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Faszination Diva – Ein wichtiger Teil der Schwulenkultur

Nachahmung, um sich abzugrenzen …
In seinem Buch beschreibt der Autor eine weitere Ursache für die Faszination Diva. In seinen Jugendjahren habe er irgendwann einen britischen Akzent angenommen – obwohl er, als Sohn eines Vaters aus Chicago und einer Mutter aus Missouri, in North Carolina aufgewachsen und von Leuten umgeben gewesen sein, die mit einem typischen Südstaaten-Slang gesprochen hätten. Lange Zeit sei ihm ein Rätsel gewesen, warum er so redete. Bis er eines Tages, als Erwachsener, erneut die alten Spielfilme seiner Kindheit angeschaut habe.

[perfectpullquote align="full" cite="" link="" color="" class="" size=""]«Im Kern geht es bei der Verehrung der Diva nicht um die Diva selbst, sondern darum, einer unwirtlichen Realität zu entfliehen.»[/perfectpullquote]

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In den weiblichen Hauptrollen glänzten die grossen Filmdiven Hollywoods der Zwanziger- bis Siebzigerjahre, Bette Davis zum Beispiel, Grace Kelly, Marilyn Monroe oder Katharine Hepburn. Ihre Gemeinsamkeit: Sie alle sprachen auf eine feingeschliffene Art und Weise, die elegant und gebildet wirkte und damit in starkem Kontrast zu der einfachen und groben Sprechweise derjenigen Leute stand, die sein früheres Umfeld bildeten. «In den Stimmen dieser Frauen hörte ich das Echo meiner eigenen Stimme», sagt Harris. Er realisierte, dass er als Teenager damit begonnen hatte, die Sprechweise dieser Frauen zu übernehmen.

Für einen unsicheren schwulen Heranwachsenden im «unzivilisierten Hinterland» North Carolinas hätten diese anmutigen Filmheldinnen einen Lebensstil verkörpert, der so viel glamouröser als sein eigener gewesen sei. «Unter jungen Schwulen war die Allgegenwart der Holly­wood-Ladys derart stark ausgeprägt, dass sie in unseren Stimmen zum Ausdruck kamen und unsere jeweiligen regionalen Akzente abschwächte», schreibt der Autor. Diese Nachahmung sei nicht nur «die höchste Form der Divenverehrung», sondern auch das Ergebnis seiner damaligen Wahrnehmung gewesen, dass er als schwuler Teenager nicht in die Umgebung gepasst habe, in der er aufwuchs. Dass er anders gewesen sei, «ein kleiner Lord von einem besseren und kultivierteren Ort, gestrandet in der Wildnis».

… und in andere Welten zu flüchten
Es sei denn auch nicht die Weiblichkeit der Schauspielerinnen gewesen, die ihn angezogen habe, fährt Harris fort. Es waren die Filmwelten, in denen sie lebten. Welten voller unkonventioneller Persönlichkeiten, «Nudisten und Freudianer, Konzertdirigenten und Broadway-Prima-Donnas», die sich in einem liberalen, aufgeschlossenen Umfeld bewegten, in dem niemand dafür verurteilt wurde, wer er war. Für ihn und zahlreiche andere junge Schwule aus der Kleinstadt seien Hollywoodfilme ein Portal in eine «utopische Gay-Community» gewesen, von der sie nur hätten träumen können. «Im Kern geht es bei der Verehrung der Diva nicht um die Diva selbst», ist Daniel Harris überzeugt. Vielmehr sei es Schwulen darum gegangen, sich durch die Verinnerlichung filmischen Glanzes über das eigene ungeliebte Umfeld zu stellen und somit – zumindest im Geiste – einer unwirtlichen Lebensrealität zu entkommen. Auf diese Weise hätten Homosexuelle besser mit der Erfahrung umgehen können, «verstossene Aussenseiter» zu sein.

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Konzert als Gay-Party
In früheren Zeiten, als Homosexualität auch in der westlichen Welt noch verpönt war oder gar unter Strafe stand, liebten die schwulen Fans ihre Diven auch ganz einfach aus pragmatischen Gründen. Konzerte wie diejenige der Sängerin und Überikone Judy Garland, die mit ihrem Song «Somewhere Over The Rainbow» wohl die Gay-Hymne schlechthin gebar, waren für viele homosexuelle Männer willkommene Möglichkeiten, inmitten einer grossen Anzahl Gleichgesinnter zu feiern und für einmal in der Öffentlichkeit «out», schwul, sich selbst zu sein. Die Begeisterung für den Star war also vor allem ein Ausdruck des Bedürfnisses, die eigene Identität zu bekräftigen und einer Gemeinschaft anzugehören.

Ebenfalls an den Billboard Awards 2016: Madonna ehrt Prince mit einem Cover von seinem Song «Nothing Compares 2 U.» (Bild: YouTube)
Ebenfalls an den Billboard Awards 2016: Madonna ehrt Prince mit einem Cover von seinem Song «Nothing Compares 2 U.» (Bild: YouTube)

Eine weitere Komponente des Divenfetischismus: Der Sex. In unseren Gefilden ist es unterdessen grösstenteils möglich, die eigene Homosexualität frei und unbehelligt zu leben. Es ist aber noch nicht lange her, da sahen sich Schwule auch hier gezwungen, ihre gleichgeschlechtlichen Sehnsüchte und Bedürfnisse zu verbergen. Stattgeben konnten sie ihnen nur im Geheimen, und aus Angst, entdeckt zu werden, unterdrückten viele Männer ihre Begierden. Die Verehrung der Diva habe Schwulen jedoch eine Möglichkeit gegeben, diese unterdrückten Gefühle auszuleben, findet Daniel Harris. Durch die starke Identifizierung mit den Diven hätten sich homosexuelle Männer in ihrer Vorstellung selbst in die Person der schönen Schauspielerin hineinprojiziert und gewissermassen «mit ihnen die Rollen getauscht». In ihrer Fantasie hätten sie auf diese Art und Weise endlich all die heterosexuellen Männer verführen und manipulieren können, die im realen Leben unerreichbar für sie waren, für die sie insgeheim aber schwärmten.

Madonna: Ikonenstatus dank Tabubruch
Die Popularität, die Künstlerinnen wie Madonna unter Schwulen geniessen, wirft Licht auf einen weiteren Aspekt der «Faszination Diva». Homosexuelle scheinen es zu lieben, wenn Tabus gebrochen werden. Wer selbst einer Randgruppe angehört und nicht der Norm entspricht, hegt wohl fast automatisch Sympathien für Personen, die es wagen, mit vorherrschenden Ordnungs- und Moralvorstellungen zu brechen und diese in Frage zu stellen. In dieser Hinsicht ist Madonna die unbestrittene Königin. In ihrer jahrzehntelangen Karriere hat sie immer wieder schockiert.

Der Autor Dale Madison sagt es folgendermassen: «Als Madonna in den Achtzigern auf der Bildfläche erschien, war sie rebellisch. In ihren Songs und Musikvideos nahm sie sich furchtlos kontroverser Themen wie Religion, Gender und Sexualität an.» Ihre homosexuellen Fans habe sie von Beginn weg mit offenen Armen empfangen, so Madison, und die schwule Anhängerschaft habe verstanden, dass Madonna zu ihnen sprach, wenn sie in einem Feld brennender Kreuze einen schwarzen Jesus küsste, damit alle Tabus brach und die Welt in Schock versetzte.

Mehrere Ursachen, dasselbe Prinzip
Es scheint, als hätten all diese Gründe für die «Faszination Diva» einen grossen gemeinsamen Nenner: Die gesellschaftliche Unterdrückung und Benachteiligung homosexueller Menschen. Vor allem die Schilderungen von Daniel Harris zeigen auf, dass die Divenverehrung in den vergangenen Jahrzehnten für viele Schwule ein Mechanismus war, um ihre bisweilen schwierige Lebensrealität besser zu meistern. Die Identifizierung mit den weiblichen Showgrössen half ihnen, sich gedanklich in bessere Welten zu flüchten und sich von einem Umfeld abzugrenzen, das ihnen oft feindlich gestimmt war. Sie erlaubte es ihnen, von der erwiderten Liebe zu einem anderen Mann und der dazugehörigen Körperlichkeit zu träumen. Die Divenverehrung schuf zudem ein Gefühl der Gemeinschaft, eine Art «Gay-Code» und eine schwule Kultur, in der sich ein homosexueller Mann zugehörig und akzeptiert fühlen konnte.

Die Schwulenikone: Ein Auslaufmodell?
Dies wirft eine weitere Frage auf: Ist die «Faszination Diva» ein dem Untergang geweihtes Phänomen? Verlieren die Schwulenikonen an Bedeutung, je akzeptierter Homosexualität in der Gesellschaft wird? Dies scheint möglich, wenn man davon ausgeht, dass sich ein junger Schwuler in Zukunft genau gleich durchs Leben bewegen kann wie seine heterosexuellen Altersgenossen. Keine blöden Sprüche in der Schule. Keine plagenden Gedanken an das bevorstehende Coming-out. Die Freiheit, Hand in Hand mit dem Freund durch die Strassen zu spazieren, ohne die kleinste Befürchtung, schräge Blicke oder gar Anfeindungen zu kassieren. Die Möglichkeit, den Partner zu heiraten. Die Selbstverständlichkeit, Kinder adoptieren und grossziehen zu dürfen. Sollte all das Realität werden, dann sind womöglich keine Diven mehr nötig sein, die Identität, Hoffnung und Kraft spenden. Doch bis dieser Zustand erreicht ist, bleibt die Faszination Diva bestehen. Und sollten eines Tages tatsächlich keine neuen Schwulen­ikonen mehr geboren werden, dann bleibt die Divenverehrung zumindest als schwulenkulturelles Erbe für immer bestehen. Es geht nicht um Sentimentalität. Aber man darf sich ruhig einmal bewusst machen, warum viele Schwule zurzeit noch in Begeisterung verfallen, wenn im Club Chers «Strong enough» oder Gagas «Born This Way» gespielt werden.

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