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Purplemoon: Das Ende der queeren Nullerjahre

Die Seite gibt es seit 2002, also länger als Facebook – nun wird sie abgeschaltet

Purplemoon
Illustration: Anja Bartelt

Anfang 2020 schliesst Purplemoon, die Schweizer Seite, auf der die Queers der Nullerjahre chatteten, Freund*innen fanden, sich verliebten. Wir schauen zurück.

Es ist Frühsommer 2011. Ich bin 16 Jahre alt und liege auf einer Wiese an einem kleinen Fluss. Um mich herum Pappbecher mit Mischgetränken. Meine Freundin Norén, mein Freund Kai und ich haben schon einige davon getrunken. Kai sagt uns, dass er schwul ist und Norén und ich tun so, als würde uns das nur zufällig brennend interessieren, als hätte es überhaupt nichts mit uns zu tun. Ich frage: Und wo lernst du denn Männer kennen?

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Auf Purplemoon, sagt Kai, es ist so ein bisschen wie Facebook. Ach so, sage ich. Dann schaue ich wieder Norén an, sie trägt ein weisses Hemd, in dem sie ein wenig aussieht wie Shane von «The L Word», und ich bin ein bisschen verknallt, aber das würde ich zu diesem Zeitpunkt niemals zugeben.

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Auf dem Heimweg zu zweit reden Norén und ich noch einmal über dieses Ding, das sein soll wie Facebook. Vielleicht erstelle ich mir ein Profil, sage ich, auf diesem Purplemoon. Ja, das wär schon cool, sagt Norén. Vielleicht sollten wir das machen. Mhm, sage ich.

Älter als Facebook
Purplemoon gibt es seit 2002, also länger als Facebook. Anders, als wir es uns damals gedacht haben, ist Purplemoon kein Gay-Facebook, Facebook ist Hetero-Purplemoon. Weder Norén noch ich haben uns jemals ein Profil erstellt. Als ich vor ein paar Monaten erfahren habe, dass Purplemoon Anfang 2020 zumacht, habe ich an jenen Abend auf der Wiese am Fluss gedacht. Ich bin damals im ewigen «Vielleicht» hängen geblieben.

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Purplemoon gibt es seit über 17 Jahren – und es trägt dementsprechend die Handschrift der Nullerjahre. Im Jahresbericht von 2018 schreibt der Gründer Andreas Leathley von «Altershürden»: Ab einem gewissen Zeitpunkt und mit sinkender User*innenzahl sei es finanziell nicht mehr möglich gewesen, die Seite den Jahren anzupassen. Leathley betont in besagtem Bericht, Purplemoon sei ein idealistisches Projekt gewesen, das nie nach dem grossen Geld gestrebt habe. Es hätte einen kompletten Neuanfang gebraucht, um Purplemoon auf die Höhe der Zeit zu bringen – und dazu fehlten sowohl Ressourcen als auch Motivation. Purplemoon kommt zur Ruhe. Das Jahr 2019 wurde den verbleibenden User*innen noch gelassen, um sich auf den Abschied vorzubereiten.

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Wenn heute unter meinen Freund*innen über Purplemoon geredet wird, dann in diesem peinlich berührten, spöttischen Tonfall, mit diesem «Ach Gott, ist das lange her!». Purplemoon hört sich an wie der Provinzclub, den man hinter sich lässt, wenn man über 18 ist und genug Bon Jovi gehört hat. Von meinen Hetero-Freund*innen kennt keine*r das Portal. Purplemoon ist queere Subkultur in Reinform. Und es eignete sich deshalb hervorragend als Code: «Hast du Purplemoon?» war eine gute Frage, um herauszufinden, ob das Gegenüber auch zur Familie gehört.

Endlich jemanden zum Reden
Stefan ist heute 26. Als er sein Profil auf Purplemoon erstellte, war er 15 und kannte einen einzigen geouteten Schwulen. Er wohnte damals in einem Dorf in Baselland. «Purplemoon hat mich dann quasi aufgesogen», erzählt er. «Ich habe mir vom Taschengeld meiner Eltern ein Gleis 7 gekauft, damit ich abends gratis Zugfahren konnte, und habe sofort angefangen, mich per Chat mit allen möglichen Leute zu verabreden.» Er habe mit seinen neuen Freund*innen vor allem über queere Themen gesprochen – das Coming-out vor allem anderen. «Wir haben endlos darüber geredet, warum es uns so schwer fällt, uns zu outen. Warum wir uns nicht einfach auf den Pausenplatz stellen und sagen können, ich bin schwul. Ich habe gefragt: Wie ist es bei dir so? Was denkst du darüber? Ich brauchte das so sehr damals, ich habe mich vorher so allein und verloren gefühlt.»

Das Dorf, seine Freund*innen von der Schule, all das wurde schnell zweitrangig. «Das hat mir einfach nicht mehr so viel gegeben», sagt er, «es war mir da, wo ich lebte, alles zu eng und zu konservativ. Ich konnte endlich raus, ich hatte endlich meine Peers gefunden, zu denen ich gehörte. Diese Zeit», erinnert er sich, «war wie ein positiver Rausch, dieses Herumfahren in der Schweiz, diese Gespräche, dieses Verständnis, das wir einander entgegenbrachten.»

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«Ich war fünfzehn, es war das Jahr 2004 und meine Mathematiklehrerin hat meine Welt auf den Kopf gestellt», erzählt mir Laura. «Ich habe schon vorher für Frauen geschwärmt, aber diese Verliebtheit war so stark und tat so weh, dass ich angefangen habe, mich mit meiner Identität auseinanderzusetzen. Ich wohnte in einem kleinen Dorf, die nächstgelegene Stadt war Olten – und da gab es nichts. Also habe ich gegoogelt. Aber das Internet war noch so anders damals, ich habe vor allem Hilfeseiten gefunden, Jugendberatung und sowas. Und dann Purplemoon.»

Sie habe sich stundenlang durch alle Profile geklickt, erinnert sich Laura, gelesen, gestöbert, und dann ihre erste Frage ins Forum geschrieben, die lautete: «Ich bin lesbisch, aber ich finde die Vorstellung von Oralsex eklig. Ist das normal?» Sie lacht. «Die Antwort darauf weiss ich nicht mehr, auf jeden Fall war sie nicht hilfreich.»

Purplemoon hatte in den Nullerjahren, einem Jahrzehnt, in dem es kaum Jugendgruppen für junge Queers gab, eine grosse Aufgabe: Es war Frageportal, Datingseite, Zugang zur Community und Rückzugsort in einem. Laura erzählt, sie habe einen so grossen Drang gehabt, sich auszutauschen, Dinge herauszufinden, und, genau wie Stefan, nicht Liebespartnerinnen zu finden, sondern Freund*innen, endlich jemanden zum Reden. Und wie so oft in queeren Biografien überschneiden sich zwei Dinge: Der erste Liebeskummer und die Suche nach der eigenen Identität.

Purplemoon
Illustration: Anja Bartelt

Dabei hat Laura Luisa gefunden, mit der sie eine Art Brieffreundschaft entwickelte: «Wir haben uns endlos lange E-Mails geschrieben und einander quasi als Tagebuch benutzt. Mir hat das damals so viel gegeben, es hat mein Selbstbewusstsein gestärkt, ich habe in diesem Austausch mit ihr gelernt, dass mit mir alles stimmt. Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht allein bin. Dass alles online war, war meine Rettung, denn ich hätte nicht einfach irgendwo hinfahren können, ohne dass ich es meinen Eltern hätte erklären müssen.»

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Aber Purplemoon war ja nicht nur ein Chatportal – Purplemoon veranstaltete auch Partys: «So eine Party kann man sich vorstellen wie ein Tinder Date hoch 10», erzählt Stefan, «weil du dir meist ein Date ausgemacht hast, mit dem du vorher gechattet und dich dann für die Party verabredet hast. Die Party bot also einen sicheren Rahmen, um mal herauszufinden, in wen du dich online verknallt hattest.» Damit sei aber meistens auch viel Drama verbunden gewesen …

Text: Darja Keller, Illustration: Anja Bartelt

Der vollständige Artikel ist im November-Heft der MANNSCHAFT erschienen. Hier geht es zum Abo Deutschland und hier zum Abo Schweiz.

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