OnlyFans: Die Wahrheit hinter dem schnellen Geld
Steuern, Jugendschutz und Kontrolle – Risiken, die viele Creator unterschätzen
Ein Klick, ein Video und plötzlich sehen tausende Menschen zu? Für viele queere Creator ist OnlyFans ein Weg zu Geld, Anerkennung und Selbstbestimmung. Doch hinter den Kulissen lauern Risiken, die kaum jemand auf dem Schirm hat: Jugendschutz, Steuerrecht, Kontrollverlust.
Julian berichtet, wie er mit OnlyFans Geld verdiente – und warum er am Ende alles löschte. Eine Geschichte über Mut, Grenzen und die Frage, wie viel Freiheit ein Mensch erträgt.
Ein Klick, der alles verändert Die Aufnahmetaste ist gedrückt, ein kurzer Blick zum Freund – und plötzlich läuft etwas an, das die beiden so nicht geplant hatten. «Das entstand eher spontan in einem Gespräch mit meinem damaligen Freund», sagte Julian, Mitte zwanzig aus Sachsen-Anhalt, im Gespräch mit MANNSCHAFT. «Wir dachten im Spass: ‹Lass uns das mal ausprobieren› – dann haben wir es tatsächlich gemacht.»
Aus dem einen Versuch wurde schnell mehr: Mit jedem Clip, der online geht, wächst die Bühne und mit jeder neuen Anmeldung wird es schwerer, die Kontrolle zu behalten.
Anfangs fühlt sich die Sichtbarkeit an wie Freiheit. Aufmerksamkeit, Neugier, Zuspruch. Doch diese Freiheit hängt am nächsten Upload. «Nutzer erwarten jeden Monat frischen Content», sagt Julian, der aus Sachsen-Anhalt kommt. «Und nicht nur ‹neu›, sondern oft immer eine Schippe mehr.»
Intimität wird Routine. Und Routine irgendwann Pflicht. «Mir war das irgendwann zu mechanisch.» (MANNSCHAFT berichtete über die beliebtesten Stars bei PornhubGay 2025.)
«Ungefähr 5'000 Euro» OnlyFans wirkt von aussen wie ein Nebeneinkommen mit erotischer Note. Doch die Beträge, um die es geht, passen längst nicht mehr ins Klischee vom kleinen Nebenverdienst. In Spitzenmonaten zahlte die Plattform Julian «ungefähr 5'000 Euro netto» aus, später – ohne neue Inhalte – noch rund 600 Euro monatlich. Für viele queere Creator ist das nicht nur ein Bonus. Es ist ein Stück finanzielle Stabilität in einer Welt, in der sie selten selbstverständlich ist. (MANNSCHAFT berichtete über den US-Amerikaner Timothy Champagne und seine 70'000 Dollar Monatseinkünfte mit OF.)
Doch wo Geld fliesst, schaut das Gesetz genauer hin. Antje Bauer, Geschäftsführerin Starthilfe und Unternehmensförderung der IHK Halle-Dessau, erklärte gegenüber MANNSCHAFT, dass viele die Grundlagen ihres «Nebenverdienstes» falsch einschätzen.
«Künstlerische, darstellende Tätigkeiten können bei Livepräsentationen dem freiberuflichen Bereich zugeordnet werden, während Aufzeichnungen wie Videos in der Regel als gewerblich gelten und eine Gewerbeanmeldung erfordern.» Anders gesagt: Wer regelmässig Videos verkauft, führt ein Unternehmen – ob er das so nennt oder nicht.
Auch beim Verkauf getragener Unterwäsche endet der Privatbereich schneller als erwartet. Bauer verweist auf eine häufig genutzte steuerliche Faustregel: «Gewinne aus privaten Verkäufen seien in der Regel bis zu rund 1.000 Euro im Jahr steuerfrei – darüber hinaus werde es steuerpflichtig.» Gemeint sind allerdings klassische Privatverkäufe. «Wer systematisch einkauft oder eigene Produkte anbietet, bewegt sich in der Praxis schnell im gewerblichen Bereich – unabhängig von dieser Grenze.»
Julian hatte vorgesorgt. «Ich hatte bereits ein eigenes Unternehmen und habe die Einnahmen geschäftlich abgerechnet», sagt er. «Das Finanzamt interessiert vor allem, dass Einnahmen korrekt angegeben werden.» Viele andere merken erst beim Schreiben ihrer Steuererklärung, dass sie längst Geschäftsleute sind.
Das unterschätzte Risiko Julian dachte anfangs an Einnahmen, später an Steuern. An Strafrecht dachte er nicht. Die meisten tun das nicht. Doch genau dort liegt das grössere Risiko: im Jugendschutz.
Kristina Hammann von jugendschutz.net erklärte gegenüber MANNSCHAFT, dass OnlyFans in der Vergangenheit erhebliche Lücken bei der Alterskontrolle hatte. «2020 überprüfte jugendschutz.net das Angebot … Ein anerkanntes Altersverifikationssystem … war weder beim Registrierungs- noch beim Bezahlvorgang vorhanden.»
Später zeigten Prüfungen der Landesmedienanstalten Fortschritte: OnlyFans setzte das System «Yoti Age Scan» ein, das von der Kommission für Jugendmedienschutz positiv bewertet wurde – allerdings nicht flächendeckend und nicht bei allen älteren Accounts. Bei manchen Profilen reichte weiterhin eine hinterlegte Kreditkarte.
Das Strafrecht ist dagegen eindeutig. Wer pornografische Inhalte Minderjährigen zugänglich macht, macht sich strafbar (§ 184 StGB). Und «Anbieter von Inhalten» ist in diesem Fall nicht die Plattform – es ist die Person vor der Kamera. «Auch jeder Creator, der eigene Inhalte hochlädt, ist Anbieter von Inhalten und kann im Falle von Verstössen belangt werden», so Hammann.
Viele Creator begreifen erst im Nachhinein, wie schnell ein technisches Versäumnis der Plattform zur persönlichen Straftat werden kann.
Anonymität? Julian glaubte anfangs, ein gewisses Mass an Kontrolle behalten zu können. Doch das Netz ist klein. Und die queere Szene ist kleiner. «In der queeren Szene spricht sich alles schnell herum», erzählte er MANNSCHAFT. «Das Internet vergisst nicht – in zehn Jahren kann jemand Inhalte wieder ausgraben.» Ein Screenshot genügt. Ein geteilter Link. Ein falscher Empfänger. (MANNSCHAFT berichtete über Erpressungen mit intimen Bildern.)
Freund*innen feierten ihn, manche bewunderten seinen Mut. Doch dieselbe Sichtbarkeit, die ihm Einkommen brachte, könnte in konservativen Familien, bei Bewerbungen oder in Behördenkarrieren zum Problem werden. Für viele queere Menschen, die ohnehin mit Unsicherheiten leben, ist OnlyFans nicht nur ein Abenteuer – es ist auch ein Risiko, dessen Ausmass sie zu Beginn kaum einschätzen.
Freiheit hat eine Fallhöhe Julian hat seinen Kanal nach rund zwei Jahren gelöscht. Nicht aus Scham. Aus Konsequenz. Und aus Rücksicht auf einen Partner, der nicht wollte, dass intime Szenen einer vergangenen Beziehung weiter online bleiben. Sein Rat klingt nüchtern: «Gut überlegen – es bleibt im Internet», sagt er. «Nur machen, wenn man sich wohlfühlt und selbst dahintersteht.»
OnlyFans verspricht Selbstbestimmung. Aber Selbstbestimmung endet dort, wo Unwissen beginnt. Wer auf der Plattform mit Intimität handelt, bewegt sich in einem System, das Nähe verkauft – aber keine Sicherheit garantiert.
OnlyFans-Inzest? Vater-Sohn-Content sorgt für Diskussion: Dean und Bray Byrne posten neuerdings gemeinsam, ebenso Jake Herbert mit seinem Vater (MANNSCHAFT berichtete).
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