Deutschland vorm ESC-Vorentscheid: Kann es der SWR besser?

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Barbara Schöneberger und Hazel Brugger moderieren den Vorentscheid (Bild: SWR (Montage))

Neuer Sender, altes Ziel: Deutschland will wieder nach oben beim Eurovision Song Contest. Der Vorentscheid ist die Startrampe für alle Hoffnungen – und für manche Illusionen. Das muss man dazu wissen.

Von Jonas-Erik Schmidt, dpa

Gastgeberland Österreich hat schon entscheiden, wer den Titel beim Eurovision Song Contest im Mai verteidigen soll: Cosmó mit dem Song «Tanzschein». Der Wiener Sänger, der eigentlich Benjamin Gedeon heisst, hat den ESC-Vorentscheid gewonnen.

Was ist mit Deutschland? Gibt es in diesem Jahr Glitzer und Glamour? Oder wieder gepflegtes Mittelfeld-Grauen? Deutschland hat in den vergangenen Jahren viel ausprobiert, um mal wieder ganz vorn zu landen beim Eurovision Song Contest (ESC). Im vergangenen Jahr wurde sogar Stefan Raab als vermeintlicher Heilsbringer reaktiviert, der aber am Ende nur Platz 15 ablieferte. Was also tun?

2026 gibt es mal wieder einen Neuanfang und die erste entscheidende Weggabelung ist die Show «Eurovision Song Contest – Das Deutsche Finale» am Samstag (28. Februar, 20.15 Uhr, ARD). Dort wird entschieden, wer für Deutschland beim ESC am 16. Mai in Wien antreten darf.

1. Was ist anders in diesem Jahr? Wer sich eher für das Geschehen auf der Bühne als für die Organisation dahinter interessiert, wird vor Erschütterung nicht das Sektglas fallen lassen – aber für ESC-Kenner markiert das Jahr 2026 doch eine Art Epochenbruch. Nach Jahrzehnten ist innerhalb der ARD nicht mehr der Norddeutsche Rundfunk (NDR) federführend für den Musik-Wettbewerb zuständig, sondern der Südwestrundfunk (SWR).

Der neue Job ist sicher nicht nur purer Genuss: Mit dem ESC verhält es sich wie mit der Fussball-Nationalelf. Viele Menschen diskutieren meinungsfreudig mit, nie sind alle zufrieden. Zugleich hat die Marke grosse Strahlkraft. Es wird spannend sein, zu sehen, was der SWR aus dem glitzernden ESC-Kaleidoskop macht. Klar ist bereits, dass man die neuen Zuständigkeiten während des ESC-Finales im Mai bemerken wird. Dann soll es ein Public Viewing geben – in der Schwarzwaldhalle in Karlsruhe. Also mitten im SWR-Land.

2. Wer führt durch den Abend? Bei der Moderation ist erst einmal Kontinuität angesagt: Barbara Schöneberger führt abermals durch den Vorentscheid. Nur Spezialisten werden sich noch an ESC-Shows ohne Beteiligung der 51-Jährigen erinnern können. Neu ist jedoch ihre Co-Moderatorin, die Komikerin Hazel Brugger. Die 32-Jährige bringt erstklassige Arbeitsproben mit ans Set: Im vergangenen Jahr moderierte sie das grosse ESC-Finale in der Schweiz.

Als prominente Gäste werden unter anderem Schlagersängerin Paola Felix (75), Komikerin Carolin Kebekus (45) und «Der Bergdoktor»-Schauspieler Hans Sigl (56) erwartet.

3. Wer traut sich die ESC-Mission zu? Neun Acts gehen ins Rennen um das Ticket nach Wien. Den wohl bekanntesten Namen bringt Sarah Engels (33) mit, die 2011 im Finale von «Deutschland sucht den Superstar» stand, wegen ihrer zeitweiligen Ehe mit Sänger Pietro Lombardi als boulevardgestählt gilt und mittlerweile in vielen Kunstformen reüssiert. Zuletzt spielte die Kölnerin die Hauptrolle im Musical «Moulin Rouge!».

Die Musikerinnen Malou Lovis (26) und Molly Sue (25) bringen ebenfalls TV- und Casting-Erfahrung mit. Malou Lovis gewann «The Voice of Germany», Molly Sue war Teil des «The Voice Kids»-Teams von ESC-Gewinnerin Lena Meyer-Landrut. Weitere Konkurrenz kommt von Sängerin Laura Nahr (25).

Bei den Männern treten an: der Deutsch-Amerikaner Myle (25), Songwriter Bela (23) und der Liechtensteiner Musiker wavvyboi (27), eigentlich Simon Vogt-Grande. Neben den vielen Einzelkünstlern haben es zudem zwei Formationen in den Vorentscheid geschafft – das Duo Ragazzki und die Gruppe Dreamboys The Band, deren Name aus einer WhatsApp-Gruppe entstand.

4. Was geht ins Ohr? Alle Songs lassen sich den verschiedenen Schattierungen zeitgenössischer Popmusik zuordnen. Ein Lied mit einem «Oh Gott, was ist das denn?»-Moment – nicht untypisch für den ESC – ist nicht dabei. Songwriter Bela klingt mit «Herz» ein wenig nach Peter Fox und ein bisschen nach Zartmann. Molly Sue hat mit «Optimist (Ha Ha Ha)» eine Mutmach-Ballade mit Klavierbegleitung im Angebot. Sarah Engels' Vortrag «Fire» ist tanzbarer, der Song «Jeanie» von Dreamboys The Band schleicht sich dagegen sanft in die Indie-Pop-Ecke.

Auffallen wird das Pop-Duo Ragazzki mit einer wilden Mischung aus Italo-Disko-Pop und Beats aus Osteuropa («Polska-Pop»). Allerdings fällt es mit dem Lied «Ciao Ragazzki» auch nicht komplett aus dem Rahmen – pseudo-italienisch angehauchte Tanz-Musik ist im Zeitgeist. Die Band Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys etwa hat damit Erfolg.

Nach der grossen ESC-Geste klingt wavvyboi. Sein Lied «black glitter» mischt Gitarrenriffs mit hohen melodischen Gesangslinien. Dazu sieht der Sänger aus wie aus den 70ern rübergebeamt. Dass Deutschland mal mit dem ähnlich betitelten Lied «Blood & Glitter» (Lord Of The Lost) auf die Nase fiel und Letzter wurde, werden viele Menschen vergessen haben – bei der langen Liste deutscher ESC-Pleiten verliert man ja leicht den Überblick.

5. Wie wird die Show? Der SWR will Konzert-Atmosphäre. Im TV-Studio in Berlin sollen mehr als 1.300 Zuschauer*innen Platz bekommen, zum Teil stehend vor der Bühne. «Eines der größten deutschen Finals in der ESC-Geschichte» nennt es der Sender. Kommentiert werden die Acts zudem von ESC-Kommentator Thorsten Schorn. Man werde überdies einen «grossen Wert auf die Inszenierung» legen, kündigte SWR-Programmdirektor Clemens Bratzler im Gespräch mit dem Branchendienst dwdl.de an.

6. Wie ist der Modus? Wer nach Wien darf, wird nicht einfach vom Publikum gekürt – zunächst gilt es, eine Jury zu überzeugen. Das Gremium besteht laut SWR aus 20 Expert*innen aus 20 ESC-Teilnehmerländern, die die neun Acts auf drei reduzieren. Erst danach entscheidet allein das Publikum, wem es aus dem verbliebenen Trio die ESC-Mission zutraut.

Einen ähnlichen Weg ging interessanterweise Stefan Raab bei seinem Vorentscheid im vergangenen Jahr (MANNSCHAFT berichtete). Damals warf eine Jury kurz vor Schluss die Mittelalter-Rockband Feuerschwanz aus dem Rennen und entzog sie damit einer Abstimmung. Das kam nicht überall gut an, da die exotischen Schweiss- und Eisen-Musiker wegen ihrer Andersartigkeit viele Fans hatten.

Der Modus ist also nicht ohne Gefahr und kann am heimischen Couchtisch schon mal zu Wutausbrüchen führen. Aber wie zuvor besprochen: Man wird es nie allen recht machen können.

Zwei queerfeindliche Angriffe beschäftigen die Polizei in Berlin. Sie trugen sich in Kreuzberg und Mitte zu (MANNSCHAFT berichtete).

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