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Caitlyn Jenner: «Keine biologischen Jungs im Mädchensport!»

Sollen trans Athletinnen in Schulen gegen cis Mädchen antreten dürfen? Dazu tobt in den USA ein Kulturkampf

Caitlyn Jenner
Der ehemalige Reality-TV-Star Caitlyn Jenner 2017 bei einer Veranstaltung zum Thema trans Rechte (Foto: DF2_7258 / Wiki Commons)

Der US-Sender TMZ lauerte Jenner am Samstagmorgen auf dem Parkplatz eines Starbucks in Malibu auf und konfrontierte den Reality-TV-Star, der sich jüngst als republikanische Kandidatin für den Gouverneursposten von Kalifornien beworben hat, mit der Frage, was ihre Position zum Umgang mit trans Sportlerinnen im Frauensport sei.

Die Antwort der 71-Jährigen ist kurz – das ganze TMZ-Video dauert knapp 47 Sekunden –, sorgte jedoch umgehend für Entrüstungsstürme. Schliesslich ist die Frage zum Umgang mit trans Sportler*innen ein Kernthema im Kulturkampf amerikanischer Konservativer. Zur Erinnerung: Mehrere US-Bundestaaten hatten letzte Woche Gesetze auf den Weg gebracht, die es trans Frauen und Mädchen verbieten sollen, gegen cis Frauen und Mädchen bei Sportwettbewerben anzutreten.

Abgesehen davon, dass Jenner nun Gouverneursbewerberin der konservativen Republikaner ist, ist sie zugleich jemand, der 1976 als Mann bei den Olympischen Spielen eine Goldmedaille im Zehnkampf gewann. Jenner sagte nun in dem Kurzstatement, es handle sich für sie um «eine Frage der Fairness». Deswegen sei sie dagegen, dass «biologische Jungs, die trans sind, sich im Mädchensport in der Schule messen dürfen». (MANNSCHAFT berichte über Jenners Bewerbung um den Gouverneursposten von Kalifornien.)

Das ist das vollständige Statement. Weitere Fragen wollte Jenner nicht beantworten, sie stieg mit Mundschutz und Kaffee in ihr Auto und fuhr davon.


Gerüchte vom «trans Wahn»
Queere US-Zeitschriften wie The Advocate interpretierten das Ganze umgehend so, dass Jenner trans Sportlerinnen jede «Würde» abspreche, indem sie diese als «biologische Jungs» bezeichne. Laut The Advocate habe Jenner gesagt, man müsse «cis Mädchen vor dem trans Wahn schützen» (im Advocate-O-Ton: «trans menace»). Auf dem von TMZ ins Netz gestellten Video ist diese Aussage zwar nicht zu finden, aber damit war der Tenor für den Umgang mit Jenner gesetzt. Gleichzeitig wird darauf verwiesen, dass sie nach dieser (Nicht-)Aussage in ihr «Luxusauto» gestiegen sei und daran erinnert, dass sie einst Donald Trump unterstützt habe, bevor sie sich von ihm lossagte wegen dessen LGBTIQ-Politik.

Während etliche trans Aktivist*innen sich umgehend auf Twitter gegen Jenners «abscheulichen Kommentar» («odious comment») einschossen und grundsätzlich ihre «Intelligenz» in Frage stellten, weist TMZ darauf hin, dass das Thema keine einfachen «Schwarzweissantworten» zulasse: «Während mache argumentieren, dass trans Mädchen natürlich als Sportlerinnen bessere Leistungen erbringen, wegen höherer Testosteronwerte, stimmt das nicht immer und in allen Fällen, sagen Wissenschaftler*innen.»

Dass trans Mädchen als Sportlerinnen bessere Leistungen erbringen, stimmt nicht in allen Fällen

TMZ geht darauf ein, dass trans Frauen in bestimmten Bereichen – vor allem bei Laufsportarten – besser abschneiden würden als ihre cis Gegnerinnen, es sei aber nicht erwiesen, dass dies ausschliesslich am Testosteron liege. Es gäbe auch Studien die gezeigt hätten, dass trans Mädchen, die in Hormonbehandlung seien, in allen anderen Sportarten ungefähr auf dem gleichen Niveau Leistungen erbrächten wie ihre cis Konkurrentinnen. Weswegen etliche Sportverbände darauf bestünden, dass trans Athletinnen auf Hormonbehandlung sein müssten, um an Wettkämpfen teilzunehmen.


Bruce Jenner
Der Sportler Bruce Jenner bei einem Sportwettbewerb 1975 (Foto: Associated Press / Wiki Commons)

«Mit anderen Worten, die Faktenlage ist ein ziemliches Durcheinander», fasst TMZ die Situation zusammen. Es gibt angesichts unterschiedlicher Beurteilungen und auch angesichts von Sorgen einiger Sportler*innen durchaus Grund, das Thema Trans-im-Sport umfassend aufzurollen und zu diskutieren, wie man das bestehende binäre Männer-Frauen-System anders konzipieren könnte. Statt jedes Mal wie auf Knopfdruck einen Shitstorm zu entfachen, wenn jemand etwas sagt, was nicht zu 100 Prozent auf der Linie des offiziellen trans Aktivismus liegt, wie ihn die Queer-Bewegung über soziale Medien definiert. Wovon kürzlich auch der lesbische Tennisstar Martina Navratilova betroffen war, die sich ähnlich wie Jenner äusserte und die damit zum Feindbild der trans Bewegung stilisiert wurde – mit entsprechenden Schlagzeilen. (MANNSCHAFT berichtete über Buck Angels Aussagen zur Transphobiedebatte.)

Der Journalist Gabor Steingart schreibt am Montagmorgen in seinem «Morning Briefing» mit Blick auf solche Schlagzeilen und die Presselandschaft allgemein, dass zwischen einzelnen Nachrichtenportalen derzeit «Glaubenskriege» geführt würden. Steingart konstatiert: «Die knappste Ressource im […] Journalismus der Gegenwart ist die Nachdenklichkeit.»

Die knappste Ressource im Journalismus der Gegenwart ist die Nachdenklichkeit

Jenner selbst meldete sich übrigens später noch mal auf Twitter zurück und sagte, sie habe nicht damit gerechnet an einem Samstagmorgen auf dem Weg zum Kaffeeholen mit derartigen Themen konfrontiert zu werden. Aber sie wiederholte ihre Aussage, dass es eine «Frage der Fairness» sei, «Mädchensport in Schulen zu schützen».


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