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Zweifel am Gruppen-Coming-out: «Keiner traut sich aus der Deckung»

Initiator Marcus Urban bleibt dennoch hoffnungsvoll

Regenbogenbinde
Die Kapitänsbinde für Katar zur WM 2022 (Foto: DFB)

Für den 17. Mai ist ein Gruppen-Coming-out im Profifussball angekündigt. Einen offen schwulen Fussball-Profi gibt es in Deutschland bisher nicht.

Für den 17. Mai, den Internationalen Tag gegen Homophobie, hat der schwule Ex-Jugendnationalspieler Marcus Urban ein Gruppen-Coming-out im Profifussball angekündigt (MANNSCHAFT berichtete). Seit der Ankündigung vor einigen Monaten sind die Erwartungen gross. Nun wachsen aber ebenso die Zweifel. «Aktive Profifussballer halten sich noch zurück», sagte Urban dem Magazin Stern. Kontakt zu schwulen Profifussballern habe er nicht direkt. «Keiner traut sich aus der Deckung.» In Deutschland hatte noch immer kein aktiver männlicher Fussball-Profi ein Coming-out.


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Nicht alle sind von der Aktion restlos überzeugt. «Wir halten das für ein zweischneidiges Schwert», teilte das Netzwerk Queer Football Fanclubs auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit. «Ein Coming-out ist immer eine sehr persönliche Angelegenheit, die man wohl kaum konzertiert veranstalten kann.» Den Termin vor dem letzten Bundesliga-Spieltag hält das Netzwerk europäischer schwul-lesbischer Fanclubs für «eher ungünstig».


Für den früheren Jugend-Nationalspieler Urban ist seine Kampagne «Sports Free» auch dann ein Erfolg, sollte am Freitag kein aktiver Fussball-Profi seine Homosexualität öffentlich machen. «Vor allem geht es um die Kultur und das Klima im Leistungssport», sagte er. Da habe sich etwas verändert, viele Bundesliga-Clubs unterstützten das Projekt. «Da entsteht gerade etwas Grosses.»

Doch warum zögern Fussballer in Deutschland trotz des öffentlichen Zuspruchs und der Unterstützung von Vereinen? «Es ist nicht ausschliesslich ein Problem im Profifussball, sondern auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen», sagte der frühere Nationalspieler Thomas Hitzlsperger. Sein Coming-out nach seiner aktiven Karriere liegt mittlerweile zehn Jahre zurück. «Es ist für viele Menschen immer noch ein Problem, wenn man von der gesellschaftlichen Norm abweicht», sagte der 42-Jährige.

46 Prozent der sehr an Fussball interessierten Menschen in Deutschland sehen Homophobie im Profifussball als ernsthaftes Problem an. 44 Prozent halten Homophobie in diesem Zusammenhang nicht für ein ernstes Problem. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Instituts YouGov hervor, in der insgesamt 2146 Personen in Deutschland befragt wurden.


Urban sieht zudem Probleme im Umfeld der Spieler. «Es ist ein riesiges Versteckspiel. Die schwulen Profis führen Doppelleben», sagte er. «Und dann gibt es Berater*innen oder andere Personen im Umfeld, die trotz alledem von den Spielern verlangen: Sei nicht du selbst, verleugne dich, sonst gefährdest du deine Karriere. Das sind unhaltbare Zustände.» Viele Fussballer gingen davon aus, bei einem Coming-out in Ungnade zu fallen oder Sponsoren zu verlieren. «Ich glaube, das ist eine Fehleinschätzung.» DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig sieht auch den Verband in der Pflicht. «Ich glaube, dass die Zeit mittlerweile zwar reif ist, aber dass die Atmosphäre und dieser Wohlfühlfaktor, den es braucht, um sich auch zu öffnen, das vermissen diejenigen, die es angeht. Und da müssen wir helfen», sagte er der ARD.

Hitzlsperger berichtete von «fast ausnahmslos positiven Reaktionen» nach seinem Coming-out. Dennoch ist kein aktiver Fussballer in Deutschland seinem Beispiel gefolgt. Der Australier Josh Cavallo, der Tscheche Jakub Jankto und der Engländer Jake Daniels wagten den Schritt, berichteten aber anschliessend teils auch von homophoben Beschimpfungen. Im Handball mit dem Leipziger Lucas Krzikalla und im Volleyball mit dem Ex-Berliner Benjamin Patch gibt es immerhin vereinzelt Vorbilder. Umso grösser sind die Hoffnungen in Urbans Initiative. «Das könnte vieles bewirken, das könnte vieles verändern», sagte Hitzlsperger.

Schwuler Fussball-Profi berichtet von Angst vorm Coming-out: 2020 wurde ein anonymer, offener Brief eines britischen Spielers veröffentlicht, indem er um mehr Unterstützung bat (MANNSCHAFT berichtete).


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