Schwules Älterwerden: Was ist denn mit Lukas los?
Diese Frage hören Menschen in der Berliner Kulturszene seit einigen Jahren. Wer sie versucht zu beantworten, lernt auch etwas über schwules Älterwerden in der Grossstadt.
Lukas sitzt schon eine Weile in der Paris Bar und schaut immer wieder auf seinen Zettel, dort steht «12 Uhr, Paris Bar», als wolle er sich selbst daran erinnern, wo er gerade ist. Die Bar ist einer jener Orte im Westen von Berlin, die edel und abgenutzt zugleich wirken: Schachbrettboden, dunkles Holz, Wände voller Gemälde und Fotos. Ein Ort, in den jederzeit David Bowie mit Nina Hagen im Arm treten könnte.
Vor ihm steht ein Salat Niçoise mit Thunfisch und Ei («extra Salatsosse bitte!»), daneben liegen sein Telefon und sein Notizbuch. Er faltet die Serviette ordentlich und spricht etwas zu laut davon, dass er in zwei Tagen nach Miami fliegen will, alte Freunde besuchen. Als der Kellner ein braunes Getränk bringt, fragt er neugierig: «Was ist Spezi?» Das Cola-Fanta-Gemisch habe er noch nie gesehen. Dann spricht er von Magenproblemen, von einem «neuen Medikament». Er liest langsam jede Silbe: «I-bu-pro-fen.»
Nicht mehr willkommen Er ist da 58 Jahre alt, Ende 2022, und noch ohne Diagnose. Wer ihn fragt, wie es ihm geht, hört: «Ich bin wieder gesund, ich rauche reduziert.» Lieber als von seinem Zustand erzählt er von der «Corona-Krisen-Zeit», hält kleine Vorträge über «Digitalpopulisten», wegen denen Künstler*innen ihre Jobs verlieren. Und am Ende sagt er immer: «Kulturarbeit macht glücklich.»
Doch viele in der Berliner Kulturszene haben seine Nummer längst blockiert, lesen seine Mails nicht mehr, reagieren nicht auf seine Einladungen. Dieser Text sucht nach einer Antwort auf die Frage: Was war eigentlich los mit Lukas? Ex-Kolleg*innen, ehemalige Freund*innen und seine Schwester haben dafür über ihn gesprochen – anonym. Lukas ist nicht sein richtiger Name. Dies ist kein Nachruf, denn Lukas lebt noch, aber er wird diesen Text nicht mehr lesen.
Das Mittagessen in der Paris Bar an diesem Dezembertag ist sein letztes dort. Als Lukas bezahlen will, streift ihn ein Kellner am Arm, Lukas fühlt sich angegriffen und schreit. Gäste mischen sich ein, ein Tumult entsteht. Als er draussen steht, bittet ihn der Kellner höflich, künftig nicht mehr zu kommen. Lukas verliert an diesem Tag wieder einen Ort. Und wenn man ihn darauf anspricht, wirkt er, als frage er sich: Ist die ganze Welt verrückt geworden?
«Der schönste Mann Berlins» Wer in den 1990er- und 2000er-Jahren in der Berliner Kulturwelt unterwegs war – Galerien, Theater, Filmfeste – hat ihn gesehen: gross, blond, elegant. «Der schönste Mann Berlins», sagt ein Freund. Mit seinem damaligen Partner bildete er oft das Zentrum jeder Party. «Wenn die beiden kamen, war Schluss mit Langeweile», erinnert sich eine Freundin.
Lukas war schon immer laut, sagt seine Schwester. Die Mutter zog ihn mit dem Stiefvater in Süddeutschland gross, er rebellierte früh. Er hatte gute Noten, aber immer wieder Konflikte mit der Familie, bezeichnete sich selbst als schwarzes Schaf. Mit 16 bekam er eine eigene Wohnung, zu Hause war kein Platz mehr. Es gibt später das Familiencodewort «Orangensaft» – Erinnerung an eine Szene in einem Gasthaus, als er den Kellner anschrie, weil der Saft nicht frisch gepresst war.
Mit 18 zieht er nach Berlin, verweigert den Wehrdienst, bricht für fast 20 Jahre den Kontakt zur Familie ab. Es ist die Zeit der West-Berliner Subkultur, der Einstürzenden Neubauten, der wilden Ateliers in Kreuzberg. Lukas studierte BWL, bricht ab, arbeitet für Theater und Galerien. Und abends geht er aus: in den Dschungel, später ins Ostgut, den Vorgänger des Berghain.
Das war der andere Grund, warum Lukas in Berlin sich so wohl fühlte – und warum viele in diese Stadt kamen: um sich auszuleben. Berlin war in jenen Jahren Zuflucht und Bühne zugleich. Wer anders liebte oder lebte, fand hier einen Ort, an dem das endlich möglich war. Die Stadt versprach einen Lebensstil, der im Rest Deutschlands als Provokation galt. Doch diese Freiheit hat auch ihren Preis: Berlin ist laut, schnell, ungeduldig – und die Stadt verzeiht schon damals keine Schwäche. Das mussten viele erleben, die sich mit HIV ansteckten und in den 80ern oft allein starben. Auch Lukas verliert damals Freunde, geht auf viele Beerdigungen.
Eine Figur voller Charisma und Energie Eine Freundin trifft Lukas Ende der 1980er in einem Theater, wo er mit einem bekannten belgischen Regisseur arbeitet. «Lukas hatte noch keine Muskeln und Pickel im Gesicht», sagt sie. «Er hat sich aufgeführt, als sei er selbst jener Regisseur.» Später werden sie lange am gleichen Theater zusammenarbeiten. Sie sagt, sie verdankt ihm viel.
Ein anderer erzählt: «Ohne ihn gäbe es meine Werbeagentur nicht.» Er habe über Lukas seinen Geschäftspartner kennengelernt. Lukas konnte Menschen verbinden, er hatte Charisma, Energie. Und doch galt er schon damals als «speziell», besonders Kellner*innen gegenüber. Kolleg*innen erinnern sich, wie er Zeitungen aus Cafés mitnahm, andere, wie er Journalisten ausschloss, die zu spät zu einer Aufführung kamen, auch wenn es nur Sekunden waren. «Respekt vor der Kunst», nannte er das. Wenn eine Situation eskalierte, wunderte er sich, warum sich alle so aufregen. Menschen, die er nicht mochte, heisst es, ignorierte er.
Aber ist der deutsche Kulturbetrieb nicht auch das: ein Hort für Exzentriker*innen? Wann ist ein Verhalten «krank»? Die Allüren der Stars werden geduldet, solange sie dem Raum Glanz verleihen: Schauspieler urinieren auf der Bühne, Schriftsteller kreischen, weil sie einen Preis nicht gewinnen, Choreografen werfen mit Hundekot. Blieb deshalb Lukas’ Krankheit unbemerkt?
Schwule Männer in Berlin konsumieren häufiger Lukas selbst erzählt einmal, dass er in den Nullerjahren begonnen habe, sich Testosteron spritzen zu lassen – und bei Partys Kokain zu konsumieren. «Kolumbianischen Schnee» nannte Lukas das, ähnlich altmodisch wie der 80er-Jahre-Charme seiner Lieblingsorte in Berlin. Freunde sagen, er habe andere zum Drogenkonsum gern eingeladen, Arbeitskollegen sagen, sie haben das nie bei ihm bemerkt. Eine Ex-Kollegin: «Ich dachte, dass er eigentlich immer arbeitet.»
Das Streben nach dem perfekten Körper und die permanente Leistungsbereitschaft sind für viele Männer ein stiller Glaubenssatz, in der schwulen Szene gar eine Art Religion. Der Körper wird Bühne, Identität und wichtigstes Kapital. Medikamente, Drogen, Workouts — sie dienen der Kontrolle, sollen den Körper regulieren, führen aber auf Dauer zu körperlicher und seelischer Erschöpfung. Laut einer Studie der Charité aus dem Jahr 2021 konsumieren schwule Männer in Berlin etwa viermal häufiger leistungssteigernde Substanzen als heterosexuelle Männer.
Die Nebenwirkungen von Kokain und Testosteron lesen sich wie eine Beschreibung der Dinge, mit denen Lukas in den 2010er-Jahren zu kämpfen hat: Aggression, Reizbarkeit, Depression, Gewichtsverlust. Nach dem Tod seiner Grossmutter umgibt er sich mit ihren Möbeln, die bis heute in seiner Wohnung stehen, in der er über 15 Jahre allein gelebt hat.
Depression und Einsamkeit im Alter Studien zeigen, dass Männer über 50, besonders alleinlebende, zu ungesundem Verhalten neigen. Schwule Männer sind laut einer Forschung von BMC Psychiatry aus dem Jahr 2017 doppelt so oft von Depression betroffen, viele fallen in Alterseinsamkeit, die durch Drogen- oder Alkoholkonsum verschärft wird. Langfristig können Depressionen auch die Entstehung von Demenz fördern.
Lukas nimmt das Wort «Demenz» nur in Kombination in den Mund: die «Demenz-Lüge» oder die «Demenz-Behauptung». Er fühlt sich über all die Jahre gesund, Ärzt*innen sprechen von «fehlender Krankheitseinsicht», bei dieser Art Erkrankung keine Seltenheit. Selbst später im Krankenhaus bei einem Test schiebt er die Diagnose weit von sich. Was ist Lasagne? «Das weiss ich – eine Stadt in Italien!»
2018 sitzt er bei einer Premiere im Schillertheater, raucht mit dem Verdampfer in der ersten Reihe. «Es ist doch nur Dampf!», sagt er. 2019 kippt er einer Einlasserin ein Getränk über den Kopf – Hausverbot. In jener Zeit bestellt er häufig «Cappuccino ohne Schaum», der Schaum sei schlecht für seinen Magen, er löffelt ihn geduldig auf die Untertasse. Noch immer erzählt er, dass er arbeitet – kleinere Festivals, PR für Künstler*innen. In seinem Handy: hunderte Kontakte. Doch wer über ihn spricht, fragt inzwischen nur noch: «Was ist los mit Lukas?»
In der Pandemie eskaliert sein Verhalten. Er wechselt seine Kleidung nicht mehr («Einmal im Monat reicht doch!») und wird beim Ladendiebstahl erwischt. In Gesprächen wiederholt er oft: «Hinreissend», «Witzigerweise» und sein Mantra: «Kulturarbeit macht glücklich.» Er fliegt wirklich Ende 2022 nach Miami, kommt nur Tage später wieder zurück. Die Polizei hat ihn abgeschoben, weil er orientierungslos durch die Gegend lief.
Menschen in Isolation altern schneller, heisst es. Für viele ältere LGBTIQ-Personen fehlt einfach ein Netz: Partner, Kinder, vertraute Nachbarschaften. In Grossstädten wie Berlin gibt es jetzt LGBTIQ-Altersheime und betreute WGs. Eine aktuelle Studie von Applied Psychology belegt, dass sexuelle Minderheiten im Alter stärker zu Depression neigen – auch dann, wenn sie formal viele Kontakte haben. Einsamkeit beginnt nicht erst Zuhause, sie beginnt, wenn die Rolle in der Welt sich verändert.
«Es gab so viele, die helfen wollten» Im Januar 2023 beginnen sich die Freund*innen von Lukas zu vernetzen. Verschiedene Menschen aus der Kulturwelt organisieren sich in einer WhatsApp-Gruppe und besprechen, was möglich ist, wer mit ihm zum Arzt gehen kann. Erste Diagnosen werden erstellt, eine von der Stadt Berlin bezahlte Betreuerin wird hinzugezogen, die seine Finanzen überwacht und ihn regelmässig besucht. Sie bekommt auch Einblick in seine Akten und Anzeigen: Streit im Fitnessstudio, Prügelei im Theater, unerlaubte Auftritte auf einer Bühne. Ende 2024 wird entschieden: Er soll in eine geschlossene Einrichtung. Es gelten strenge Gesetze, bevor jemand das Recht verliert, allein zu leben, deswegen dauert es noch weitere Monate, bis es soweit ist.
Als die Betreuerin Ende 2025 auf den Fall zurückblickt, sagt sie, sie habe in all ihren Jahren im Beruf nie jemanden wie Lukas gehabt. «Es war einfach jede Woche etwas Neues.» Manchmal meldet sich die Familie, mal Nachbar*innen, mal Freund*innen. «Normalerweise meldet sich bei Demenzkranken gar niemand mehr», sagt sie. «Hier gab es so viele, die sich für ihn interessierten, die auch helfen wollen.»
Normalerweise betreuen Menschen wie sie bis zu 60 solcher Patienten. Lukas hat so viel Zeit beansprucht wie noch keiner vor ihm, sagt sie. «Er war so aktiv, er versuchte immer wieder zu arbeiten und Geld zu verdienen.» Hinzu kam eine Heiratsurkunde, die plötzlich auftauchte. Lukas wollte einen Nicht-Deutschen vor der Abschiebung retten, so hat er das einmal bezeichnet. Oder war es Liebe? Lukas weiss es nicht mehr.
Am zweiten Tag in der geschlossenen Klinik flieht Lukas, irrt mehrere Tage durch Berlin. Als ein Freund ihn beim Nollendorfplatz in Berlins schwulem Viertel trifft, führt er die Polizei zu ihm. Bei der Verhaftung ruft er: «Ich will doch Kulturarbeit machen!» Der Beamte legt ihm Handschellen an und sagt: «Ja, ja, wir machen jetzt auch gleich Kulturarbeit.»
Verstärkte eine verschleppte Syphilis die Demenz? Im Herbst 2025 ist Lukas seit einigem Wochen in einem Heim, das die Betreuerin für ihn ausgesucht hat. Es ist eines der schöneren in Berlin, auch wenn er hier nicht ins Freie darf, zu seiner eigenen Sicherheit. Er war zwischendurch noch einmal ausgerissen, fuhr mit dem Zug nach Süddeutschland, er wollte seine Familie besuchen. Manche hatten Angst vor ihm, wussten nicht, wie aggressiv er inzwischen ist. Nach ein paar Tagen wurde er in einem Hotelzimmer mit einer schweren Kopfwunde gefunden. Ist er gefallen? Er weiss es bis heute nicht.
Das Zimmer, in dem er jetzt liegt, ist sehr hell, über seinem Bett hängt das Gemälde einer Mohnblume. Es ist tagesabhängig, ob Lukas die Augen öffnet oder einfach liegen bleiben möchte. Die Ärzt*innen wissen noch immer nicht, was eigentlich die Demenz ausgelöst hat: Der Drogenkonsum? Eine Frontallappen-Demenz, die auch bei Menschen ab 50 auftreten kann? Oder ist es eine verschleppte Syphilis-Infektion, die erst spät bei ihm entdeckt wurde? Er hatte sich lange nicht auf Geschlechtskrankheiten untersuchen lassen.
Im September ist er 62 Jahre alt geworden, auf dem Tisch neben seinem Bett liegt ein aktueller Spielplan der Staatsoper. Ein Besucher muss ihn mitgebracht haben. Lukas spricht im Liegen. Ein berühmter Regisseur ist gerade gestorben, Lukas hatte für ihn gearbeitet. «Das ist ja schrecklich», sagt er nur. Dann tönt die Sirene eines Krankenwagens laut durchs Fenster. Er sagt: «Der Sound ist hinreissend.» Dann redet er mit schwacher Stimme und geschlossenen Augen über die alte Zeit. «Damals war die gute Analog-Zeit», sagt er. Welche Zeit ist heute? Lukas öffnet die Augen und sagt: «Jetzt ist die krasse Klinik-Zeit.»
Mehr: Kommt ein neues SchwuZ? Drei Locations in der engeren Wahl (MANNSCHAFT berichtete)
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