Oscars 2026: Wo sind die queeren Filme geblieben?
Selten hat ein Filmjahr so viele interessante LGBTI-Geschichten hervorgebracht wie 2025. Doch bei den Oscar-Nominierungen spiegelt sich diese Vielfalt kaum wider. Stattdessen dominieren Blockbuster, Prestigeprojekte und altbekannte Namen. Ein Kommentar*.
Das Kinojahr 2025 hatte viel Spannendes zu bieten, was LGBTIQ-Geschichten angeht. Doch in der Academy of Motion Picture Arts and Sciences scheinen davon die wenigsten etwas mitbekommen zu haben. Wenn jetzt in der Nacht von Sonntag auf Montag die Oscars vergeben, wird es auf der Bühne des Dolby Theatres in Los Angeles jedenfalls reichlich heterosexuell zu gehen. Denn so unqueer wie in diesem Jahr waren die Nominierungen gefühlt schon lange nicht mehr.
Viele queere Filme – aber keine Oscar-Chancen Dass nun weder «Pillion» mit Alexander Skarsgård als Dom in Motorrad-Kluft (ab 26.3.) noch die wunderbare Tragikomödie «Twinless» oder Kristen Stewarts Regiedebüt «The Chronology of Water» eine Chance auf den einen oder anderen Oscar haben, ist zwar bedauerlich, sagt aber rein gar nichts über die Qualität der Filme aus. Und auch ein womöglich homophobes Abstimmungsverhalten der Academy-Mitglieder muss nicht zwangsläufig unterstellt werden.
Denn so sehr es bei den Academy Awards darum geht, die besten Werke des Jahres auszuzeichnen, so sehr hängen die Nominierungen und Preis-Entscheidungen auch von Faktoren ab, die nur bedingt etwas damit zu tun haben, ob vor und hinter der Kamera wirklich überzeugende Arbeit geleistet wurde. Wie erfolgreich ist ein Film an der Kinokasse und wie wird er von der Kritik rezipiert? Wie viel Konsens-Potential hat eine Geschichte, um tatsächlich den Grossteil der inzwischen mehr als 11'000 Abstimmungsberechtigten aus der ganzen Welt zu überzeugen? Und – wichtiger als alles andere – wie viel Zeit und Geld investieren die Produzent*innen und der in den USA verantwortliche Verleih, um monatelang die Award Season-Werbetrommel zu rühren?
Blockbuster und Prestigeprojekte dominieren Kleine, spezielle und künstlerisch in der einen oder anderen Hinsicht anspruchsvolle Filme wie die oben genannten haben es zwangsläufig schwer gegen einen Überraschungshit wie «Sinners» (deutscher Titel: «Blood & Sinners»), der mit 16 Nominierungen so viele verbuchen konnte wie kein anderer Film je in der 98-jährigen Geschichte der Oscars. Oder gegen das neue Werk eines seit Jahrzehnten gefeierten Meisterregisseurs wie nun Paul Thomas Andersons «One Battle After Another», dem zweiten grossen Favoriten in diesem Jahr. Ganz zu schweigen von Blockbustern wie «F1» oder teuren Netflix-Produktionen à la «Frankenstein».
Die schwule Liebesgeschichte «The History of Sound» mit Josh O’Connor und Paul Mescal stiess nach der Weltpremiere in Cannes auf so wenig Gegenliebe bei Kritik wie Publikum, dass die Verantwortlichen gar nicht erst eine echte Oscar-Kampagne starteten. Das Musical «Kiss of the Spider Woman» mit Jennifer Lopez und inszeniert vom schwulen, von der Academy bereits prämierten Regisseur Bill Condon, floppte so sehr, dass die Nominierungschancen nie sonderlich hoch gehandelt wurden. Und sowohl der französische Film «Paris Murder Mystery» mit LGBTIQ-Ikone Jodie Foster in der Hauptrolle als auch die auf queer getrimmte Literaturadaption «Hedda» mit Tessa Thompson und Nina Hoss hatten das Problem, dass sie nicht nur vergleichsweise wenig Zuschauer*innen hatten, sondern auch die Konkurrenz gerade in den Schauspiel-Kategorien in diesem Jahr verdammt gross war.
Ein paar queere Spuren unter den Nominierten Ein bisschen queere Repräsentation lässt sich allerdings auch unter den diesjährigen Nominierungen finden. Zwar sucht man geoutete queere oder trans Schauspielende unter den 20 nominierten Haupt- und Nebendarsteller*innen vergeblich, aber immerhin spielt der als Bester Hauptdarsteller ins Rennen gehende Ethan Hawke in «Blue Moon» den homosexuellen Broadway-Songschreiber Lorenz Hart.
Als Bester Dokumentarfilm ist «Come See Me in the Good Light» nominiert, der die Beziehung und Krebserkrankung der queeren und non-binären Dichter*in Andrea Gibson begleitet. Im Falle einer Auszeichnung ginge der Oscar unter anderem an den schwulen Regisseur Ryan White und die queeren Produzentinnen Tig Notaro und Stef Willen (MANNSCHAFT berichtete).
Chancen auf den Oscar als Bester Live Action-Kurzfilm hat derweil «A Friend of Dorothy», die Geschichte eines ungeouteten Teenagers und seiner Freundschaft zu einer verwitweten alten Nachbarin. Der Film ist das Regiedebüt des schwulen Schauspielers Lee Knight, die Hauptrolle spielt die lesbische Schauspielerin Miriam Margolyes. Auch Stephen Fry ist mit von der Partie. In der gleichen Kategorie ist auch der französische Kurzfilm «Two People Exchanging Saliva» nominiert, eine dystopische Scifi-Geschichte, in der Queerness eher indirekt verhandelt wird und die unter anderem schon beim San Francisco International Film Festival sowie beim queeren Festival Out on Film in Atlanta mit Preisen bedacht wurde.
Queere Filmschaffende im Animationsbereich Queere Filmschaffende sind in diesem Jahr ansonsten besonders häufig im Kontext von Animationsfilmen nominiert. Grosser Favorit ist dabei der Welterfolg «KPop Demon Hunters», der sich auch Hoffnung machen darf, den Oscar für den Besten Song mit nach Hause zu nehmen. Geschrieben wurde das Lied «Golden» der fiktiven Girlband Huntrix unter anderem vom schwulen Songwriter Mark Sonnenblick. Zu den Nominierten des Pixar-Films «Elio» gehören unter anderem der queere Ko-Regisseur Adrian Molina und die lesbische Produzentin Mary Alice Drumm, während zum Team des ebenfalls nominierten Animations-Hits «Zootopia 2» (dt. Titel: «Zoomania 2») auch der schwule Produzent Byron Howard gehört.
Und wem das noch nicht genug ist, darf sich auch noch freuen über den queeren Subtext in der Vampirgeschichte von «Sinners», über die Thematisierung von Homophobie im wundervoll einfallsreichen brasilianischen Film «The Secret Agent» mit Wagner Moura in der Hauptrolle oder über das Ensemble des neunfach nominierten Timothée Chalamet-Dramas «Marty Supreme», zu dem unter anderem Tyler the Creator, Sandra Bernhard, Modeschöpfer Isaac Mizrahi und natürlich Gay Icon Fran Drescher gehören.
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