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Direkt am Berliner Strassenstrich: Mit Lack und Leder in die «Gin-Kirche»

Das Viertel ist vor allem in der queeren Szene beliebt

Gin-Kirche
Konzert in der Gin-Kirche (Foto: Screenshot)

Gin-Flaschen als Fensterverglasung, eine Holzbox für Prostituierte vor dem Gotteshaus und ein schwuler Pastor im Fetisch-Look: In Berlin gibt es eine höchst ungewöhnliche Kirche – mit grossem sozialen Engagement.

Nur auf den ersten Blick scheint die Zwölf-Apostel-Kirche in Berlin ein ganz normales Gotteshaus zu sein. Doch wer genau hinschaut, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Bei vielen Berlinern ist das Bauwerk mitten im Prostituierten-Viertel im Ortsteil Schöneberg als «Gin-Kirche» bekannt – und das hat einen hochprozentigen Grund. Es ist aber nicht die einzige Kuriosität.

Bomben hatten im Zweiten Weltkrieg grossen Schaden in der Kirche angerichtet; auch die ursprüngliche Verglasung war zerstört. Doch neue Scheiben waren damals nicht zu bekommen. Was also tun? Angehörige des Berliner Spirituosenfabrikanten Gilka setzten eine pfiffige Idee um: Sie spendeten Zehntausende – leere – Gin-Flaschen, die als Glasbausteine in die Fenster eingebaut wurden. Prompt bekam das Gotteshaus von den Berlinern den Spitznamen «Gin-Kirche» verpasst. Heute stehen die höchst ungewöhnlichen Fenster unter Denkmalsschutz und locken Besucher sogar aus dem Ausland an.


Direkt vor der evangelischen Zwölf-Apostel-Kirche steht auf dem Bürgersteig eines von mehreren Kompost-Klos im Viertel, um die es mächtig Streit gibt: Tagsüber werden sie als Toiletten genutzt, vor allem in den Abend- und Nachtstunden gehen aber viele Prostituierte mit ihren Freiern in die winzigen Holzboxen.

Hunderte Frauen und Mädchen bieten ihre Dienste entlang der Kurfürstenstrasse und Umgebung an, im wohl umstrittensten Prostituierten-Viertel der Hauptstadt. Sogar während der Corona-Pandemie arbeiten viele von ihnen dort. (Letztes Jahr wurden wegen des Corona-Ansteckungsrisikos in Nordrhein-Westfalen Bordelle und schwule Saunen geschlossen, Sexworker*innen durften nicht arbeiten. Dann hat das Oberverwaltungsgericht das Verbot gekippt (MANNSCHAFT berichtete).

Pfarrer Burkhard Bornemann steht in seiner Zwölf-Apostel-Kirche (Foto: Silvia Kusidlo/dpa)

Prostitution in einem Klo vor der Kirche – muss das sein? «Das Problem ist, dass viele Freiflächen, wo die Prostituierten früher mit ihren Freiern hingingen, durch den Bau von grossen Immobilien verschwunden sind», berichtet Pfarrer Burkhard Bornemann. Irgendwohin müssten diese Frauen aber gehen. «Dass in der Toilette auch Prostitution betrieben wird, nehmen wir daher in Kauf.» Das öffentliche Klo stehe zudem nicht auf Kirchengrund. Die «Gin-Kirche» bietet den Prostituierten immer wieder Hilfe an, genau wie den Armen.


Werner Ruthenbeck von der Bürgerinitiative «Lebenswerter Kurfürstenkiez» findet die Zustände schlimm: «Der Kiez wird immer mehr durch Zuhälter und Gewalt bestimmt.» Sex auf Spielplätzen sei ebenso nicht hinnehmbar wie im Kompost-Klo vor der Kirche. «Die Verwahrlosung nimmt zu», so Ruthenbeck, der seit 35 Jahren im Kiez wohnt. «Die meisten Prostituierten kommen aus Rumänien und Bulgarien.» Etliche von ihnen seien minderjährig und drogenabhängig.

Vielen im Kiez ist das ein Dorn im Auge, sie fordern einen Sperrbezirk. Davon hält die Bezirksbürgermeisterin von Tempelhof-Schöneberg, Angelika Schöttler, nichts: Das würde nur zu «einem Abtauchen der Sexarbeitenden in die Illegalität» führen. Auch zu dem Sex der Prostituierten auf Klos wie vor der Kirche hat sie eine klare Meinung: besser so als für die Öffentlichkeit sichtbar.

Trotz Prostitution: Das Viertel rund um die «Gin-Kirche» mit seinen vielen Restaurants, Buchläden und Kultureinrichtungen gilt als trendig und ist vor allem in der queeren Szene beliebt. Auch Bornemann ist schwul und hat mit seiner Kirche kulturelles Neuland betreten: Sie ist Veranstaltungsort des jährlichen Konzerts «Classic Meets Fetish» – harte Kerle in Lack und Leder spielen klassische Lieder für Gleichgesinnte.

Auch der Pfarrer zeigt sich dann im Leder-Outfit. «Für mich ist das ein politisches Statement und ein persönlicher Spass.» Geld spüle die Vermietung auch noch in die Kirchenkasse. Gibt es Anfeindungen? «Nur wenige per E-Mail.»

Unangepasstheit, Anderssein – das zieht sich wie ein roter Faden durch die etwa 150 Jahre alte Kirche und ihre Gemeinde. Das zeigt sich auch auf den farbigen Bleiglasfenstern des Gotteshauses. Auf einigen Bildern dort – etwa der Weihnachtsgeschichte – ist neben Ochs‘ und Esel eine Katze zu sehen.

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«Die Katze ist kein biblisches Tier», sagt der Pfarrer. Doch der Künstler Alfred Kothe war ein Fan der Samtpfoten und wurde stets von einer Katze begleitet. Bornemann, der lieber Hunde mag und seine Möpse Arthus und Paula gelegentlich mit in die Kirche bringt, findet es «toll, dass ein Künstler Ungewöhnliches macht». Warum? «Das passt zu unserer Kirche.»

Weiter auseinanderliegen könnten die evangelische und die katholische Kirche nicht: Anfang der Woche hat der Vatikan Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare verboten (MANNSCHAFT berichtete).


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