«Blue Moon»: Ethan Hawke als schwuler Musical-Textdichter Lorenz Hart

Das Biopic erzählt die Geschichte der Broadway-Legende, die bis zum Schluss verzeifelt nach Liebe suchte

Ethan Hawke (r.) und Andrew Scott als Paar-wider-Willen in «Blue Moon»
Ethan Hawke (r.) und Andrew Scott als Paar-wider-Willen in «Blue Moon» (Bild: Sony Pictures)

Schon zum neunten Mal spielt Ethan Hawke in einem Spielfilm von Regisseur Richard Linklater. Im Kammerspiel «Blue Moon» übertrumpft sich der Hollywood-Star mit einer grandiosen Charakterstudie eines schwulen Künstlers selbst.

Bei der Oscar-Verleihung gehörte Ethan Hawke für sein Spiel in «Blue Moon» zu den Nominierten in der Kategorie «Bester Hauptdarsteller» (MANNSCHAFT berichtete). Landsmann Michael B. Jordan erhielt den Preis für seine Glanzleistung in «Blood & Sinners». Das schmälert jedoch die Leistung von Ethan Hawke keineswegs.

Seine Interpretation des versteckt homosexuellen Songschreibers Lorenz Hart (1895–1943) dürfte als eine der eindrucksvollsten Darstellungen einer komplexen Persönlichkeit in die Geschichte des Kinos eingehen.

Das Lebensende eines einst gefeierten Songschreibers Der Titel des Films, der am 26. März in Deutschland im Kino startet, spielt auf einen legendären Hit der US-amerikanischen Musikgeschichte an: Mit «Blue Moon» gelang Lorenz Hart gemeinsam mit dem Komponisten Richard Rodgers (1902–1979) ein Welterfolg.

Berühmte Interpretinnen und Interpreten wie Ella Fitzgerald, Frank Sinatra, Elvis Presley, The Beatles und auch Götz Alsmann mit seiner eigenen Version «Mondnacht am Meer» haben den poetischen Song rund um die Welt getragen. Der Spielfilm gleichen Titels feiert allerdings nicht den Evergreen. Richard Linklater (zuletzt: «Nouvelle Vague») beleuchtet vielmehr das tragische Lebensende von Lorenz Hart.

Das feinsinnige Kammerspiel zeigt den Mitschöpfer vieler Broadway-Erfolge der 1920er- bis 1940er-Jahre kurz vor seinem Tod. Zwar sind Klassiker wie «The Lady Is a Tramp», «My Funny Valentine» und eben «Blue Moon» nach wie vor vielfach zu hören. Doch Lorenz Harts Stern ist verblasst.

«Blue Moon» spielt an einem Abend in einer Bar Der Film spielt am 31. März 1943, als Hart allein an der Bar des Restaurants Sardi’s sitzt, damals ein beliebter Treffpunkt der New Yorker Gesellschaft. Er bleibt an diesem Abend lediglich Zaungast der Premierenfeier von «Oklahoma!», dem ersten Musical, das sein langjähriger Kompagnon Richard Rodgers (der schwule Superstar Andrew Scott) gemeinsam mit dem Textdichter Oscar Hammerstein II (1895–1960) verfasst hat.

Die Trunksucht und die daraus resultierende Abkehr seines bisherigen Partners haben Lorenz Hart innerlich zerschmettert. Den Trost, den er im Alkohol sucht, findet er nicht. Der gebrochene Mann buhlt mit einem scheinbar endlosen Wortschwall um Aufmerksamkeit und Anerkennung. In seiner bekannten Biografie «Lorenz Hart: A Poet on Broadway» führt Frederick Nolan das Alkoholproblem des Texters darauf zurück, dass er als vergleichsweise kleinwüchsiger, unattraktiver schwuler Mann auch in der LGBTIQ-Szene keinen Anschluss fand und seine vielen unglücklichen Liebschaften in berühmten traurigen Liebesliedern verarbeitete, die wie eine Autobiografie gelesen werden können.

Die bekannte Lorenz-Hart-Biografie von Frederick Nolan
Die bekannte Lorenz-Hart-Biografie von Frederick Nolan (Bild: Oxford University Press)

Der Barkeeper (Bobby Cannavale), ein Dichter (Patrick Kennedy) und die junge Freundin Elizabeth (Margaret Qualley) hören ihm mehr oder weniger geduldig zu. Doch ausser Mitleid haben sie ihm wenig zu geben. Lorenz Hart bleiben nur seine eigenen Worte. Er klammert sich daran, als wären sie Rettungsringe – doch sie geben keinen Halt.

Ein Film mit einem magischen Sog Die Geschichte in Stichworten lässt auf Trübsinn schliessen. Doch dem ist nicht so. Richard Linklater und Drehbuchautor Robert Kaplow, die bereits bei der Komödie «Ich & Orson Welles» (2008) erfolgreich zusammengearbeitet haben, begeistern mit einem fast schwerelosen Tonfall.

Lorenz Hart, so wie sie ihn zeichnen, begegnet seiner Misere mit scharfem Witz. Nahezu jeder seiner Sätze endet mit einer pointierten Bemerkung. Das wirkt nie platt. Hinter aller schillernden Komik wird stets die Tragik eines Mannes sichtbar, der verzweifelt um den letzten Rest Würde kämpft.

Szene aus «Blue Moon» mit Margaret Qualley als Elizabeth
Szene aus «Blue Moon» mit Margaret Qualley als Elizabeth (Mi.) (Bild: Sony Pictures)

Auch wenn äusserlich kaum etwas geschieht, entfaltet dieser Spielfilm einen magischen Sog. Das ist in hohem Mass der Intensität von Ethan Hawke zu verdanken. Er vollbringt einen schauspielerischen Kraftakt. Faszinierend ist, wie er Tragik und Komik in Balance hält. Im Kinosaal dürften sich bei vielen Tränen des Lachens mit solchen der Rührung mischen.

Dieser Satz ist Ethan Hawke im Gedächtnis geblieben Der Schauspieler beherrscht die Kunst, nahezu jedem Wort eine doppelte Bedeutung zu verleihen, und sagt zugleich ungemein viel mit den Augen. Die Wirkung ist beeindruckend. Dank der Wahrhaftigkeit des Hauptdarstellers wird die Filmerzählung fesselnd, ohne je sentimental oder pathetisch zu wirken.

Ein Satz aus dem Film ist ihm besonders in Erinnerung geblieben, sagte Hawke im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur 2025, als der Film bei der Berlinale lief. Es handelt sich um ein Zitat des Autors W. Somerset Maugham: «There’s always one who loves and one who lets himself be loved» (auf Deutsch: «Es gibt immer einen, der liebt, und einen, der sich lieben lässt.»).

«Ich glaube, dieses Zitat bedeutete Lorenz sehr viel, weil er so einsam war», führte Hawke aus. «Wenn man das Glück hat, eine gegenseitige Liebe zu erleben, verliert dieses Zitat an Bedeutung. Es muss nicht unbedingt so sein. Aber ich glaube, auf Hart traf es zu.»

Was Hawke an «Blue Moon» besonders gefallen hat Dem Publikum drängt sich eine über das Schicksal der Hauptfigur hinausweisende Frage auf: Was tun, wenn man sich selbst verloren hat? Eine einfache Antwort gibt der Film nicht. Doch viele Szenen regen dazu an, genau darüber nachzudenken.

Was hat Hawke selbst an «Blue Moon» besonders gereizt? «Die Originalität des Ganzen», sagt er. «Es ist das Porträt eines Menschen, wie ich es noch nie zuvor gesehen habe. Es ist zugleich unglaublich lustig und unglaublich traurig. Ich liebe Dinge, die zwei Seiten haben.»

Lorenz Hart weiss schliesslich, dass er sich im Nichts der Bedeutungslosigkeit verloren hat. Doch er jammert nicht, sondern bewahrt Haltung. Er lächelt. Dieses Lächeln begleitet einen auf dem Heimweg – zusammen mit dem Zauber des wunderbar melancholischen Songs «Blue Moon».

Von Peter Claus, dpa, mit Ergänzungen der Redaktion

«Onlyfans und Schlager würden sich nicht gegenseitig befruchten»: Daniel Johnson wurde mit schwulen Liedern wie «Romeo an Julian» in Schlagerkreisen bekannt – und träumt davon, auch mal bei der Schlagernacktparty aufzutreten (MANNSCHAFT berichtete).

Das könnte dich auch interessieren

Kommentare