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«Wir wollen definitiv nichts mit Russland zu tun haben»

Queers in der Ukraine leben seit der Invasion in Angst

Ukraine
Kundgebung in der Ukraine vor der Invasion (Foto: Screenshot/Hromadske)

Die ukrainische Armee habe am ersten Tag der russischen Invasion 137 Soldaten verloren, sagte Präsident Wolodymyr Selenskyj. 316 Soldaten seien verletzt worden. Im Gebiet Charkiw an der Ostgrenze seien 23 Menschen getötet und Hunderte verletzt worden, teilte Verwaltungschef Oleg Sinegubow nach Angaben der Agentur Unian mit.

Viele LGBTIQ in der Ukraine haben Angst um ihre Zukunft. Denn während das Land LGBTIQ-Menschenrechte noch nicht vollständig anerkennt, ist man doch deutlich weiter als Russland, wo LGBTIQ-Personen weiterhin aktiv verfolgt werden (MANNSCHAFT berichtete). Ende 2015 wurde ein Gesetzentwurf im ukrainischen Parlament verabschiedet, der die Diskriminierung am Arbeitsplatz aufgrund von Merkmalen wie Alter, HIV-Status oder sexueller Orientierung verbietet.

«Die Ukraine ist ein europäisches Land. Wir haben eine zehnjährige Geschichte von Pride-Märschen, und wie Sie wissen, ist die Situation in Russland genau umgekehrt», sagte Edward Reese, Projektassistent von Kyiv Pride, vor dem Einmarsch gegenüber CBS News. «Wir sehen die Veränderungen in den Gedanken der Menschen über Menschenrechte, LGBTIQ, Feminismus und so weiter … Also wollen wir definitiv nichts mit Russland zu tun haben … und wir werden sie nicht haben.»

Es gibt keine Ehe für alle in Russland, nicht mal die Eingetragene Lebenspartnerschaft, und es gibt auch keinen Antidiskriminierungsschutz für LGBTQ-Personen. Das Land ist auch berüchtigt für sein «Homopropaganda»-Gesetz, das 2013 vom russischen Präsidenten Wladimir Putin unterzeichnet wurde und die Verbreitung von queeren Inhalten verbietet, die «schädlich» für Minderjährige sein solleen.


Vor der Invasion russischer Truppen hatten Aktivist*innen in der Ukraine demonstriert.

У Києві влаштували «Маршу єдності». Учасники заявили про готовність об’єднуватися та чинити опір на тлі загрози загострення російської агресії pic.twitter.com/LBwcDNEDBu

— hromadske (@HromadskeUA) February 12, 2022

Allerdings ist laut dem 2019er-Bericht der Kiewer Menschenrechtsorganisation «Nasch Mir» der Reformkurs der Ukraine im Bereich LGBTIQ ins Stocken geraten, gewaltbereite ultrarechte Splittergruppen bestimmen die Agenda. Beobachter*innen aus Deutschland erklärten aber im selben Jahr auch: «So vieles hat sich in der Ukraine zum Guten gewendet» (MANNSCHAFT+).

Ende 2021 hatte Amnesty International zusammengefasst: «Was die Rechte von LGBTI angeht, zählt die Ukraine zwar zu den fortschrittlichsten Nachfolgestaaten der Sowjetunion, doch gibt es im ganzen Land immer mehr Gruppen, die LGBTI angreifen. Mitglieder dieser Gruppen lauerten Unterstützer*innen von Sfera Dutzende Male auf und beschimpften sie mit homofeindlichen Parolen. Sie pinkelten gegen die Wand des Sfera-Büros, beschmierten Türgriffe mit Fäkalien und warfen Fensterscheiben ein.» Obwohl die Angriffe bei der Polizei angezeigt wurden, sei niemand dafür zur Verantwortung gezogen worden.


2019 hatte die NGO Sfera die erste Pride in Charkiw organisiert, mit etwa 3.000 Teilnehmer*innen. Damals hatte sich die Polizei, statt die Demonstrierenden vor Angriffen zu schützen, daran beteiligt, homofeindliche Parolen zu skandieren (MANNSCHAFT berichtete)

Am Donnerstag bedankte sich Anna Sharyhina, Gründerin von Sfera, in einer Video-Botschaft für die vielen Anfragen und Solidaritätsbekundungen aus dem Ausland und bat um Geduld. Sie mache sich grosse Sorgen. Die Aktivist*innen hätten aber nicht vor, das Land zu verlassen.

«Wir haben Angst, weil es natürlich ist, aber wir geraten nicht in Panik», sagte Reese vom Kyiv Pride vor der Invasion. «Wir spenden an die Armee. Ich weiss, dass der Fonds zur Unterstützung der ukrainischen Armee, der unserer Armee hilft und einen Spendenhöchststand in seiner Geschichte erreicht hat. Und der Kyiv Pride hat auch den Spendenaufruf veröffentlicht, und ich weiss, dass LGBT-Leute es getan haben. Und ich selbst habe auch für die Sanitätsbataillone gespendet.»

Nach Beginn der Invasion veröffentlichte Kyiv Pride eine Nachricht auf Twitter, in der der Rest der Welt aufgefordert wurde, sich gegen Putin zusammenzuschliessen.

«An alle unsere Unterstützer in der Welt: Ruft eure Regierungen auf, aufzustehen und gegen den Krieg in der Ukraine vorzugehen! Wir müssen es jetzt stoppen. Wir müssen zeigen, wie mächtig wir alle zusammen sind, und Putin wird keine Chance haben!»

To all our supporters in the world: Call on your governments to stand up and to take action against the war in Ukraine! We need to stop it now, we need to show how powerful we are all together, and Putin will stand no chance!

— KyivPride (@KyivPride) February 24, 2022

Die LGBTIQ-Organisation für russischsprechende Queers hat eine Spendenaktion gestartet. Man brauche Geld für Lebensmittel, Wohnen, Kleidung, Anwaltsgebühren und Sprachkurse für queere Geflüchtete aus der Ukraine. Spenden werden per Überweisung auf das Konto DE08120300001020013189, BILD: BYLADEM1001 oder per PayPal info@quarteera.de entgegengenommen.

 

Auch der seit Jahren mit der Kyiv Pride verbundene Münchner CSD ist in Sorge.

Der schwule Veteran Viktor Pylypenko will gegen Russland kämpfen, sagte er gegenüber MANNSCHAFT+. «Ich muss meine Familie und meine Freunde verteidigen.» Darüber hinaus gelte es es auch, LGBTIQ-Rechte und andere Errungenschaften zu verteidigen.


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