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Sicherheit statt Sichtbarkeit – Sommer ohne Pride als Chance

Ob CSDs 2020 stattfinden oder nicht, wird kaum Auswirkungen auf die politischen Entscheidungsprozesse haben, zumindest kurzfristig – meint Stefan Mielchen

Hamburg Pride
Hamburg Pride 2018 (Foto: Martin Stiewe)

Grossveranstaltungen sind in Deutschland bis weit in den Sommer verboten, viele CSDs bereits abgesagt; auch in der Schweiz werden grosse Events wohl nicht vor Ende Juli 2020 stattfinden können. Eine Extremsituation für Veranstalter, aber auch eine Chance für die Community, schreibt Stefan Mielchen in seinem Samstagskommentar*. Er ist Erster Vorsitzender der Hamburg Pride.

Zukunftsforscher Mattias Horx hat kürzlich einen Text veröffentlicht, in dem er aus der Zeit „nach Corona“ ins Jetzt zurückblickt. Eine so genannte Re-Gnose, das Gegenteil von Prognose. Das ist natürlich rein spekulativ, denn auch ein Zukunftsforscher besitzt keine Glaskugel – jedenfalls keine, auf die Verlass wäre. Der von Horx gewählte Perspektivwechsel ist dennoch ein interessanter Ansatz auch für die queere Community, gerade angesichts der nun reihenweise abgesagten (wie jüngst Berlin und München) oder aufgeschobenen (wie in Zürich) CSDs. Was würden wir Ende des Jahres vermisst haben, wenn die Pride-Saison komplett ausfiele? Es lohnt, darüber nachzudenken.

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Die Corona-Krise macht die Stärken und Schwächen der Pride-Veranstaltungen sichtbar. Ob die CSDs stattfinden oder nicht, wird kaum Auswirkungen auf die politischen Entscheidungsprozesse haben, zumindest kurzfristig. Transsexuellengesetz, Grundgesetz-Ergänzung, Aktionsplan gegen Homo- und Transphobie, um nur einige der prominenteren Themen auszuwählen: Selbst wenn 2020 alles normal liefe, wäre von der Bundesregierung hier vor der nächsten Wahl kaum noch ein Impuls zu erwarten. So gross die Pride-Demos und ihre politischen Ansprüche auch sein mögen – die Regierenden beeindrucken sie herzlich wenig.

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Das kann frustieren, sollte es aber nicht. Die Ehe für alle oder die Opfer-Entschädigung der Homosexuellenverfolgung, um zwei weitere Beispiele aus Deutschland zu nennen, kamen auch nicht über Nacht. Sie wurden von vielen Akteur*innen über Jahrzehnte erkämpft, flankiert durch die CSD-Demonstrationen und immer mehr Dyke-Marches, die sich im Umfeld der CSDs in vielen Städten etabliert haben. Auch sie sind ein fester und wichtiger Bestandteil unserer Demokultur geworden. Womit wir bei den Stärken der Pride-Veranstaltungen wären.

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Denn die CSDs sind in dieser Zeit stetig gewachsen, nicht gewichen. Darauf können alle Beteiligten verdammt stolz sein. Der Kampf gegen Diskriminierung und der Einsatz für Menschenrechte haben über alle Verschiedenheit hinweg Bestand. Wir sind viele, wir sind sichtbar. Das macht uns stark. Und das muss auch so bleiben.

Die aktuelle Lage ist eine krasse Zäsur für die Pride-Bewegung. Sie bietet die Chance zur Reflexion über das, was war, was fehlt und was neu entstehen kann. Das sollten wir nutzen. Wir alle kennen die Kritik an zu viel Party und Kommerzialisierung. Wann, wenn nicht jetzt, wo viele Veranstaltungen unfreiwillig pausieren, böte sich eine bessere Gelegenheit zur selbstkritischen Analyse? Nutzen wir aber auch die Möglichkeit des Perspektivwechsel, wie Matthias Horx ihn vorschlägt. Stellen wir uns vor, was uns in der Rückschau alles gefehlt haben würde.

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Ein CSD schafft Sichtbarkeit für eine grosse, vielfältige Bevölkerungsgruppe. Aber auch für jede einzelne Person, die daran teilnimmt. Für viele Menschen ist es eine der wenigen Gelegenheiten im Jahr, öffentlich so sein zu können, wie sie sind, und daraus Stolz und Selbstbewusstsein für die weniger feierlichen Tage des Jahres zu ziehen. Dieses Empowerment sollte man keinesfalls geringschätzen, auch wenn man selbst vielleicht anders unterwegs ist. Es geht um weit mehr, als proseccoselig durch die Innenstädte zu tanzen. Aber auch darum.

Der CSD ist wichtig für die queere Infrastuktur. Sei es, dass sich Selbsthilfegruppen auf den Strassenfesten als Anlaufstelle präsentieren und von Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen wahr- oder angenommen werden. Sei es, dass unterfinanzierte Gruppen, Vereine und Institutionen durch Spenden oder anderweitige Aktivitäten dort Einnahmen generieren. Sei es, dass die nicht immer auf Rosen gebettete Szenegastronomie hiervon profitiert. All das ist legitim.

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Und natürlich: Die CSD-Demonstrationen transportieren nach wie vor wichtige politische Botschaften und Forderungen. Wenn wir sie nicht selbst auf die Straßen tragen, tut es keiner. Und solange wir sie nicht auf die Strassen tragen, werden sie ausserhalb unserer Community-Bubbles kaum wahrgenommen. Online-CSDs sind eine schöne Idee. Wirkliche und wirksame Sichtbarkeit erzeugen sie eher nicht. Diese Sichtbarkeit steht aktuell noch der Sicherheit entgegen. Das kann nicht ewig so bleiben. Die monatelange Aussetzung von Grundrechten widerspricht diametral unserer geschätzten Freiheit, das Demonstrationsrecht wahrnehmen zu können. Wie lange wollen wir das klaglos hinnehmen?

Schon diese Beispiele zeigen, welchen Schatz die Community mit dem CSD in Händen hält. Gehen wir sorgsam damit um – auch mit jenen, die in Verantwortung stehen. Unterstützen wir sie beim kreativen Umgang mit der aktuellen Situation, stärken wir ihnen dabei durch konkretes Tun den Rücken. Aber bedenken wir auch ihre Grenzen. Mal eben neue Aktionsformen oder Veranstaltungsformate einzufordern, ist leichter gesagt als getan. Vor allem dort, wo es ohnehin an queerer Infrastruktur mangelt und soziale und physische Distanz das Leben jetzt noch schwerer machen.

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Lassen wir Entscheidungen aber auch dann gelten, wenn sie Verzicht bedeuten. Wer aktuell einen CSD absagt, hat dafür gute Gründe. Wer ihn verschiebt und stattfinden lassen will, ebenso. Die Abwägungen werden in der Regel von ehrenamtlich arbeitenden Teams getroffen, die mit der neuen Situation erst einmal klarkommen und viele Dinge bedenken müssen. Alle haben ihre jeweiligen Gegebenheiten vor Ort, ihre Teamprozesse und Entscheidungswege, mit unterschiedlichen personellen, organisatorischen und finanziellen Hintergründen.

Corona stellt alle CSD-Veranstalter*innen vor eine gewaltige Lernaufgabe. Seien wir also fair. Akzeptieren und respektieren wir die Entscheidungen von Absagen oder Verschiebungen zunächst einmal so, wie sie getroffen werden. Klugscheissen können wir nächstes Jahr immer noch.

*Jeden Samstag veröffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar zu einem aktuellen Thema, das die LGBTIQ-Community bewegt. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.

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