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Die gute Nachricht: Menschen vermissen vor allem Menschen

Die Ausgangsbeschränkungen halten an, die Sehnsucht nach unseren Freund*innen wächst

Corona Kontakt
Ein Mindestabstand von 1,5 Metern wird in der Corona-Pandemie empfohlen (Foto: Sharon Mccutcheon/Unsplash)

Noch eine Woche und noch eine Woche und noch eine Woche. Die Ausgangsbeschränkungen angesichts der Corona-Pandemie halten an. Sie sind für viele belastend, aber es gibt schon jetzt eine Lehre, die optimistisch stimmt, so unser Samstagskommentator*.

Seit Beginn der Corona-Pandemie hat die Berliner Polizei – und sie ist die einzige bundesweit, die das in ihrem offiziellen Polizeibericht täte – keinen einzigen homo- oder transfeindlichen Übergriff mehr gemeldet. So erfreulich das ist: Wo die Menschen weitgehend zu Hause bleiben (müssen), mangelt es an Sichtbarkeit und an Gelegenheit, etwa gleichgeschlechtlich liebenden Menschen eins zu verpassen.

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Insofern ist Ruhe. Alles wirkt friedlich, irgendwie weihnachtlich. Hoffen wir, dass es weiter so zivilisiert bleibt.

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Aber es sind immer noch drei Wochen. Derzeit weiss niemand, ob die Beschränkungen Mitte April aufgehoben werden. Gesundheitsminister Jens Spahn hat angekündigt, er wolle bis spätestens Ostern ein Konzept für einen Weg aus den massiven Alltagseinschränkungen erarbeiten. Es gehe darum, öffentliches Leben in Deutschland wieder möglich zu machen, sagte der CDU-Politiker der Wochenzeitung Die Zeit.

Einige wollen schon jetzt voreilig die Aufhebung des Ausnahmezustands ankündigen. Unionsfraktionsvize Carsten Linnemann etwa will die Wirtschaft in Deutschland spätestens nach Ostern «schrittweise» wieder hochfahren. Der Wunsch ist nachvollziehbar, aber auch unverantwortlich. Jedenfalls solange wir nicht wissen, wie viele heimliche Virus-Träger es in diesem Land gibt. Was hält uns davon ab, in Deutschland systematisch repräsentative SARS CoV-2 Tests durchzuführen (wie diese Petition es fordert)? Die Testkits gibt es bereits.

Wie auch immer es weitergeht: Ob wir danach noch dieselben sind, ob uns die Pandemie dann wirklich verändert hat, wie viele derzeit orakeln – es wird sich erweisen.

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Was mich schon jetzt rührt und bewegt, ist – Achtung, jetzt kommt ein bisher muffig und angestaubt klingender Begriff aus dem Genossen-Wortschatz – die grosse Solidarität. Vielerorts sind Hilfsaktionen in unserer Community zu beobachten. Sei es im schwulen Buchladen Eisenherz, wo die Leute fleissig Bücher bestellen («das ist wirklich toll und hilft uns im Moment sehr», war dieser Tage auf dem Facebook-Profil der Berliner Buchhändler*innen zu lesen), sei es im SchwuZ, dem grössten deutschen Schwulenclub, ebenfalls in der Hauptstadt, wo eine Startnext-Kampagne schon rund 12.000 Euro gebracht hat. (Einen Überblick über Hilfsaktionen in Deutschland und in der Schweiz gibt es hier.)

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Hier geht es nicht um reines Spenden – wer hier gibt, erhält auch etwas – einen DJ-Workshop beispielsweise oder ein Jahr auf der Gästeliste einer Party. Angesichts der zahlreichen Zuwendungen ist man «vor allem erfreut, froh und dankbar», wie SchwuZ-Geschäftsführer Marcel Weber gegenüber MANNSCHAFT sagte.

Noch etwas steht fest, und das stimmt mich zutiefst optimistisch: Bei allem, was derzeit nicht geht, weil es nicht erlaubt ist – Reisen, Kino, Tanzen, Shoppen oder am Samstag zum Fussball gehen – ist das, was die Menschen derzeit am meisten vermissen: Nähe, Kontakt und direkten Austausch mit anderen Menschen. Das ist die Quintessenz dessen, was ich  im Austausch mit Mitgliedern der LGBTIQ Community erfahren habe: Ich vermisse meine Freund*innen, sagen sie. Oder: Mir fehlen die gemeinsam verbrachten Abende.

Der LGBTIQ-Verein hab queer bern hat beispielsweise eine Austauschgruppe eingerichtet.

«Ich bin generell ein körperlicher Mensch, der seine Freunde und Kollege gerne knuddelt und ihnen nahe ist. Schade, dass man sich an so einer menschlichen Stelle zur Zeit begrenzen muss», erklärte etwa der Kabarettist Malte Anders.

Die Corona-Pandemie hält Menschen nicht davon ab, sich in den Dating-Apps zu tummeln. Grindr und Hornet gehören zu jenen, die ihren Nutzern die Verhaltensregeln der Weltgesundheitsorganisation WHO in Erinnerung rufen und ihnen empfehlen, ein «soziales Netzwerk auf Distanz» zu pflegen (MANNSCHAFT berichtete).

Aktuell verzichten einer Umfrage auf gay.de zufolge viele schwule, bisexuelle und queere Männer auf Sex – auch wenn es schwerfällt, wie Ralf König in einem seiner aktuellen Comics zur Corona-Pandemie zeigt:

Immerhin: Es ist ein Segen, dass wir heute trotz Isolation, selbst gewählt oder nicht, unsere Freunde und Familie erreichen können, durch SMS, Whatsapp oder Videocall. Ohne Internet gäbe es eine massenhafte Vereinsamung. Aber es ersetzt keine «richtigen» Kontakte, live und in Farbe und mit Körperkontakt.

Menschen, die sich nicht berühren dürfen, leiden eher unter Depressionen.

Die Haut ist unser grösstes Sinnesorgan, Berührungen überlebensnotwendig und wichtig für die Psyche, wie die Dermatologin Yael Adler im Spiegel erkärt hat. «Menschen, die vereinsamt sind, allein leben, Single sind oder die sich aus religiösen Gründen nicht berühren dürfen, leiden eher unter Depressionen.» (Über seine psychische Krankheit zu reden kommt oftmals einem zweiten Coming-out gleich – MANNSCHAFT berichtete).

Vielleicht – und es mag sein, dass ich ein hoffnungsloser Träumer bin – stürmen wir nach dem Ende der Pandemie-bedingten Ausgangssperren die Schwulenbars und -Clubs und entdecken sie – nachhaltig – neu. Nicht bloss aus Solidarität – die ist vermutlich vergessen, wenn genug Zeit vergangen ist und alles wieder in normalen Bahnen läuft. Sondern vor allem weil wir verstanden haben, dass wir einander brauchen. Dass wir bei aller Globalisierung und Digitalisierung, trotz Technologien und Errungenschaften wie Künstliche Intelligenz und Virtual Reality, den Kontakt zu anderen brauchen.

Eine Berührung am Arm, das Streichen über die Schulter des Gegenübers, eine Umarmung oder auch nur der Kuss zur Begrüssung – all das kann man nicht bei Amazon bestellen.

*Jeden Samstag veröffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar zu einem aktuellen Thema, das die LGBTIQ-Community bewegt. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.

Kriss Rudolph

Geschrieben von

Kriss Rudolph (1971*) hat Anglistik und Germanistik in Düsseldorf studiert, arbeitet seit über 20 Jahren als Journalist (SWR, WDR, MÄNNER, B.Z. etc.) und hat diverse Romane veröffentlicht, darunter «Kindsköpfe».
Er lebt mit seinem Hund Mompa in Berlin und ist bei MANNSCHAFT als Online-CvD und als Chefredakteur der deutschen Print-Ausgabe tätig. Ausserdem betreibt er die Podcast-Reihen «Rederei Rudolph» (Interviews) und «Mompa und ich» (Anekdoten auf 4 Beinen).

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