschrieben.

Du hast keine Anführungszeichen verwendet, sondern die Aussagen deiner Mitmenschen in kursiver Schrift festgehalten.
Für mich gab es verschiedene Konstruktionen, um mich der Wahrheit anzunähern. Diese Technik war eine davon, denn in der Sprache schwingt stets eine gewisse Wahrheit mit. Wenn ich schreibe: «Mein Vater nannte mich ‹Schwuchtel›», ist es anders, als wenn ich schreiben würde: «Mein Vater mag mich nicht, weil ich schwul bin.»

Eine weitere Konstruktion ist der Aufbau der einzelnen Kapitel, um das Verständnis von Mann und Frau in diesem Milieu darzustellen. Ihre Rollenverteilung versteht man erst, wenn man ihre Beziehung untereinander, zur Familie, zum Arbeitsplatz oder zur Schule versteht.

In der Schule wurdest du täglich angespuckt, zusammengeschlagen und gedemütigt. Schaust du manchmal zurück und wunderst dich, wie du das je hast durchstehen können?
(Überlegt) Ja. Es ist eine Frage, die mich immer wieder beschäftigt, und die Antwort darauf ist, ich weiss es nicht. Es ist verrückt, aber ich versuche im Buch immer wieder deutlich zu machen, dass sich Eddy seinen Peinigern nicht widersetzen wollte.

In klassischen Büchern, welche die Flucht aus dem sozialen Millieu behandeln, bekommt man den Eindruck, dass der Protagonist schon immer fliehen wollte, weil er anders ist als alle anderen. So gesehen beim grossen Schriftsteller James Baldwin, der als schwuler schwarzer Mann aus ärmsten Verhältnissen flieht. Siehe Billy Elliott.

Mit dieser Tradition wollte ich brechen. Ich wollte aufzeigen wie sehr Eddy Bellegueule nicht fliehen, sondern einfach dazugehören wollte. Hätte man ihn gefragt, ob er ein harter, maskuliner Kerl, ein Fussballtalent sein wollte, der seine Eltern stolz macht, oder ein effeminierter Typ, der als Erster in seiner Familie das Abitur macht, dann hätte er sich sofort für Ersteres entschieden.

Als Nächstes hätte ich dich gefragt, ob du deine Lehrer nie um Hilfe gebeten hast, aber wenn ich richtig verstehe, hätte das Eddy nie gewollt.
Genau. Eddy tat alles Mögliche, um seine Peiniger zu schützen und zu kaschieren, dass er unterdrückt wird. Es ist unvorstellbar schwierig, jemandem zu sagen, dass man leidet und dominiert wird, denn damit gesteht man seine Schwäche ein und ausserdem die Tatsache, dass man anders ist.

In diesem Moment erleben unzählige Jugendliche dasselbe wie du. Was würdest du ihnen raten?
Ufff, das ist nicht einfach. Ich bin kein Politiker. Auf keinen Fall schweigend ausharren. Mein Buch ist eine Lobeshymne auf die Flucht und die Flucht ist etwas, das man unterstützen muss, obwohl sie als einfachste Lösung und als feige angesehen wird. Es ist aussagekräftiger, sich zu bleiben zu weigern und zu fliehen statt das Problem von innen bekämpfen zu wollen. Wie es Edward Snowden und andere Whistle­blower getan haben.

Foto: Ryan Pfluger

Du rätst zur Flucht.
Sich nicht zu widersetzen, sondern zu fliehen und seine eigene Welt zu finden.

Du schreibst, dass du selber homophobes Verhalten an den Tag gelegt hast. Ein Versuch, dich zu widersetzen?
Genau. Eddy will wie verzweifelt dazugehören. Statt zu flüchten versucht er, die Probleme innerhalb seiner Familie zu lösen, indem er selber gewalttätig, rassistisch, frauenfeindlich und homophob wird wie die anderen um ihn herum.

Eine sehr grafische Szene spielt sich im Gartenhaus ab. Als Neunjähriger hast du Sex mit anderen Jungs, darunter auch mit deinem Cousin. Die Presse sprach von einer Vergewaltigung.
Nein, das war der grösste Spass meiner Kindheit! In der französischen Presse wurde die Szene als Vergewaltigung beschrieben. Der Journalist konnte nicht begreifen, dass auch Kinder sexuelles Verlangen verspüren können. Es war mein grösster Wunsch, mit Männern Sex zu haben.

Du bist brutal ehrlich in der Art, wie du deine Familie, vor allem deine Eltern, beschreibst. Hattest du keine Befürchtungen, das Geschriebene könnte zu ­intim sein?
Die Beschreibungen sind nicht brutal, sie sind fair. Einerseits wollte ich die Komplexität meiner Eltern aufzeigen. So oft mich mein Vater auch beleidigt hat, so oft hat er mir auch gesagt, wie stolz er auf mich sei, dass ich anders bin. Andererseits war es wirklich schwierig, meine Geschichte zu schreiben, gerade weil sie so intim ist. Aber dann dachte ich, genau das musst du aufschreiben, denn das Schwierigste ist das Wichtigste. Alles andere ist Nebensache.

Die Hauptaufgabe der Literatur ist das Verwischen der Grenze zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit. Oft ist es unabdingbar, dass Persönliches in die Öffentlichkeit dringt. Die Gay Pride oder die Frauenbewegung hätten ihre Ziele nicht erreicht, wenn sie ihr Privatleben nicht zum politischen Statement gemacht hätten.

Die lokale Presse in deiner Heimat, der Picardie, hat deine Familie aufgespürt und mit ihnen gesprochen. Deine Mutter war gar nicht einverstanden, wie sie im Buch dargestellt wird.
Komischerweise ist ihr grösstes Problem, dass ich sie als arm bezeichne. Das hat sie sehr wütend und traurig gemacht. Für mich war ihre Reaktion höchst seltsam, denn im Buch schreibe ich, wie rassistisch und homophob sie ist. Sie hat keine Mühe damit, dass sie als rassistisch angesehen wird. Sie schämt sich dafür, arm zu sein. Genau wie Eddy zieht sie es vor, eine Lüge zu leben, statt sich als Opfer zu sehen. Sie sagt: «Ich bin nicht arm», aber offensichtlich ist sie sehr arm.

Dein Vater hingegen war sehr stolz. Er hat gleich mehrere Dutzend Bücher gekauft und seinen Freunden verteilt. Haben deine Eltern dein Buch überhaupt gelesen?
Nein, ich denke nicht, dass sie es gelesen haben. Sie lesen keine Bücher. Das liegt nicht an ihnen, sondern daran, dass sie sehr früh die Schule verlassen haben. Ich nehme es ihnen nicht übel. Ich nehme es unserem sozialen System mit seinen Ungleichheiten übel.

Die Veröffentlichung des Buches in französischer Originalsprache liegt ein Jahr zurück. Wie sieht dein Verhältnis zu deinen Eltern aus?
Es ist mir egal.

Gehst du manchmal zurück in deine Heimat?
Nein, ich wüsste nicht warum. Ich habe meinen Platz woanders gefunden. Mit der Entdeckung von Marcel Proust und Pedro Almodóvar habe ich das Gefühl, meine Familie gefunden zu haben.

Hat deine Familie in deinem Leben keinen Platz mehr?
Nein. Zwischen uns liegt eine soziale Distanz, die wir nicht beeinflussen können. Bevor das Buch erschienen ist, bin ich mehrmals nach Hause gereist, um meine Mutter zu sehen. «Warum sprichst du so? Du klingst wie ein Bourgeois. Wieso bist du so angezogen?», würde sie sagen. Dabei verwendete ich stets gewöhnliches Vokabular und trug ganz normale Kleider, etwa Jeans und ein Poloshirt. Dann würde sie über Einwanderer fluchen, bis ich sie anfahre, sie solle doch aufhören und die Klappe halten. Meine Besuche endeten immer im Streit.

Du hast mehrmals gesagt, dein Buch sei keine Anklage. Bist du denn nicht wütend auf die Menschen, die dich gedemütigt haben?
Nein, im Gegenteil. Das Schreiben des Buches hat mir ermöglicht, die Gründe ihres Verhaltens zu verstehen. Das bedeutet aber nicht, dass ich sie liebe. Man kann Menschen verstehen und ihnen gerecht werden, ohne Sympathien für sie aufbringen zu müssen.

Die Picardie gehört zu den ärmsten Gegenden Frankreichs. Es gab Zeiten, da hattest du nicht einmal etwas zu essen. Was ist das grösste Problem der Region?
Enteignung. Die Menschen haben nichts.

Mit unglaublicher Sprachgewalt erzählt der junge Autor Édouard Louis die Geschichte einer Befreiung aus einer unerträglichen Kindheit: inspiriert von seiner eigenen. (Bild: S. Fischer Verlag)

In einem Artikel habe ich gelesen, dass du dich weigerst, an Podien teilzunehmen, die sich um gleiche Rechte drehen.
Das stimmt nicht ganz. Ich nehme gerne an Podien teil, die sich um gleiche Rechte drehen, und habe dies bereits auch mehrere Male getan. Ich habe die Teilnahme an einer Diskussion mit Vertretern von «Manif pour tous» verweigert, der Bewegung gegen die Öffnung der Ehe in Frankreich. Diesen Menschen habe ich nichts zu sagen. Ich spreche gerne über Rechte, aber nicht mit ihnen, weil sie homophob und dumm sind.

Heterosexuellen Menschen ein Recht zu geben und es anderen zu verweigern ist schlicht und einfach homophob. Leute sagen mir, das sei Meinungssache, aber das ist es nicht. Wenn sich Angela Merkel gegen die Eheöffnung ausspricht, ist das homophob. So wie vor 100 Jahren in den USA Schwarze und Weisse nicht heiraten durften, genauso ist es heute mit zwei Männern oder zwei Frauen. Da gibt es nichts zu diskutieren. Es ist Diskriminierung.

«Heterosexuellen Menschen ein Recht zu geben und es anderen zu verweigern ist schlicht und einfach homophob.»

Du hast Hass und Homophobie am eigenen Leib erfahren. Welches ist der beste Weg, dagegen anzukämpfen?
Indem man die Gewalt sichtbar macht. Ich habe die Literatur dafür gewählt, man kann aber auch einen Film drehen oder Journalist werden. Wer die Gewalt sichtbar macht, deckt weitere Formen der Gewalt auf, die man erzählen muss.

Du hast deinen Namen in Édouard Louis geändert. Ist Eddy verschwunden?
Ja (lacht). Eddy ist verschwunden. Das heisst aber nicht, dass nichts mehr von Eddy oder meiner Vergangenheit in mir steckt, wie zum Beispiel die Wut. In meinem Milieu war die Wut allgegenwärtig.

Wie meinst du das?
Zum Beispiel meine Mutter, die jeweils die Leute im Fernsehen voller Wut anschrie und beleidigte. Wir waren immer sehr wütend auf alles. Aufgrund der sozialen Ausgrenzung hatten wir aber keine Fähigkeiten, unsere Wut in etwas umzusetzen, das uns hätte befreien können. Ich habe immer noch viel Wut in mir, aber ich kann mich glücklich schätzen, dass ich die Möglichkeit hatte, sie durch das Schreiben rauszulassen. Jede Zeile habe ich aus der Wut heraus geschrieben.

Wie war das Eintauchen in eine neue Welt nach deiner Flucht? Ich stelle mir deine Freude riesig vor, nachdem du Menschen gefunden hast, die dir ähnlich sind.
Das geschah nicht sofort, sondern nur allmählich, als ich realisierte, dass ein neues Leben möglich war und dass es in der Geschichte viele Menschen gab, die so waren wie ich. Als hätte ich ein neues Leben, das die ganze Zeit auf mich gewartet hatte.

«Ich war wie besessen davon, eine neue Person zu werden. Manchmal verschob ich sogar mein Geburtsdatum um einige Tage, nur um nicht dasselbe zu haben wie Eddy Bellegueule.»

Die Freude über meine Metamorphose war riesig. Jedes Mal, wenn mich jemand bei meinem neuen Namen rief, war es wie eine Party in meinem Kopf. Édouard Louis ist nicht ein Pseudonym, ich wollte meinen Namen offiziell ändern und auf meinen Dokumenten haben. Ich änderte meinen Kleidungsstil und liess meine Zähne flicken. Ich war wie besessen davon, eine neue Person zu werden. Manchmal verschob ich sogar mein Geburtsdatum um einige Tage, nur um nicht dasselbe zu haben wie Eddy Bellegueule.

Arbeitest du an einem neuen Buch?
Es ist bereits fertig und erscheint in Frankreich im Januar. Das Buch ist zu 100 % ein autobiografischer Roman wie «Das Ende von Eddy», und die Gewalt spielt wieder eine zentrale Rolle. Es handelt von einer Nacht in meinem Leben, in der ich einen Algerier treffe, der mir aus seinem Leben erzählt. Es ist eine Geschichte über die algerische Migration. Wir reden die ganze Nacht, bis er an einem Punkt eine Pistole an meinen Kopf hält und mich töten will.

Die Gewalt bleibt also ein zentraler Punkt in deiner Arbeit?
Absolut. Die Gewalt erzählt die Wahrheit unseres Lebens. Je mehr wir uns damit auseinandersetzen, desto eher können wir uns von ihr loslösen. Wer sie ignoriert, bekämpft sie nicht.


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