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Wenn Schokolade wirklich Sünde ist

Prominente Mitglieder der Familie Läderach wirken im «Marsch fürs Läbe» und bei Christiantiy for Today CFT gegen die Anliegen von LGBTIQ

Die Frischschokolade im Plattenformat ist das Erfolgsprodukt von Läderach. (Bilder: Mannschaft Magazin)

Läderach steht für ausgezeichnete Schweizer Schokolade. Doch die Traditionsfamilie hinter dem Erfolgsprodukt engagiert sich aktiv gegen das Abtreibungsrecht der Frau und das Streben von LGBTIQ-Menschen für Gleichberechtigung. Der Samstagskommentar* von Mannschaft-Redaktor Greg Zwygart.

Mein Schoggiherz blutet. Hinter einem der besten Schokoladenproduzenten überhaupt steckt eine rechtskonservative, moralisierende Familie. Die Rede ist von Läderach Chocolatier Suisse. Der mit der Frischschokolade und den handgefertigten Truffes. Die Schokolade gilt bei Tourist*innen als das ultimative Mitbringsel aus der Schweiz, sind die Konkurrenten Lindt und Toblerone doch in Duty-Free-Shops weltweit erhältlich und längst keine ausgefallenen Souvenirs mehr.

Auf Besuch in der Schweiz vor ein paar Jahren gab meine Tante bei Läderach ein kleines Vermögen aus. Nachdem sie mir ein kleines Säckli assortierter Frischschokolade geschenkt hatte, musste ich ihr zustimmen: Die Schokolade ist exquisit.

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Warum bröckelt jetzt meine heile Schokoladenwelt? Am 14. September zieht der berüchtigte «Marsch fürs Läbe» wieder durch die Strassen, dieses Mal in Zürich. Der seit zehn Jahren jährlich stattfindende Demonstrationsmarsch fordert die Einführung eines generellen Abtreibungsverbots für die Frau sowie eines Verbots der aktiven Sterbehilfe.

Die Kontaktseite der Website marschfuerslaebe.ch liest sich wie ein Who is Who aller rückständigen Kräfte der Schweiz. Da wäre zum einen die Stiftung Zukunft CH, die sich gegen die Öffnung der Stiefkindadoption für gleichgeschlechtliche Paare einsetzte. Zum anderen ist auch die rechtskonservative Partei EDU vertreten, mit deren Präsidentin ich vor drei Jahren das Vergnügen hatte. «Einander treu zu sein dürfte eine grosse Herausforderung sein in Ihren Kreisen», sagte mir Lisa Leisi damals im Interview, als es um das Adoptionsrecht und die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare ging. Sie kannte zwar keine homosexuellen Personen persönlich – nur solche, die «mittlerweile heterosexuell empfinden» – schien aber doch bestens über uns Bescheid zu wissen.

«Einander treu zu sein dürfte eine grosse Herausforderung sein in Ihren Kreisen.»

Im Organisationskomitee ist unter anderem auch Jürg Läderach vertreten, ehemaliger CEO des Familienbetriebs Läderach und heute amtierender Kassier beim «Marsch fürs Läbe».

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Der Unternehmer der zweiten Generation ist auch Präsident von Christianity for Today CFT. Der Verein hatte sich letztes Jahr ein Rebranding gegönnt und dürfte einigen unter dem ehemaligen, sektiererisch anmutenden Namen «Christen für die Wahrheit» bekannt sein. Zur «Vision» von CFT gehören unter anderem die traditionelle Ehe zwischen Mann und Frau, eine von «christlichen Werten geprägte» Schulbildung, eine «christliche Leitkultur in Politik und Gesellschaft» und eben ein Verbot der Abtreibung. Ausserdem engagiert sich der Verein gegen die Erweiterung des Diskriminierungsschutzes für Schwule, Lesben und Bisexuelle, die im Februar 2020 vors Stimmvolk kommt.

Die September-Ausgabe der MANNSCHAFT ist da!

Wer übrigens auch noch im Vorstand von CFT sitzt, ist Sohn Johannes Läderach. Der 33-Jährige übernahm vom Vater 2018 die Geschäftsleitung und ist seither CEO von Läderach. Und wenn wir schon bei der Familiengeschichte sind: Der zweite Sohn Elias gewann letztes Jahr die «World Chocolate Masters» in Paris und gilt gegenwärtig als bester Chocolatier der Welt. Und damit wäre ich wieder bei der Schoggi.

Läderach betreibt über 60 Shops weltweit.

Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel. Man weiss nie, was man bekommt. Bei Läderach sind es frauenfeindliche und homophobe Werte mit Schokoguss und Schleife rundherum. Allerdings muss gesagt werden, dass die Familie Läderach Geschäftliches und Privates gut zu trennen weiss. Mit Ausnahme von CEO Johannes Läderach, der gegenüber jesus.ch von Schöpfers Segen und «christlicher Ethik» am Arbeitsplatz spricht, ist im Internet nichts über die Firma in Verbindung mit dem rechtskonservativen Engagement zu lesen.

Ob ich mit dem Kauf meiner Frischschokolade ein paar hetzerische Plakate am «Marsch fürs Läbe» mitfinanziere? Von der Pressesprecherin des Unternehmens Läderach erhalte ich eine vorgefertigte Antwort – dieselbe, die auch schon das Magazin Das Lamm erhalten hat:  «Das Engagement der Familie Läderach im Verein ‹Marsch fürs Läbe› ist privater Natur und geschieht unabhängig von ihren Funktionen im Unternehmen. Zu privaten Vereinstätigkeiten von Mitarbeitern nehmen wir aus Unternehmenssicht keine Stellung. Das Unternehmen Läderach ist in keiner Weise mit dem Verein ‹Marsch fürs Läbe› finanziell verbunden.»

Christpartei EDU will Schutz für Schwule und Lesben verhindern

Offen schwule und lesbische Angestellte sind bei Läderach willkommen, versichert mir die Pressesprecherin. Auch, dass die Nicht-Diskriminierung ein «integraler Teil der christlichen Ethik» sei. Einen Hinweis zur Inklusion ungeachtet der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität gibt es im Unternehmensleitbild von Läderach jedoch nicht. «Eine explizite Erwähnung einzelner Gruppierungen erachten wir nicht als zielführend», so die Pressesprecherin.

Wie CEO Johannes Läderach gegenüber jesus.ch sagt, investiert der Familienbetrieb einen Teil des Reingewinns in «christlich-soziale Projekte». Dies habe aber nichts mit dem «Marsch fürs Läbe» zu tun, so die Pressesprecherin. «Läderach als Unternehmung engagiert sich im Rahmen der Corporate Social Responsibility für eine funktionierende Gesellschaft und nachhaltige Rahmenbedingungen in ihrem Einflussbereich. Die Unternehmerfamilie unterstützt aus ihrem Privatvermögen verschiedene christlich-soziale oder wissenschaftliche Destinatäre.» Die Spannbreite reiche von karitativen Organisationen über kirchliche Hilfsprojekte bis hin zur Krebsforschung. Ich habe schon verstanden. Die gute Christenfamilie Läderach unterstützt die Wissenschaft. Natürlich nur solange sich diese mit ihrer Auffassung von Sitte und Moral vereinen lässt.

Läderach homophob
Das private Engagement der Familie Läderach ist für Redaktor Greg Zwygart genug für einen Verzicht.

Die Firma Läderach beschäftigt heute 850 Mitarbeitende und macht laut Bilanz über 125 Millionen Franken Umsatz. Zum grossen Erfolg tragen unter anderem auch die neu erschlossenen Märkte in den USA, Asien und im Mittleren Osten bei. Die Firma mit Sitz im Kanton Glarus ist nicht zu einer Offenlegung ihrer Zahlen verpflichtet und so nehme ich die Pressesprecherin beim Wort. Über eine direkte Finanzierung des «Marsch fürs Läbe» kann man nur mutmassen.

Die Familie Läderach macht ihr Vermögen mit Schokolade. Ihr Privatvermögen fliesst in Vereine und Projekte wie Christianity for Today oder den «Marsch fürs Läbe» und agiert gegen uns und unsere Anliegen. Eine indirekte Finanzierung lässt sich nicht beweisen, doch für meine Überzeugung braucht es das nicht. Geld, das ich in der Confiserie Läderach ausgebe, befeuert über Umwegen die Kampagnen unserer hartnäckigsten Gegner*innen. Das ist mehr als Grund genug für mich, einen Schlussstrich unter die Schweizer Vorzeigefirma Läderach zu ziehen.

Wenn ich das nächste Mal Besuch aus Übersee habe, gehen wir nicht zu Läderach, sondern zum lokalen Confiseur.

*Jeden Samstag veröffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar zu einem aktuellen Thema, das die LGBTIQ-Community bewegt. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.

Hans Holbein

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