Tig Notaro: «Nach 30 Jahren Stand-up brauche ich Applaus nicht mehr so sehr»

Die Stand-up-Komikerin und Schauspielerin über eine Freundschaft, die vom Tod beendet wurde

In «The Morning Show» spielte Tig die loyale Stabschefin des charismatischen Tech-Moguls Paul Marks (Jon Hamm).
In «The Morning Show» spielte Tig die loyale Stabschefin des charismatischen Tech-Moguls Paul Marks (Jon Hamm). (Bild: Apple TV)

Tig Notaro spricht über den ergreifenden, unerwartet witzigen Dokumentarfilm «Come See Me in the Good Light», den sie über Andrea Gibson, nicht-binäre Lyriker*in und Aktivist*in, produziert hat. Wenige Monate nach Gibsons Tod blickt Notaro zurück.

Tig, du bist nicht nur eine der Produzentinnen des Dokumentarfilms «Come See Me in the Good Light», sondern warst auch eine gute Freundin von Andrea Gibson. Wann seid ihr euch das erste Mal begegnet? Andrea und ich trafen uns das erste Mal vor ungefähr 25 Jahren. Andrea war damals Teil einer sozialistischen Gruppe politischer Aktivist*innen mit dem Namen Vox Feminista in Colorado. Zu der Truppe gehörten Musiker*innen, Komiker*innen, Künstler*innen aller Art, die gemeinsam auftraten und sich wichtigen gesellschaftspolitischen Themen widmeten. Ich lernte Andrea backstage kennen und war auf Anhieb fasziniert. Andrea entsprach nicht dem Bild, das ich von Lyriker*innen hatte, sondern wirkte eher wie ein Rockstar. Wie jemanden, den ich aus der Musikwelt oder der Lesbenszene kennen könnte. Dann ging Andrea auf die Bühne – und siehe da: Die Rockstar-Assoziation war richtig!

Erkanntest du Ähnlichkeiten zu dir? Nicht nur als queere, androgyn auftretende Person, sondern auch, weil es Parallelen zwischen Spoken-Word-Lyrik und Stand-up-Comedy gibt? Ich glaube nicht, dass ich darüber nachgedacht habe. Natürlich arbeiten wir beide mit Worten, um bei den Hörenden eine Wirkung zu erzeugen, sie zu bewegen. Und wir nutzen häufig unser Leben als Inspirationsquelle. Aber letztlich gilt das vermutlich für alle, die sich mit Worten an ein Publikum richten, ob mit Songs oder Romanen. Was Andrea angeht, kann ich nur sagen, dass ich selten jemanden kennengelernt habe, der so lustig war und mit dem man so gut lachen konnte.

Zu welchem Zeitpunkt kam dir der Gedanke, einen Film über Andrea und Andreas Ehefrau Megan Falley, die ebenfalls Lyrikerin ist, zu drehen? Als Andrea an Krebs erkrankte, gab es viele Freund*innen, die ihnen halfen: bei Arztterminen, beim Testament, mit rechtlichen Fragen. Meine gute Freundin Steph Willen und ich griffen Andrea bei einem Podcast unter die Arme. Irgendwann sagte Steph: «Andreas Leben wäre ein toller Stoff für einen Dokumentarfilm.» Da ging mir ein Licht auf – und ich sah einen solchen Film sofort vor mir, der vielleicht beim Festival in Sundance laufen und sein Publikum tief berühren würde. Aber ich staune immer noch, dass es tatsächlich so kam. Und das sogar ohne grosse Hürden, weil alle auf Anhieb mit Leib und Seele teilhaben wollten.

Auch Andrea und Megan selbst? Ja, die brauchten wir nicht lange überreden. Nicht im Vorfeld und schon gar nicht, als wir mit der Arbeit begannen. Mit unserem winzigen Team freundeten sie sich so eng an, dass sie sich auch nach dem Ende des Drehs regelmässig sahen.

Tig Notaro
(Bild: CC BY-SA 4.0.jpg)

Tig Notaro

Geboren 1971 in Jackson, Mississippi, begann Tig Notaro ihre Karriere als Promoterin von Rockbands. Mitte der Neunziger fing sie an, sich als Standup-Komikerin zu versuchen. Ihr erstes TV-Special war 2004 zu sehen, es folgten zahlreiche weitere, ebenso Talkshow-Auftritte, Dokumentarfilme, Podcasts, ein Buch. Zwei Jahre lang spielte sie die Hauptrolle in der Serie «One Mississippi», später war sie in «Star Trek: Discover» genauso zu sehen wie in der dritten Staffel von «The Morning Show». Der von ihr mitproduzierte Dokumentarfilm «Come See Me in the Good Light» ist seit November auf Apple TV zu sehen.

Kopf des Teams war der Regisseur Ryan White. Warum fiel eure Wahl auf ihn? Zu sagen, wir hätten uns für ihn entschieden, stimmt nicht ganz. Kaum stand die Idee im Raum, schrieb ich ein paar Leuten aus dem Dokumentarfilmbereich, um zu hören, wer Interesse oder eigene Ansätze hätte. Drei Tage später meldeten sich Ryan und seine Produktionspartnerin Jessica Hargrave: Sie seien bereits dabei, Flüge nach Colorado zu buchen, um Andrea und Megan zu treffen.

War es wichtig, eine queere Regieperson für den Film zu haben? Das war für mich keine Bedingung, aber natürlich ein schöner Bonus. Entscheidend war, Mitstreiter*innen zu finden, die verstanden, worum es wirklich ging: um einen Menschen, mit dem wir seit Jahren befreundet waren und der sich am Ende seines Lebens befand. Die Dreharbeiten sollten deshalb vor allem eines sein: eine liebevolle, positive Erfahrung. Und das wurden sie dank Ryan und Jessica auch.

Das klingt nach einem reibungslosen Produktionsablauf. Gab es keine Schwierigkeiten? Tatsächlich nicht. Sieht man von der grössten aller Schwierigkeiten ab: dem Wissen, dass Andrea sterben würde. Das schwebte immer über uns, auch wenn wir gut darin waren, das über weite Strecken zu verdrängen. Es war das einzige Projekt meiner Karriere, bei dem es keine einzige negative Erfahrung oder unangenehme Person gab. Das lag einzig an der tiefen Liebe und dem grossen Respekt, die wir alle für Andrea und Meg empfanden.

«Come See Me In The Good Light»
Der bewegende Dokufilm «Come See Me in the Good Light» zeigt die queeren Dichter*innen Andrea Gibson und Megan Falley nach einer unheilbaren Krebsdiagnose. (Bild: Apple TV)

Lass uns über Andreas Kunst sprechen. Was macht die für dich besonders? Einerseits die tief empfundenen Emotionen in Andreas Gedichten. Dazu das Licht und die Heiterkeit. Aber auch die Zugänglichkeit. Lyrik kann etwas Einschüchterndes haben, aber bei Andrea nie. Im Gegenteil: Andreas Gedichte entfalten sofort ihre Wirkung, wie eine Spritze in den Arm.

Emotional, heiter, zugänglich – das klingt wieder sehr nach deiner Arbeit. Das würde mich freuen. Ich hoffe immer, dass das Publikum etwas mit dem anfangen kann, was ich zu sagen habe. Aber ich weiss auch, dass mein Humor nicht für alle etwas ist. Das ist auch okay, und ich glaube, Andrea ging es ähnlich. Es stimmt schon, wir hatten vieles gemeinsam; selbst Meg meinte oft, Andrea und ich seien aus dem gleichen Holz geschnitzt. Vielleicht bin ich einfach die Comedy-Version von Andrea und Andrea die Lyrik-Version von mir.

Auf jeden Fall seid ihr – auch nach deiner eigenen Krebserkrankung – Beweis dafür, dass Humor und Lachen gute Mittel der Widerstandsfähigkeit sind. Andrea hat diesbezüglich den Vogel abgeschossen und mich täglich umgehauen. Krebs im Endstadium haben und an manchen Tagen kaum Luft bekommen, aber täglich Sport zu machen – das war Wahnsinn.

«Es entstand ein bewegender Film, den Andrea noch selbst sah.»

Tig Notaro

«Come See Me in the Good Light» zeigt nicht nur Andreas Ringen mit der Krankheit, sondern auch die Beziehung zu Meg. Diese Offenheit entspricht den beiden einfach sehr. Schon in ihrer Lyrik scheuten sie keine Zurückhaltung, entblössten immer alles. Andrea hatte sogar Frieden damit gemacht, möglicherweise vor laufender Kamera zu sterben. Ryan entschied jedoch, dass wir unsere Held*in nicht sterben sehen müssen. Es entstand ein bewegender Film, den Andrea selbst noch zu Gesicht bekam. Darüber bin ich bis heute dankbar.

Tatsächlich war Andrea bei der Weltpremiere beim Festival in Sundance dabei. Den Film gemeinsam zu sehen, war eine unbeschreibliche Erfahrung. Lange hatten wir nicht damit gerechnet, dass Andrea das noch erleben würde. Wir alle waren nervös, vor allem Andrea, denn der Film ist sehr intim. Und Andrea und Meg hatten eigens den Weg nach Utah auf sich genommen, was ein Kraftakt war. Andreas Anspannung war für uns alle zu spüren. Ebenso die Freude und der Stolz darauf, dass das Publikum so positiv und gerührt reagierte.

Sah Andrea «Come See Me in the Good Light» als Vermächtnis an? Das weiss ich ehrlich gesagt nicht.

Für dich ist der Film ein weiterer Schritt weg von der Comedy-Bühne hin zu anderen Projekten. Als Schauspielerin warst du etwa in «The Morning Show» zu sehen, und zusammen mit deiner Ehefrau Stephanie Allynne hast du den Film «Am I OK?» inszeniert. Hast du weitere Regiepläne? Auf gar keinen Fall. Das überlasse ich künftig komplett meiner Frau. Nicht dass wir uns falsch verstehen: Ich bin sehr stolz auf «Am I OK?» und froh, dass wir den Film gemeinsam gemacht haben. Aber ich habe gemerkt, dass meine Persönlichkeit nicht zum Job der Regisseurin passt. Am Set ist man der Captain des ganzen Schiffes, jede*r aus der Crew kommt mit Fragen: «Tig, soll das Telefon in dieser Szene mit dem Display nach oben oder unten liegen?» Du liebes bisschen, auf so etwas hatte ich oft gar keine Antwort. Ganz anders Stephanie: Sie war in jedes Detail involviert, während ich mich lieber auf die Arbeit mit dem Ensemble konzentrierte und sonst alle einfach ihre Arbeit machen liess.

«Nach fast dreissig Jahren Stand-up brauche ich den Applaus nicht mehr so sehr.»

Tig Notaro

Aber produzieren willst du weiter? Ja, das macht mir Spass. Da arbeiten Stephanie und ich auch an einigen Projekten gemeinsam, selbst wenn sie nun an «Come See Me in the Good Light» nicht beteiligt war. Ich bringe gerne Menschen zusammen und koordiniere. Dafür habe ich ein Händchen. Schreiben und Inszenieren ist bestenfalls mein Ding, wenn es um mein eigenes Material als Komikerin geht.

Aber ist das Wirken hinter den Kulissen genauso erfüllend wie live auf der Bühne zu stehen? Absolut. Nach fast dreissig Jahren Stand-up brauche ich den Applaus nicht mehr so sehr. Ich bin nicht mehr getrieben davon, das Publikum zu erobern. Auf «Come See Me in the Good Light» bin ich stolzer als auf jedes andere Projekt, gerade, weil es nicht um mich geht. Mir ging es nur darum, dass die Menschen mehr über Andrea Gibson erfahren, diese einzigartige Person, die mein Leben und das so vieler anderer bereichert hat.

Mehr: US-Beamter tötet Lesbe in Minneapolis: Opfer hinterlässt Frau und Kinder (MANNSCHAFT berichtete)

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