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«Es hat seinen Grund, warum ich nie in den Spiegel gucke»

Im aktuellen Film von Pedro Almodóvar «Leid und Herrlichkeit» («Dolor y gloria») geht es um einen nicht mehr ganz jungen schwulen Regisseur, der auf sein Leben und Werk zurückblickt

Pedro Almodóvar
Pedro Almodóvar (Foto: Facebook/Pedro Almodóvar)

Pedro Almodóvar wird an diesem Mittwoch 70. Der Protagonist in seinem aktuellen Film ist ein alternder schwuler Regisseur, gespielt von Antonio Banderas. In Cannes weihte der Spanier die MANNSCHAFT in seinen Arbeitsprozess ein.

Señor Almodóvar, in Ihrem neuen Film «Leid und Herrlichkeit» («Dolor y gloria») geht es um einen nicht mehr ganz jungen schwulen Regisseur, der auf sein Leben und Werk zurückblickt. Eine autobiografische Geschichte?
Natürlich hat der Film seinen Anfang damit genommen, dass ich über mich selbst nachgedacht und geschrieben habe. Der Protagonist ist jedoch kein exaktes Abbild von mir, sondern reine Fiktion – eine Fantasie, die von mir geschaffen und durch mich geprägt ist. Sobald Fiktion in eine Geschichte Einzug erhält, wird sie auch zur treibenden Kraft. Dann muss man sich von ihr leiten lassen und ihr treu bleiben, nicht der Realität.

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All die Wege, die dieser von Antonio Banderas gespielte Filmemacher einschlägt, bin ich auch irgendwie gegangen. Doch eben nicht zwingend in die gleiche Richtung. Längst nicht alles, was im Film zu sehen ist, ist mir auch widerfahren. Allerdings hätte es mir passieren können.

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Es gibt also Szenen, die tatsächlich direkt Ihren eigenen Erfahrungen entsprechen?
Vielleicht 20 % des Films. Natürlich werde ich nicht verraten, welche das sind (lacht).

Ist es Ihnen schwergefallen, eine derart persönliche Geschichte zu schreiben?
Im Gegenteil: Ich war selten so schnell mit einem Drehbuch fertig. Nur für «Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs» habe ich noch weniger Zeit gebraucht, glaube ich. Wobei sich das schwer berechnen lässt, denn nicht alle Ideen, die letztlich in diesen Film geflossen sind, habe ich gleichzeitig aufgeschrieben.

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Mit welcher Idee nahm «Leid und Herrlichkeit» denn seinen Anfang?
Zunächst schrieb ich über meine Rückenschmerzen: Die Szene, in der der Regisseur zu Therapiezwecken unter Wasser sitzt, war die erste, die fertig war. Allerdings schlummerten auf meinem Computer allerlei Szenen und Geschichten, die ich bereits geschrieben, aber nie verwendet hatte. Zum Beispiel die, in der ein Regisseur Jahre später seinen einstigen Hauptdarsteller konfrontiert. Oder auch der Text mit dem Titel «Erste Begierde», den ich schon vor 20 Jahren geschrieben hatte, über einen Jungen und sein Begehren für einen erwachsenen Mann.

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Ach, und ein Monolog über die Achtzigerjahre existierte ebenfalls bereits. Keine dieser Ideen hatte ich in der Vergangenheit in meine Filme einbauen können. Doch in der Geschichte des Filmemachers mit den Rückenschmerzen kamen sie jetzt plötzlich mit grosser Selbstverständlichkeit und vor allem sehr schnell zusammen.

Mit Antonio Banderas arbeiten Sie bereits seit dem Beginn Ihrer Karriere zusammen. Wäre ein anderer Hauptdarsteller für Sie überhaupt in Frage gekommen?
Nein, ich hatte immer nur Antonio im Kopf. Und mir war es wichtig, dass wir uns vorher zusammensetzen und in Ruhe darüber sprechen, was ich im Sinn hatte. Denn was ich mir von ihm erwartete, war anders als alles, was wir früher zusammen gedreht hatten oder er in den USA je gespielt hatte. Aber schon allein durch die Drehbuchlektüre schien er genau zu wissen, worauf es ankam. So wie in «Leid und Herrlichkeit» hat man Antonio noch nie gesehen. Gerade, weil er mich mit vielem sehr überrascht hat, war diese Regiearbeit für mich die vielleicht einfachste meines Lebens.

Die Rolle der Mutter spielt – in den Rückblenden – Penélope Cruz, eine weitere langjährige Wegbegleiterin.
Penélope in dieser Rolle zu sehen, hat mich enorm bewegt. Nicht nur, weil sie natürlich meine eigene Mutter gut kannte, sondern weil sie auch selbst für mich wie ein Teil meiner Familie ist. Seit wir vor über 20 Jahren anfingen, zusammenzuarbeiten, stehen wir uns sehr nahe und lieben uns sehr. Auch sie war für mich eigentlich die erste und einzige Wahl. Aufgrund der starken persönlichen und autobiografischen Note des Films war es mir wichtig, von Menschen umgeben zu sein, mit denen ich vertraut bin und die mich einfach sehr gut kennen.

Im Film geht es um konfliktreiche Beziehungen, mit denen der Regisseur nach langen Jahren in der direkten Auseinandersetzung seinen Frieden macht, sei es mit der Mutter, seinem einstigen Hauptdarsteller oder auch seinem früheren Lebensgefährten. Verspüren Sie selbst diesen Drang?

Den Drang vielleicht. Aber ich habe nicht den Mut meiner Filmfigur, mich all diesen klaffenden Beziehungswunden zu stellen. Im Film wird ja wirklich konsequent jeder Kreis geschlossen, selbst zu den Erinnerungen an die Begierden der Kindheit findet der Protagonist wieder zurück. Und es geht ihm damit besser, keine Frage. Aber ich glaube nicht, dass ich mich allem stellen kann und will. In meinem Leben ist noch vieles offen, und ich denke, das wird in vielen Fällen auch so bleiben.

Sind Sie insgesamt mit sich im Reinen? Haben Sie sich mit dem Älterwerden arrangiert?
Sagen wir es mal so: Es hat schon seinen Grund, warum ich eigentlich nie in den Spiegel gucke. Und in der Folge auch nie Feuchtigkeitscreme benutze, obwohl ich weiss, dass sie mir guttun würde und ich meine Haut besser pflegen sollte (lacht). Wirklich im Reinen und zufrieden mit mir und auch meinem Alter bin ich nur, wenn ich meiner Kunst nachgehe und schöpferisch tätig bin. Etwas zu kreieren, das andere Menschen berührt – danach bin ich fast süchtig. Wenn ich keine Filme drehe, kann ich nicht immer unbedingt etwas mit mir selbst anfangen.

In «Leid und Herrlichkeit» geht es auch um echte Drogensucht. Waren Sie dafür je anfällig?
Harte Drogen haben mich nie interessiert. Ich war früher umgeben von Menschen, die Heroin genommen haben. In den Achtzigerjahren, als in Spanien endlich die Diktatur fiel, gehörten die Drogen in gewisser Weise zu dieser neuen Freiheit, in die wir alle uns stürzten. Der Drogenkonsum explodierte, und niemand machte sich Gedanken um die Konsequenzen oder wusste um die Gefahren. Viele unserer Helden waren Junkies, Lou Reed oder David Bowie, und wir nahmen einfach nur wahr, wie schön und wunderbar sie waren. Trotzdem fiel es mir nie schwer, dem Heroin zu widerstehen. Ich wusste instinktiv, dass das nicht meine Droge ist, schon bevor es dann irgendwann losging und ich bei meinen Freunden natürlich doch die Folgen sah.

Pedro Almodóvar
Antonio Banderas in «Leid und Herrlichkeit» («Dolor y gloria») (Foto: Studio Canal)

«Leid und Herrlichkeit» ist ein sehr melancholischer Film, und überhaupt haben sich Ihre Arbeiten schon seit Längerem von der schrillen Heiterkeit entfernt, die früher Ihr Werk ausgezeichnet hat. Warum eigentlich?
Meine Filme haben sich einfach meiner biologischen Entwicklung angepasst (lacht). Aber im Ernst: Mein Leben und mein Alltag waren in den Achtzigerjahren vollkommen anders als heute – und das schlägt sich natürlich auch in meinen Geschichten nieder. Wie schon gesagt, explodierten nach dem Ende der Diktatur die Freiheit und die Lebensfreude. Überall herrschte Aufbruchsstimmung, wir lebten und genossen jeden Moment, feierten in grossen Gruppen – lautstark und öffentlich. Heute findet mein Leben eher hinter verschlossenen Türen statt, zuhause und alleine. Das verändert natürlich die Themen, die mich beschäftigen. Aber das war auch schon immer so. Schon die Filme, die ich in den Neunzigern drehte, waren anders als die davor, und zuletzt «Julieta» unterschied sich gehörig von allem, was ich 15 Jahre vorher gedreht hatte. Zum Glück, würde ich sagen, denn es wäre doch langweilig, wenn ich immer das Gleiche täte.

Wobei es ja durchaus eine Almodóvar-Handschrift gibt …
Sicherlich. Meine visuelle Herangehensweise hat sich weit weniger verändert als meine Geschichten. Leuchtende, intensive Farben gehören für mich einfach dazu, wenn ich vom Leben erzähle.

Ein autobiografischer Aspekt von «Leid und Herrlichkeit» interessiert mich dennoch. Ihre erwähnte Szene «Erste Begierde», in der der Junge lustvoll einen sich waschenden, nackten Handwerker beobachtet, dem er Lesen und Schreiben beibringt – hat die so in Ihrer Kindheit stattgefunden?
Nein, nicht in dieser Form. Allerdings stimmt es, dass ich im Alter von neun Jahren bei uns in der Strasse zum Lehrer für etliche Erwachsene wurde. Abends kamen regelmässig vier oder fünf Feldarbeiter zu uns nach Hause, ordentlich gekleidet, als würden sie zum Arzt gehen. Ich brachte ihnen Lesen und Schreiben bei und war, wie meine Mutter berichtete, ziemlich streng. Verliebt habe ich mich nie in einen von ihnen, von daher ist dieser Aspekt des Films fiktiv. Aber eben auch nicht wahnsinnig weit hergeholt.

Das Interview ist in der Juli/August-Ausgabe der MANNSCHAFT erschienen. Hier geht es zum Abo für die Schweiz oder für Deutschland.

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