Pride auf 3303 Metern: Queeres Wandern im Engadin
In Silvaplana gab es letzten Herbst zum ersten Mal die Pride Kulinarik-Wanderwoche. Ein alpines Treffen der queeren Community – und ich war dabei. Ein Erlebnisbericht von Andi Giger.
Die Bahn fährt zügig über das Landwasserviadukt bei Filisur, von dort durch die Spiral- und Kehrtunnel und die vielen talquerenden Viadukte nach Preda. Dann durch den Albulatunnel, und schon ist man im Engadin. Wer die Strecke schon mal gefahren ist, weiss, dass die Albulabahn nicht umsonst UNESCO-Weltkulturerbe ist. Der Zug hält in St.Moritz, von dort fährt ein Bus nach Silvaplana. Die Sonne scheint auf das 1100-Seelen Dorf, und bereits lange Schatten strecken sich über den Silvaplanersee. Ein paar Segler*innen gleiten über die Wasseroberfläche. Am Ufer liegt ein Campingplatz. Die Strasse zum Malojapass trennt ihn vom Dorf. Dieses ist im Vergleich zum oppulenten St.Moritz eine bescheidene Kleingemeinde. Keine Luxusboutiquen, keine Bentleys, dafür einen Volg und eine Bikergruppe, die am Strassenrand eine Trinkpause macht.
Pride beginnt mit Weisswein Bei der Tourismus-Information steht eine Gruppe mit Weingläsern in der Hand. Es ist Pride-Week in Silvaplana, und das ist der kulinarische Startschuss mit Weisswein aus der Bündner Herrschaft. Michelle, die Organisatorin, begrüsst uns herzlich. Menschen aus Bern, Basel, Zürich, Solothurn und St.Gallen sind angereist. Christian und Danika stellen sich vor, sie leiten die Wanderungen, die wir in den kommenden Tagen vor uns haben. Christian, schon in der Wanderjacke, begleitet die Gruppe, die sich – so wie ich – die längeren Routen mit mehr Höhenmetern vornimmt. Murtèl und Cascata da Schinellas am ersten Tag, Val Bernina am Tag zwei, das Bergell am Tag drauf und als Abschluss auf den Corvatsch – den Silvaplaner Hausberg. «Aber ich finde, wir können dann spontan schauen, worauf wir Lust haben.» Danika leitet die Gruppe mit den kürzeren Routen und den längeren Pausen. «Ganz patgific» (rätoromanisch für entspannt, gelassen), wie sie immer wieder sagt.
Bei der Aktion machen verschiedene Hotels aus Silvaplana mit. Ich bin im Hotel Albana untergebracht, gleich 200 Meter weiter hinten. Eine Sennenhündin liegt vor dem Eingang, sie wird mich in den kommenden Tagen jedes Mal begrüssen, wenn ich von der Wanderung zurückkomme. Es ist ein heimeliges Haus. Die Räume riechen nach Arvenholz und sind warm ausgeleuchtet. Das Hotel wird von einer schweizerisch-estnischen Familie betrieben, weshalb auch immer wieder estnische Spezialitäten aufgetischt werden (beispielsweise das Must Leib, das estnische Sauerteigbrot). Das Hotel bietet mit den beiden Restaurants Stüva Engiadina und Thailando sowohl lokale als auch thailändische Spezialitäten. Ersteres hat einen estnischen Küchenchef, weswegen auch dort immer wieder mal nordische Gerichte auf der Karte sind. Immer mit saisonalen, bündner Produkten.
Wenn Fremde plötzlich Community sind Am nächsten Morgen trifft sich die Wandergruppe um 10 Uhr auf dem Dorfplatz. Da Murtèl noch im Schatten liegt, entscheiden wir uns, stattdessen einmal den Silvaplanersee zu umwandern. Wir machen ein paar Abschwenker, unter anderem ins Fextal, und kehren dann am frühen Abend wieder zurück nach Silvaplana. Danika sitzt mit ihrer Gruppe schon auf dem Dorfplatz zum Apéro. Eine Pop-Up-Beiz bewirtet den Platz, der vor ein paar Jahren neugestaltet wurde. Davor führte die Passtrasse vom Julier direkt ins Dorf. Heute werden die Autos umgeleitet und auf dem Platz hört man nur noch das Plätschern des Brunnens und die Stimmen der Leute, die wie wir noch die Sonne geniessen. Pride bedeutet eben auch Community. Und auch wenn wir uns ja kaum kennen – viele haben sich ohne Begleitung angemeldet – haben wir bereits ein Fest miteinander.
Am zweiten Wandertag geht es wie geplant in die Berninaregion. Von Pontresina aus auf die Alp Languard und weiter auf den Schafberg. Ende 19. Jahrhunderts verstarb hier der Maler Segantini. Schon damals hatte das Engadin eine Magnetwirkung für Kunstschaffende. Und heute, sagt man, hat es im Engadin mehr Kunstgalerien als Bäckereien. Von der Segantinihütte sieht man die fünf Seen, vom Stazer- bis Silsersee, dahinter der Malojapass. Mit der Standseilbahn vom Muottas Muragl geht es zurück ins Tal. Am späteren Nachmittag treffen wir uns zum Nusstorten backen. Keine Hexerei, durfte ich lernen. Die Bündner Küche ist bodenständig, rustikal und kommt normalerweise mit wenigen Zutaten aus. Mehl, Zucker, Butter, Eier, Nüsse, Rahm und Honig – that’s it. Am Ende des Tages landen wir wieder auf dem Dorfplatz zum Apéro. Nur ein paar Quellwolken hängen vor dem Corvatsch, ansonsten ist es sonnig. Wie so oft hier. Das Oberengadin hat rund ein Drittel Sonnenstunden mehr als das Mittelland.
Für den nächsten Tag steht das Bergell auf dem Programm. Doch weil wir in unserer Gruppe bereits alle schon einmal dort waren, beschlossen wir, stattdessen nach S-chanf zu fahren und von dort in den Nationalpark zu wandern. Es ist Hirschbrunft, und tatsächlich hören wir das Röhren aus den Wäldern. Mit dem Feldstecher beobachten wir dutzende Hirsche, aber auch Murmeltiere, Gämse und Steinböcke. An den Rastplätzen liegen zu dieser Zeit viele weitere Interessierte, um das Spektakel mit den Hirschen zu erleben.
Mein letzter Tag startet mit einem Brunchbuffet auf dem Corvatsch. Aus dem Fenster sieht man an klaren Morgen wie heute die Dufourspitze und das Matterhorn. Besonders ist die Whiskydestillerie auf den 3303 Meter über dem Meeresspiegel. Bei einer Führung lernen wir, dass auf dieser Höhe der Destillationsprozess rund 10 Grad tiefer ist als auf Meereshöhe. Dadurch können mehr Aromen im Whisky erhalten bleiben. Ich bin kein Kenner, doch die Arvennote des in Holzfässern gelagerten Whiskys schmeckte auch ich. Leicht beschwipst fahren wir mit der Seilbahn wieder ins Tal. Mein Blick gleitet über die sanften Lärchenhänge und schroffen Bergspitzen. Die Lärchen sind noch grün, doch in wenigen Wochen werden sie golden leuchten und die Schneegrenze wird von den Bergspitzen in die Wälder hinunterwandern. Ich werde wiederkommen müssen, den der Herbst in Silvaplana hat noch viele weitere Farben zu bieten.
Engadiner Kulinarik-Wanderwoche, Pride-Edition 13. - 20. September 2026
Wenn sich im Engadin die Lärchen in leuchtendes Gold kleiden, die Seen in tiefem Blau glitzern und die Berggipfel bereits ihr erstes weisses Kleid tragen, beginnt eine der eindrucksvollsten Jahreszeiten: der «Indian Summer».
Gemeinsam unterwegs, verbunden durch Vielfalt: Die Pride Wanderwoche im Engadin bringt die queere Community in einer einzigartigen Bergkulisse zusammen. Im Zentrum stehen der Austausch unter Gleichgesinnten, echte Begegnungen und das Knüpfen neuer Freundschaften. Eine Woche voller Bewegung, Verbundenheit und inspirierender Momente.