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«Love, Victor»-Star schafft es in die «Power of Young Hollywood»-Liste 2020

Michael Cimino wurde als schwuler Teenager Victor über Nacht zum neuen US-Star. Disney+ will die Erfolgsserie derweil nicht zeigen, weil die Inhalte angeblich nicht «familienfreundlich» sind

Love Victor
Der 16-jährige Victor (Michael Cimino) verliebt sich auf den ersten Blick in seinen schwulen Mitschüler Benji (George Sear), als er neu an die Creekwood High School kommt, wo zuvor Simon mit seiner schwulen Liebesgeschichte für Aufsehen gesorgt hatte (Foto: Hulu)

Als bekannt wurde, dass es vom Hollywood-Hit «Love, Simon» eine Serienfortsetzung geben würde, waren viele Fans skeptisch: Was sollte da noch passieren? Die Antwort gab im Juni 2020 «Love, Victor» beim US-Sender Hulu, die Coming-out-Geschichte von Victor Salazar an der Creekwood High School. Die anrührende Darstellung machte Hauptdarsteller Michael Cimino zum Star. Diese Woche wurde er vom Branchenblatt Variety in die «Power of Young Hollywood List 2020» aufgenommen.

Diese erste Staffel von «Love, Victor» sollte ursprünglich auf Disney+ veröffentlicht werden, womit auch Zuschauer im deutschen Sprachraum sie unkompliziert hätten sehen können – und womit Disney+ sein LGBTIQ-Angebot gegenüber Konkurrent Netflix hätte ausbauen können. Dann wurde aber bekanntgegeben, dass die Serie zum Pride-Monat stattdessen auf Hulu erscheinen würde, mit der Begründung, dass «bestimmte Themen nicht zu dem familienfreundlichen Inhalt von Disney+ passen» würden, während Hulu eher Serien für junge Erwachsene zeige. Das berichtete zumindest Variety. Offensichtlich kam die Staffel trotz oder wegen der «nicht familienfreundlichen Inhalte» so gut an, dass inzwischen verkündet wurde, dass es eine zweite Staffel geben werde.

Worum geht’s in der Serie und wer ist dieser neue Power Player Michael Cimino? Der 16-jährige Victor kommt aus Texas an die Creekwood High School, die gleiche Schule, an der zuvor Simon für Aufsehen gesorgt hatte mit seinem Kuss auf dem Riesenrad. Victor schreibt seinem Vorgänger Simon auf Instagram und erzählt von seinen Problemen: dass er nicht wisse, wie er seiner aus Kolumbien stammenden, streng religiösen Familie sagen solle, dass er schwul sei. Verkompliziert wird die Sache dadurch, dass Victors Mitschüler Benji (gespielt von George Sear) nicht nur atemberaubend gut aussieht, sondern auch noch offen schwul ist. Und Victors Kollege in einem Cafe als Barrista ist. Benji hat allerdings bereits einen Freund, und Victor hat schnell eine Freundin, die smarte Mitschülerin Mia (Rachel Hilson).

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Probleme mit einer traditionellen katholischen Latino-Kultur
Nun könnte man einwenden, dass die Welt nicht wirklich noch eine weitere Teenie-Coming-out-Story brauche. Aber gerade weil die Serie zeigt, wie auch eine neue Generation «junger Erwachsener» die uralten Stationen durchläuft, die vermutlich jedem älteren Homosexuellen bekannt sind, wirkt «Love, Victor» auch ausserhalb der U18-Zielgruppe. Denn: Es wird thematisiert, dass die Welt sich in Bezug auf LGBTIQ radikal verändert hat, Victor erhält von Simon eine Fülle digitaler Lebensratschläge (die der Original-Simon-Darsteller Nick Robinson vorliest, bevor er einen leibhaftigen Kurzauftritt hat, um dem verzweifelten Victor auf den rechten Weg zurückzuhelfen), trotzdem bleibt es ein grosser Schritt (für manche), sich zu outen. Besonders, wenn man mitbekommt, was die Eltern so lapidar über andere Homosexuelle sagen, und wenn der eigene Grossvater aus Kolumbien zum Geburtstag erscheint und auf geradezu toxische Weise erklärt, was er von «solchen Menschen» hält, die sich nicht normativ verhalten im Sinn einer traditionellen katholischen Latino-Kultur.

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Victor will verständlicherweise seinen Status als «best little boy in the world» gegenüber seinen liebenden Eltern und Grosseltern nicht aufgeben und zögert, ihnen zu sagen, was los ist. Er lässt sich auf eine Beziehung zu Mia ein, die seinen Vater und Grossvater glücklich macht. Er denkt, in Zeiten von fluider Sexualität sei eine Beziehung mit einem Mädchen keine schlechte Option und auch kein Verrat an sich selbst. Bis es nicht mehr funktioniert und er zu viele Menschen verletzt mit seinem Verhalten – ohne zu wissen, wie er da wieder rauskommt.

Love Victor
Victor glaubt, er könnte mit einer Beziehung zu seiner Mitschülerin Mia (2.v.r.: Rachel Hilson) ein Coming-out vermeiden (Foto: Hulu)

Was sagen die Identitätspolitiker_innen?
Michael Cimino spielt diesen jungen Mann mit entwaffnender Direktheit und Glaubwürdigkeit. Und er hat mit seinem Kollegen George Sear als Benji definitiv «chemistry» auf dem Bildschirm. Für beide ist es die erste grosse Rolle, beide wurden damit in die vorderste Schauspielliga katapultiert.

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Beide identifizieren sich selbst nicht als schwul. Dennoch sagt Cimino nicht, was für ein Karriererisiko es gewesen sei, Victor zu spielen (obwohl er das in verschiedenen Interviews gefragt wurde), vielmehr wird er jetzt von Variety zitiert mit den Worten: «Es ist toll, so viel positives Feedback für unsere Serie zu bekommen und zu sehen, wie sie Menschen berührt. Es ist eine Ehre, die LGBTIQ Community zu repräsentieren. Ich möchte die Person sein, die ihren Kampf, ihre Geschichte, auch ihre ethnische Herkunft (was immer diese auch ist) repräsentiert, und ich will dies so genau wie möglich tun, so dass es glaubwürdig und ‹true to life›ist.» (Laut eigener Auskunft hat er sich von seinem schwulen Cousin beraten lassen, wie er diesen Teenager am besten spielen könnte.)

Wegen solcher Äusserungen werden bestimmte Vertreter_innen der Identitätspolitik vermutlich auf die Barrikaden gehen. Aber Hollywood und erfolgreiche Darstellungen hängen oft nicht von Identitätspolitik ab, sondern von der Frage: Wer kann etwas am glaubhaftesten rüberbringen und erreicht damit die meisten Zuschauer? Als einer dieser Zuschauer habe ich selbst mich beim Anschauen von «Love, Victor» auch nicht gefragt, ob die Eltern von Victor – die fabelhaften Ana Ortiz und James Martinez – in Wirklichkeit eigentlich heterosexuell sind, um das glaubhaft spielen zu können, oder ob Juan Carlos Cantu als Grossvater Tito wirklich aus Kolumbien kommt und katholisch ist. Wichtig ist, für mich, dass es im Rahmen der Serie (oder des Films) funktioniert. Wie bei Armie Hammer und Timothée Chalamet in «Call Me By Your Name» oder Cate Blanchett und Rooney Mara in «Carol», obwohl es in beiden Fällen heftige Proteste von Aktivist_innen gab. Solche Proteste werden, so scheint ist, noch heftiger, wenn es um trans Charaktere geht, wobei man auch hier fragen könnte, ob die Glaubwürdigkeit auf dem Bildschirm nicht der entscheidende Aspekt sein sollte. Aber darüber kann und darf debattiert werden, vielleicht etwas weniger verbittert und verbissen als in letzter Zeit. (MANNSCHAFT berichtete über das vermeintliche «Straightwashing» in Film und Fernsehen.)

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Keine Schubladen
Cimino sagt, er wolle sich in Bezug auf seine sexuelle Orientierung nicht in eine Schublade stecken lassen aus der er dann in zehn Jahren – sollte er sich dann als schwul oder bi outen – erst wieder rauskommen müsste. Er wolle einfach nur «true to myself» sein, also sich selbst treu sein.

Dazu gehört, dass er sich einsetzt für «We the Movement L.A.», eine Organisation, die hilft Geld zu sammeln für Geschäfte von Schwarzen in der Pico-Redondo-Gegend von Los Angeles.

Was «Love, Victor» angeht: Natürlich gab und gibt es Serien wie «The Fosters» oder «Euphoria», die viel spannendere und weniger ausgetretene Pfade beschritten haben, was LGBTIQ-Themen angeht. (MANNSCHAFT berichtete.) Auch von «Euphoria» bei HBO soll nach der Corona-Zwangspause nun eine zweite Staffel gedreht werden, mit Jacob Elordi in einer Hauptrolle, die ebenfalls bei weitem aufregender ist, als das, was er aktuell bei «Kiss Booth 2» auf Netflix zu tun hat. (Bald folgt «Kissing Booth 3».)

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Trotzdem kann man es erfreulich finden, dass die Diskussion um Michael Cimino und «Love, Victor» so entspannt verläuft und der Jungdarsteller auch gleich in der «Power of Young Hollywood»-Liste gelandet ist. Gerade die sensible Darstellung des Familiengeflechts mit Eltern und Grosseltern macht «Love, Victor» so sehenswert – und dass Disney+ dies als nicht «familienfreundlich» ansieht, zeigt eher, wie wichtig solche Serien derzeit nach wie vor sind.

Mit etwas Glück tauchen die zehn Folgen à 30 Minuten irgendwann bei Amazon auf, wenn nicht Netflix vorher zuschlägt. Er Streamingdienst hat bekanntlich weniger Sorgen wegen eines überholten Familienfreundlichkeitsbildes, das noch viel problematischer ist als jede Diskussion um Identitätspolitik.

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