«Trauer und Abschied sind für Queers besondere Herausforderungen»

Caro Zündorf aus Köln ist für die Community da

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Caro Zündorf in ihrem Pop-Up-Laden in Köln (Bild: Kriss Rudolph/MANNSCHAFT)

Trauerbegleitung ist für sie ein «Herzensberuf»: Caro Zündorf aus Köln arbeitet als freie Rednerin und richtet ihre Angebote besonders an die queere Community.

Schon als junger Mensch war Caro mit dem Verlust der eigenen Eltern konfrontiert. Heute versucht sie, der Community zu helfen, um mit Tod oder Abschied klarzukommen.

Caro ist 31 und queer. Ursprünglich kommt sie aus Ratingen bei Düsseldorf. Heute lebt sie in Köln und arbeitet als freie Rednerin und Trauerbegleiterin. Aktuell betreibt sie in Köln einen Pop-Up-Laden: «(d)ein Raum für Trauer». Noch bis Ende März bietet sie dort verschiedene Veranstaltungen rund um die Themen Trauer und Verlust an, mit besonderem Fokus auf die queere Community.

Trauerbegleitung setzt schon vor der Beisetzung an bzw. geht darüber hinaus. Es gibt längst die Möglichkeit, sich online auszutauschen, etwa im Rahmen von WhatsApp-Communitys wie des Anbieters Grievy, wo man teilen kann, was einen beschäftigt, auch nachts. Diese App basiert u.a. auf der kognitiven Verhaltenstherapie und der Traumatherapie.

Caro wollte ein solches Angebot live und vor Ort schaffen. Aktuell hat sie dafür ihren Pop-up-Raum unweit vom Kölner Hauptbahnhof, in der Zeughausstrasse 10. Dort hängt ein Bild von ihren Eltern, deren Schicksal viel mit ihrer Motivation für ihre heutige Arbeit zu tun hat. Ihre Mutter starb kurz nach Caros 18. Geburtstag an Krebs, zehn Jahre später starb ihr Vater. Sie hat selber eine lange Trauererfahrung hinter sich.

«Es war gerade bei meiner Mama super schwierig, ich war noch in der Schule. Die Lehrkräfte wussten nicht, was sie sagen oder machen sollen. Wir waren alle lost, und die Trauer war so riesig.»

Wenn sie heute eine Trauergruppe leitet, sitzen nicht zwingend alle an einem Tisch oder im Stuhlkreis. «Vielleicht macht man auch eine Wanderung am Rhein oder einen Spaziergang mit verschiedenen Etappen.»

Trauerbegleitung ist für sie ein «Herzensberuf» und «meine Bestimmung». Bis sie dort ankam, nahm sie mehrere Umwege. Nach dem Abi studierte sie zwei Semester Theologie, wollte eigentlich Pfarrerin werden. Dann entschied sie sich für Eventmanagement und Tourismusmanagement, es folgten einige Mastersemester in Nachhaltigkeitsmanagement.

Was Trauerbegleitung angeht, ist fast alles möglich, für jede*n gibt es einen anderen Zugang. Und in Sachen Trauer und Abschied stehen queere Menschen vor besonderen Herausforderungen. «Ich glaube, dass wir noch mal mehr von betroffen sind als hetero Personen, das Coming-out kann eine erste Trauer- oder Verlusterfahrung sein. Wenn ich mich vor Freund*innen oder der Herkunftsfamilie oute, entsteht vielleicht schon der erste Bruch», sagt Caro.

Dann geht das immer weiter. «Kann sein, dass ich zum Beispiel in einer Partnerschaft lebe, mein Partner oder Partnerin verstirbt oder sagen wir nur ins Krankenhaus kommt. Es muss ja gar nicht direkt der Todesfall sein, aber im Zweifel kriege ich keine Auskünfte, darf nichts entscheiden, werde über nichts informiert», so die 31-Jährige. «Das ist natürlich total blöd, weil oft queere Menschen eher in ihrer Chosen Family leben als in der Herkunftsfamilie, da es dort vielleicht nicht das beste Verhältnis gibt.»

Warum sollten Blutsverwandte auf einmal darüber entscheiden, was mit einer Person nach deren Tod passiert. Caro nennt noch ein anderes Szenario: «Vielleicht hat jemand den Kontakt zur Familie abgebrochen und auf einmal stirbt eine Person, und jetzt wird genau diese Person in die Verantwortung gezogen für bestimmte Dinge.»

Auch für trans Personen gibt es besondere Herausforderungen. «Viele Bestattungshäuser wissen gar nicht: Wie versorge ich eine trans Person richtig? Es kommt vielleicht zum Deadnaming. Dann geht es darum, wo und wie wird die Person bestattet. Es gibt z.T. ganz altmodische Friedhofsregelungen, wo gesagt wird, die Frau hat an der rechten Seite des Mannes zu liegen. Wie löst man das bei queeren Konstellationen oder nicht-binären Menschen?»

Für Polyfamilien gibt es die Herausforderung, dass ein Grab in der Regel nur für zwei Personen gemacht ist. Und viele Aspekte mehr, die Queers oft nicht auf dem Schirm haben. «Da fehlt oft die Aufklärung, aber auch Angebote», sagt Caro. Deswegen sei es umso wichtiger, Vorsorge zu treffen, dass es Patient*innenverfügungen gibt und Vollmachten – dass man einfach sehr weit vorausschaut.

Auch wenn sich niemand gerne mit seinem Tod beschäftigt: Es ist wichtig, sich mit seinem Leben und der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen, sowohl mit sich selbst, als auch mit den Liebsten um einen herum, sagt Caro. «Um dem Ganzen den Schrecken ein wenig zu nehmen.»

Weitere Termine: (d)ein Raum für Trauer

  • Workshop Tristesse: 21.März
  • Traueraustausch Grievy: 25.März
  • Sober Closing Rave – zwischen Tanz und Trauer: 27.März

Die queere Trauergruppe und der Traueraustausch sollen weiterhin stattfinden, aktuell wird nach neuen Räumlichkeiten geschaut.

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