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Das Phänomen Randy Rainbow: Trump-Bashing mit schwuler Musiksatire

Mit seinen schrägen Anti-Trump-Videos ist der US-Comedian berühmt geworden. Kurz vor der Wahl hat er einen letzten umgetexteten Disney-Song herausgebracht und trägt ihn als rosa Prinzessin vor: «How Will You Vote?»

Randy Rainbow
Der US-Comedian Randy Rainbow in seiner Wohnung vor dem berühmten Greenscreen (Foto: Instagram / @randyrainbow)

Ja, er heisst wirklich Randy Rainbow, was sich frei übersetzen liesse als «(not)geiler Regenbogen». Und obwohl der 39-jährige US-Comedian seit über einem Jahrzehnt im Geschäft ist, wurde er einer breiteren Öffentlichkeit erst bekannt, nachdem er 2016 im Zusammenhang mit Donald Trumps erster Präsidentschaftskandidatur anfing, satirische Musikvideos zu drehen, die die Politik der Trump-Administration durch den Kakao ziehen – mit adaptierten Broadway-Songs.

Seine Filme werden millionenfach in sozialen Netzwerken geteilt und sind eine prominente LGBTIQ-Antwort auf die politischen Entwicklungen der letzten vier Jahre. Aber wie geht’s weiter wenn Trump die Wahl verliert?

Randy Rainbow scheint darauf zu vertrauen, dass sein neuer Superstarstatus und die damit einhergehenden Einnahmen auch nach einer Trump-Niederlage nicht einbrechen werden. Denn im Sommer 2020 zog er aus dem New Yorker Arbeiterviertel Queens in eine Luxusmietwohnung in der Upper West Side, mit einem Ausblick, für den man tief ins Portemonnaie greifen muss.

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Endlich Unterhosen durch den eignen Trockner jagen
Die New York Times berichtete ausführlich darüber, auch über die Waschmaschine und den Trockner, durch die Rainbow jetzt seine Unterhosen jagen kann, statt weiter zum Waschsalon pilgern zu müssen. Was belegt, dass man mit typisch regenbogenbuntem Showbizz-Humor viel Geld verdienen kann – wenn dieser Humor, wie in diesem Fall, auf Trump prallt und queere Funken schlägt.

Randy Rainbow
Der Schreibtisch in Randy Rainbows neuer Wohnung, wo er seine Musikvideos textet und in einem eigenen Studio auch produziert. Natürlich fehlt da ein Barbra-Streisand-Foto als Fanny Brice nicht (Foto: Instagram / @randyrainbow)

Wobei Trump natürlich mit seinen Tweets und Äusserungen ein Stichwort nach dem anderen liefert, das zur satirischen Weiterverwertung einlädt. Aber kaum jemand ist damit seit vier Jahren so erfolgreich wie Randy Rainbow.

«Cuomosexual» als neue sexuelle Orientierung
Neben seinen Videos und Live-Auftritten betreibt er auch einen florierenden Merchandise-Versand: mit seinen pinken Glitzerbrille als Bestseller, und mit Baseballkappen, Tassen und Taschen, die bekannte Sätze aus seinen Songs zieren, etwa «From now on I identify as Cuomosexual», seine Liebeserklärung an die Cuomo-Brüder, basierend auf dem Song «Sandy» aus dem Filmmusical «Grease».

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Mit seinen Musik-Clips hat Rainbow vielen, die an der politischen Situation in den USA verzweifeln, eine Stimme gegeben, die den oft erschreckenden Ereignissen seit dem Machtwechsel in Washington eine subversive, aber zugleich optimistische Antwort gibt: ein Lachen unter Tränen, als Therapie und Selbstbehauptung. Mit Musik, die im anglo-amerikanischen Raum die meisten Menschen mit einem gewissen Bildungsgrad kennen. Und mit den typischen Stilmitteln schwuler Showqueens, die inzwischen weit über den Kreis von «freakigen Aussenseitern» Anschluss an den Mainstream gefunden haben.

 

Angefangen hat Randy Rainbow als Moderator von Queer-Bingo-Abenden und Sing-along-Veranstaltungen in New York. Dann versuchte er sich Anfang der 2010er-Jahre mit fiktiven Comedy-Gesprächen mit Berühmtheiten wie Lindsay Lohan, Kanye West und Mel Gibson, wobei er bereits existierende reale Audio-Aufnahmen zu Gesprächen mit sich selbst zusammenmontierte.

Single in der Grossstadt
Mit dem als «Liebesgeplänkel» verpackten viereinhalb Minuten Dialog mit dem pöbelnden Gibson gelang es Rainbow erstmals, Schlagzeilen zu machen. Er landete damit auch seinen ersten YouTube-Hit. Er kreierte zudem seinen Blog The Randy Rainbow Bloggity BLAHg-BLAHg, um seine Theatererlebnisse zu dokumentierten und «to kvetch about my day-to-day as a single homo in the city», also über sein tägliches Leben als schwuler jüdischer Single in der Grossstadt zu lamentieren.

2016 kam die Musik dazu. Zwar hatte Rainbow schon vorher Musicals als Thema – und Musical-Stars wie Liza Minnelli als Gesprächspartnerinnen – immer wieder in seine Sketche eingebaut. Aber nun änderte er seine Taktik. Er produzierte Videos, die anfangen, wie Nachrichtenbeiträge, basierend auf realem Material von CNN, Fox News usw. In diese Beiträge baute sich Rainbow als Reporter bzw. Interviewpartner ein, um dann nach einem kurzen dialogischen Schlagabtausch seine Fassungslosigkeit über die Dummheit und Korruptheit des jeweiligen Politikers – meist Trump und seine Beraterin Kellyanne Conway – in einen Song umzuschwenken.

Er produzierte Videos, die anfangen, wie Nachrichtenbeiträge, basierend auf realem Material von CNN und Fox News

Dabei folgt Rainbow dem Motto des Satirikers Julien Nitzberg, der nach ähnlichem Prinzip 2006 (zu Zeiten der Bush-Regierung) Musiksatire nach dem Motto «Cyanide Wrappend in Chocolate» machte, mit der al-Qaida-Operette «The Beastly Bombing». (Die Musik schrieb Komponist Roger Neill, bekannt für seinen Soundtrack für den schwulen Vater-Sohn-Film «Beginners» mit Christopher Plummer und Ewan McGregor.)

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Krasse politische Botschaft zu süsslicher Musik
Julien Nitzberg erklärte damals: «Menschen, die politisches Theater machen, sind oft unerträglich langweilig, weil zu didaktisch und von oben herab predigend. Dadurch wenden sich sogar Menschen ab, die eigentlich die politische Meinung der Autor*innen teilen. Dadurch, dass wir unsere krasse politische Botschaft in süssliche Musik gehüllt haben, entsteht erst mal ein angenehmes Entspannungsgefühl, das sich maximal beisst mit dem Inhalt  des Textes. Den man erst nach einer Weile richtig bemerkt. Aber: Wenn man sich schon mit den hässlichen sozialen Realitäten unserer Zeit beschäftigt, warum sie dann nicht als leckeren Schokobonbon verpacken?»

Genau das tut Randy Rainbow ein Jahrzehnt nach Nitzberg/Neill. Und weil es so schön süss und auf den ersten Blick «tuntig-ahnungslos» wirkt, merken manche erst (zu) spät, was für eine «Botschaft» ihnen da im Gewand einer scheinbar harmlosen Musicalnummer untergeschoben wird.

Für seine Musikvideos wurde Rainbow inzwischen zweimal für den Emmy Award nominiert, zuletzt 2020, und er hat Glückwunschbriefe von Hillary Clinton und Musical-Gott Stephen Sondheim erhalten; sie hängen gerahmt in seinem Aufnahmestudio, wo es einen Greenscreen gibt und unendliche viele Kostümteile, die er in den Videos verwendet. Er textet sie alle selbst, nimmt sie alleine auf und montiert sich selbst zusammen. Eine perfekte Ich-AG.

Da er dies alles sowieso alleine und isoliert tut, ist Rainbow bislang recht problemlos durch die Corona-Krise gekommen. Mehr noch: Sein bislang vorletztes Video vor der Präsidentschaftswahl am 3. November ist ein Duett mit Gay Icon Patti LuPone, die zusammen mit ihm den hinreissenden Song «If Donald Got Fired» sang.

Sein bislang vorletztes Video vor der Präsidentschaftswahl ist ein Duett mit Gay Icon Patti LuPone

Netflix-Zuschauer werden LuPone aus den Ryan-Murphy-Serien «Pose» und «Hollywood» kennen, Broadway-Fans verehren sie seit Jahrzehnten als Evita, Mutter Rose aus «Gypsy», Norma Desmond oder  Reno Sweeney aus Cole Porters «Anything Goes». Die beiden zusammen zu erleben ist ein echter Knaller – und der erste Gemeinschaftsauftritt in einem Rainbow-Video, offensichtlich kalkuliert, um die Anti-Trump-Botschaft noch massenwirksamer zu verpacken.

Shitstorm wegen «rassistischer» und «transphober» Witze
Doch die Erfolgsgeschichte von Randy Rainbow – zu der auch eine eigene umsatzstarke Weihnachts-CD 2019 zählte – bekam zuletzt einen empfindlichen Dämpfer, der nichts mit Covid-19 zu tun hatte, sondern mit einem Shitstorm wegen älteren Tweets und Facebook-Posts, die Online-Aktivist*innen entdeckten. In ihnen mache Rainbow «rassistische» und «transphobe» Witze, hiess es. Und das sei unverzeihlich.

Randy Rainbow
Ein Merchandise-Stand während eines Live-Auftritts von Randy Rainbow in den USA, mit T-Shirts, auf denen seine berühmten Liedtitel zu lesen sind (Foto: Instagram / @randyrainbow)

Doch es wurde kein neuerliches Beispiel für Cancel Culture (MANNSCHAFT berichtete über das Phänomen), sondern Rainbow erklärte nach einer kurzen Schockstarre, wie er diese «rassistischen» und «transphoben» Äusserungen eingeordnet wissen wolle. (Es geht um das Wort «Tranny» und um schwarze und weisse Kekse.)

«Cancel Culture»: Ein «Fehltritt» und du bist raus

«Die Comedy-Szene war vor zehn Jahren völlig anders», erzählte er dem LGBTIQ-Magazin The Advocate. «Diese Art von provozierender Schock-Comedy war nicht nur akzeptiert, sie war sogar der vorherrschende Stil der Zeit. Damals war ich ein aufstrebender Comedian in meinen 20ern, ich arbeitete auf den Bühnen von schwulen Nachtclubs, wo wir die haarsträubendsten und vulgärsten Dinge sagten, die uns gerade einfielen. Ich suchte nach meine Comedy-Stimme, nach meiner eigenen Comedy-Bühnenpersönlichkeit, und ich ahmte den Stil und die Witze der Leute nach, die ich im Mainstream sah. Leute wie Howard Stern, Joan Rivers oder Sarah Silverman, die alle zu Ikonen wurden, gerade weil sie so kunstvoll unangemessen redeten.»

Rainbow zitiert im Advocate-Interview den historischen US-Comedian Will Rogers aus den 1930er-Jahren, der sagte: «Alles ändert sich in Amerika. Menschen nehmen jetzt ihre Comedians ernst und sehen ihre Politiker als Witz, während es früher genau andersrum war.» Früher sei es laut Rainbow in Comedy darum gegangen, einen vor Spannung und Frustration aufgeblasenen Luftballon mit einem Witz zum Platzen zu bringen. Mit einem Witz, der das verbalisierte, was alle dachten, aber sich nicht trauten laut zu sagen. «Das ist aber nicht mehr die Definition von Comedy», ergänzt Rainbow jetzt.

«Alles ändert sich in Amerika. Menschen nehmen jetzt ihre Comedians ernst und sehen ihre Politiker als Witz, während es früher genau andersrum war»

«In Hinblick auf die Themen, um die es nunmehr geht – Themen, die mir extrem am Herzen liegen und für die ich mich seit Jahren leidenschaftlich einsetze –, kann ich nur sagen, meine alten Tweets klingen heute rassistisch und schrecklich. Ich schäme mich für sie. Mein Magen dreht sich um, wenn ich nur dran denke. Ich entschuldige mit zutiefst bei allen, die ich beleidigt habe.»

Steilvorlage für Amerikas Konservative
Im Advocate erklärt er: «Mein Ziel ist es, Licht und Freunde zu verbreiten. Und ich möchte mich nützlich machen, wo ich das kann. Ich lerne täglich dazu und fordere alle auf, das ebenfalls zu tun. Ich unterstütze Organisationen wie The Trevor Project und Trans Lifeline, die grösste LGBTIQ-Anti-Gewalt-Gruppe des Landes. […] Ich möchte meine öffentliche Sichtbarkeit nutzen, um solche Plattformen zu fördern.»

Randy Rainbow
Ein grosser Artikel in der New York Times über Randy Rainbow im September 2020 (Foto: Instagram / @randyrainbow)

Wie prominent Randy Rainbow inzwischen geworden ist, sieht man daran, dass sogar das Forbes-Business-Magazin über den Fall berichtete. Und auch darauf einging, dass der Rassismus- und Transphobie-Shitstorm konservativen Kräften in den USA die perfekte Steilvorlage lieferte, um Rainbows Anti-Trump-Botschaften zu diskreditieren.

Inzwischen ist der Sturm etwas abgeebbt und die letzten Musikvideos zu Joe Bidens auserwählter Vizepräsidentin Kamala Harris als Hoffnungsträgerin für die Zukunft (auf die Musik des Songs «Camelot» aus dem gleichnamigen Lerner-&-Loewe-Musical) hat die Tweet-Debatte in den Hintergrund gedrängt. Und dann kam natürlich noch Patti!

Autobiografie für 2021 geplant
Dazu, womit er sich als politischer Musiksatiriker beschäftigen will, wenn Trump nicht wiedergewählt werden sollte, hat er sich bislang nicht geäussert. Bekannt ist allerdings, dass er an seiner Autobiografie arbeitet, die laut Medienberichten 2021 auf den Markt kommen soll. Darin werde es um sein Leben und seine Kindheit gehen, aber vor allem um die «verrückten Sachen» die in den letzten vier Jahren passiert sind – eine «Achterbahnfahrt», von der er nie geglaubt hätte, jemals Teil davon zu sein.

Eine vergleichbar intelligente, unterhaltende und eindeutig queere Politiksatire – mit solcher Reichweite und Popularität – gibt es im deutschen Sprachraum nicht. Vielleicht, weil viele Aktivist*innen das «Cyanide Wrapped in Chocolate»-Prinzip verwerflich finden und nicht «seriös» genug, im Angesicht der gesellschaftlichen Katastrophen, gegen die sie ankämpfen. (Vielleicht auch, weil sie keine Disney-Musicals oder sonstiges Unterhaltungsmusiktheater kennen, weil Unterhaltung für viele gleichbedeutend ist mit «Kapitalismus», «Patriarchat» und «weisser Dominanz».)

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Derweil hat Rainbow einen Tag vor Halloween sein vorerst letztes Vor-der-Wahl-Video herausgebracht: eine Aufforderung, unter allen Umständen zu den Urnen zu gehen, auch wenn man nicht genau wisse, welchen dieser «beiden alten weissen Pupser» («farts») man unterstützen solle. Die Antwort gibt ein Disney-Lied aus dem Film «Enchanted», in dem Rainbow als rosarot kostümierte Prinzessin singt «How Will You Vote?»

Im einem kurzen Postskriptum gibt Rainbow auch die Antwort auf Trumps Prophezeiung «I may never see you again…»: «I’ll get over it!»

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