Arlo Parks: «Alle müssen im Leben mal ein paar Monate tanzen gehen»

Arlo Parks
(Bild: Sully Sullman)

Neuer Lifestyle, neue Liebe, neuer Sound: Auf ihrem dritten Album «Ambiguous Desire» (erscheint am 3. April) überrascht Arlo Parks mit sphärisch-verträumten Elektrobeats und Texten voller Sehnsucht. Die Folge einer schmerzhaften Trennung, von extensivem Clubbing und neuem Selbstbewusstsein. MANNSCHAFT hat die 25-jährige Exil-Britin in ihrer kalifornischen Wahlheimat besucht.

Arlo, was hat dich veranlasst, ins Nachtleben von Los Angeles einzutauchen? Und warum erst jetzt – mit Mitte 20? Ich würde sagen: Es war eine Frage der Zeit. Die meisten Menschen haben ja während des Studiums oder kurz davor bzw. danach Gelegenheit, in die Clubszene einzutauchen, sich selbst zu entdecken und diese Art von Anonymität und Verbundenheit zu erleben. Aber für mich war es so, dass ich halt diese Musikkarriere verfolge, seit ich siebzehn bin (lacht). Also war das jetzt – da ich eine Auszeit hatte – das erste Mal, dass ich mich in diese Welt vorwagen konnte. Und ich habe das Gefühl, dass es notwendig fürs persönliche Wachstum ist. Ich glaube, alle müssen in ihrem Leben einfach mal ein paar Monate tanzen gehen.

Hattest du das Gefühl, da etwas verpasst zu haben? Vielleicht habe ich in dem Moment, als ich in den Clubs war, gedacht: «Warum habe ich das nicht schon früher gemacht?» Aber während ich mein altes Leben gelebt habe, in die Musik vertieft war, selbst Shows gespielt habe und viel gereist bin, hatte ich nicht das Gefühl, irgendetwas zu verpassen. Ich war auch so mit Menschen zusammen und habe mit ihnen gemeinsam Musik erlebt.

Wo hast du deinen «Heaven» gefunden – um einen Song deines neuen Albums zu zitieren? (Lacht.) Schön formuliert. Was diesen speziellen Song betrifft, so war ich bei einer Veranstaltung namens «Midnight Lovers», die einmal im Monat unter der 6th Sixth Street Viaduct Bridge stattfindet. Ich war völlig überwältigt von der Energie, den Sounds und den Lichtern. Ich bin nach Hause gefahren und habe alle Details in mein Tagebuch eingetragen. Am nächsten Morgen habe ich «Heaven» geschrieben.

Hand aufs Herz: Wie befreiend ist es, auszugehen und zu tanzen? In welchen Geisteszustand versetzt dich das? Es ist alles. Es lockt dich aus deinem Kopf hervor und sorgt dafür, dass du dich ausnahmsweise ganz auf deinen Körper konzentrierst. Also etwas, das – wenn man ein eher verkopfter Mensch ist – ziemlich schwierig sein kann. Es versetzt dich in einen Zustand, der ganz aus Bauchgefühl und Empfinden besteht, und dabei fühlst du dich dir selbst sehr nah. So entsteht ein Selbstvertrauen – nämlich ein Teil von etwas Größerem zu sein, aber gleichzeitig wirklich in sich selbst verankert zu sein. Ich würde dieses neue Album als etwas beschreiben, in dem man sich selbst finden und verlieren kann, und das ist exakt das Gefühl, das ich habe, wenn ich tanze.

Da in den Texten so viel Persönlices und Intimes steckt: Fühlst du dich heute wohler in deiner Haut? Hat dir die Auseinandersetzung mit elektronischer Musik Aufschluss darüber gegeben, wer du bist und wo du dich im Leben befindest? Auf jeden Fall. Und was alle Menschen gemeinsam haben: Es scheint unmöglich, dass wir je diesen Zustand erreichen, in dem wir einfach sagen können: «Hier bin ich - das ist es.» Aber ich fühle mich definitiv selbstbewusster und glücklicher als je zuvor. Ich bin mehr im Einklang mit meiner Wahrheit und mit dem, wer ich bin.

Wie bist du an diesen Punkt gelangt? (Lacht.) Mit Geduld. Als ich akzeptiert habe, dass ich wahrscheinlich nie vollkommene Zufriedenheit erreiche und dass Freude nur ein temporäres Gefühl ist, konnte ich alle Emotionen, die mit dem Leben einhergehen – die schwierigen und die schönen –, besser annehmen. Insofern hoffe ich, dass sich die Songs wie ein Spiegel anfühlen, weil ich hier ganz verletzlich über Dinge spreche, die ich er- und durchlebt habe. Hoffentlich erlaubt das anderen, mehr Nachsicht mit sich selbst zu haben oder durch die Musik ein Gefühl von Verständnis zu bekommen.

Da du so gerne über «desire», also Verlangen, singst: Ist das für dich eher ein Motor oder ein Mysterium, das sich nicht wirklich erklären lässt? Das ist eine schöne Formulierung: Wie ein Motor oder ein Mysterium. Ich hatte diesen Satz in mein Tagebuch geschrieben: «Desire is an engine». Es ist ein Gefühl, das uns antreibt – zu dem, wonach wir streben und was wir uns von Herzen wünschen. Das kann eine bestimmte Person sein, ein Zustand von Frieden oder ein Moment von völliger Hingabe, den man auf der Tanzfläche erreichen möchte. Diese Wünsche bewegen uns und sind irgendwie das, worum es im Leben geht.

Sully Sullmann
(Bild: sabrina lantos)

Wohin hat dich dein Verlangen geführt? Hast du eine neue Liebe gefunden? Und gehst du weiter in Clubs? Beides! Ich bin sehr verliebt, und Tanzen und Spass haben muss ja nicht zwangsläufig in grossen Partyräumen stattfinden. Manchmal lade ich auch Leute zu mir nach Hause ein, wir räumen die Möbel weg, legen eine Janet-Jackson-Platte auf und tanzen im Wohnzimmer. Ich finde, es ist wichtig zu verstehen, welche Relevanz Tanzen und Bewegung für uns als Menschen haben. Und: Man kann sich überall seinen kleinen Raum schaffen, in dem man sich frei fühlt.

Deine Texte sind offen queer. Identifizierst du dich als lesbische Person, und wie wichtig ist dir das? Ja, das tue ich. Auf jeden Fall. Aber gleichzeitig geht es mir weniger darum, Sprecherin für eine Bewegung zu sein, als vielmehr über Menschen zu sprechen. Also über die, die ich liebe, und die eine Gemeinschaft mit mir bilden. Deshalb enthalten meine Songs zwangsläufig Elemente davon – sie zeigen, wie ich mich und meine Umgebung erforsche. Das ist die Perspektive. Und hoffentlich erkennen diejenigen, die meine Musik hören, dass ich hier ganz ich selbst bin. Was sie wiederum dazu ermutigen sollte, ebenfalls ganz sie selbst zu sein. Das ist eigentlich schon alles.

Aber ist diese Freiheit unter Trump nicht in akuter Gefahr? Definitiv! Deshalb ist es wichtiger denn je, auf Graswurzelebene zusammenzukommen, Veränderungen zu bewirken, sich gegenseitig zu inspirieren und dort Gutes zu tun, wo man kann.

Für die Gen Z scheint Queerness auch etwas ganz Normales zu sein. Ja, und ich fühle mich glücklich, in einem Teil der Welt zu leben, wo das definitiv der Fall ist – und auch immer mehr Künstler zu treffen, die sich mit ihrer Queerness wohlfühlen, die genau die Musik machen, die ihnen vorschwebt, und die schlichtweg sie selbst sind. Ich finde das wunderschön.

«Menschen hatten schon immer Angst vor dem Anderssein»

Arlo Parks

Wovor haben Trump und MAGA eigentlich solche Angst? Warum sind sie so wütend auf die LGBTIQ-Community, dass sie sie mit allen Mitteln bekämpfen? Ich weiss es nicht. Ich glaube, Menschen hatten schon immer Angst vor dem Anderssein, und diesen Leuten geht darum, sich diejenigen herauszugreifen, die anders erscheinen - und sie auszugrenzen. Aber ich für meinen Teil kann mich nur darauf konzentrieren, das exakte Gegenteil davon zu verkörpern und lautstark die Künstler, Menschen und Räume zu unterstützen, die queer sind, die ich liebe und mit denen ich mich verbunden fühle. Ich versuchen, das Gegenteil von dem in die Welt zu setzen, wofür diese Faschisten stehen.

Und Musik gibt dir die Möglichkeit, exakt das Leben zu führen, das du dir immer gewünscht hast? Ich kann nicht glauben, dass ich schon neun Jahre aktiv bin. Und es war toll, dass ich noch so viele andere Dinge in meiner Karriere erkunden durfte – ob es meine Arbeit für Unicef ist, Songs für andere Künstler zu schreiben oder meine eigene Musik in unterschiedliche Richtungen zu führen. Ich fühle mich glücklich, dass ich das jeden Tag tun darf.

Ist Musik in deinem Fall so etwas wie eine Zuflucht? Das ist sie wirklich – und gleichzeitig eine Möglichkeit, sich in der Realität und der Wahrheit zu verankern. Insofern würde ich sagen: Es ist beides.

Du hat es zuletzt merklich ruhiger angehen lassen, was Konzerte betrifft. Wird sich das mit dem neuen Album ändern? Das ist der Plan: Ich werde in den Ring zurückkehren, denn ich habe das Gefühl, dass ich einen Weg gefunden haben, das nachhaltiger anzugehen. Und ich freue mich darauf, diese neue Klangpalette zum Leben zu erwecken und die Shows möglichst spannend zu gestalten. Statt auf das klassische Band-Setup aus Gitarre, Bass und Schlagzeug zurückzugreifen, wird es diesmal Drum-Computer, Tape-Machines, Modular-Synthesizer, grosse Breaks und Samples geben. Ich kann es kaum erwarten, das auf die Bühne zu bringen.

Was meinst du mit einem anderen Weg? Spielst du nur noch ein Konzert pro Woche? Es geht um das Tempo und darum, was nebenbei passiert. Auf der letzten Tour habe ich selbst an den freien Tagen Songs geschrieben und aufgenommen, musste lange Strecken von einem Gig zum anderen zurücklegen oder habe noch zig andere Dinge nebenbei getan. Es geht also darum, mehr Zeit für sich selbst zu haben und zwischendurch wieder ein bisschen auftanken zu können.

Also hast du deine Lektion gelernt? Ich schätze schon. Das kommt mit der Zeit. Ich habe schliesslich alles zum ersten Mal gemacht. Inzwischen bin ich klüger (lacht).

Mehr: Schweden schickt Felicia mit Elektro-Banger «My System» zum ESC (MANNSCHAFT berichtete)

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