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«Es braucht mehr Politiker*innen, die sich glaubwürdig für LGBTIQ einsetzen»

In Wien wird am Sonntag gewählt

Gemeinderatswahl
Symbolbild: Pixabay

Seit 1979 unterstützt HOSI – die Homosexuellen Initiative Wien – die Anliegen und Interessen der österreichischen LGBTIQ-Community. Wir haben mit Geschäftsführerin Anna Szutt über Diskriminierung in Österreich, leere Worte der Politiker*innen und die bevorstehende Gemeinderatswahl in Wien gesprochen.

Was sind die Kernaufgaben von HOSI?
Als älteste Interessenvertretung von LGBTIQ-Menschen in Österreich kämpfen wir gegen Diskriminierung, fordern Akzeptanz für alle LGBTIQ-Lebensformen und arbeiten für eine Abschaffung sämtlicher rechtlicher Ungleichbehandlungen. Insofern sind unsere Aufgaben vielfältig. Von Öffentlichkeitsarbeit über die Betreibung unseres Vereinszentrums Gugg bis hin zur Organisation von grossen Events, wie die Regenbogenparade oder den Regenbogenball. Für bestimmte Zielgruppen bieten wir regelmässige Gruppentreffen und Freizeitangebote, wie beispielsweise Yoga für Queers, 50+Prime Timers für alle LGBTIQ über 50 Jahre oder das Queer Youth Café für alle Jugendlichen bis maximal 28 Jahre. Eine zentrale Kernaufgabe ist selbstverständlich auch die Beratung rund um Themen wie sexuelle Orientierungen, Geschlechtsidentitäten oder Diskriminierung.

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Stichwort Diskriminierung – Ist das in einem Land wie Österreich tatsächlich noch ein Thema?
Auch in Österreich überlegen noch immer viele LGBTIQ, ob sie händchenhaltend durch die Stadt spazieren oder sich an ihrem Arbeitsplatz outen. Warum? Weil Diskriminierung auf vielen Ebenen ein Thema ist. Ausgrenzung in der Schule, Mobbing am Arbeitsplatz, Beschimpfungen auf der Strasse oder auch körperliche Attacken finden leider auch im weltoffenen Wien statt. Opfer jeglicher dieser Diskriminierungen beraten wir und stehen ihnen unterstützend zur Seite.

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Wird hier politisch weggesehen?
Viele Politiker*innen bekunden öffentlich den Einsatz für LGBTIQ-Rechte, Solidarität und Toleranz. Bitter ist allerdings, dass sich diese Versprechen dann hierzulande nicht in der realen Gesetzgebung widerspiegeln. Es sind also sehr häufig Worthüllen, denen keine Taten folgen. Wirklich bedeutende Verbesserungen, wie beispielsweise die Ehe für alle oder der dritte Geschlechtseintrag, sind nur auf juristischem Wege erreicht worden. Genaugenommen hat die Politik bei diesen Schritten nichts getan.

Gemeinderatswahl
HOSI-Geschäftsführerin Anna Szutt (Foto: HOSI)

Auf Bundesebene regieren in Österreich aktuell die Grünen mit. Hat sich dadurch nichts verbessert?
Unsere Erwartungen sind enttäuscht worden. Auch mit grüner Regierungsbeteiligung auf Bundesebene steht das längst überfällige Levelling-up weiterhin aus (Ausdehnung des Schutzes vor Diskriminierung, Anm. d. Red.).

Werfen wir einen Blick auf Wien. Hier finden am Sonntag die Gemeinderatswahlen statt. Was wünscht ihr euch als Homosexuellen Initiative für die bevorstehende Wahl?
Die Stadt Wien unterstützt ihrem Selbstverständnis als Regenbogenhauptstadt Österreichs nach LGBTIQ-Anliegen und bekennt sich zu Vielfalt und Diversität. Dennoch braucht es auch in der Bundeshauptstadt mehr Politiker*innen, die sich glaubwürdig für LGBTIQ-Anliegen einsetzen. Eine unserer Forderungen ist die Errichtung eines queeren Jugendzentrums, welches in Wien im internationalen Vergleich längst überfällig ist (MANNSCHAFT berichtete). Wir hoffen auch, dass die zukünftige Stadtregierung LGBTIQ-Organisationen weiterhin unterstützen wird. Gerade in turbulenten Zeiten, wie etwa Corona, sind wir auf politischen Support angewiesen. Szene-Treffpunkte, wie unser Zentrum, kämpfen gerade ums Überleben. Ihr gesellschaftlicher Wert muss auch politisch anerkannt werden.

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Bunt, offen, vielfältig – Ist die LGBTIQ-Szene in Wien so?
Wenn wir uns Angebote, wie Bars, Shops oder Events, ansehen, wird schnell klar, dass sich der Grossteil auf die Zielgruppe cis Schwule konzentriert. Wesentlich weniger Angebote gibt es für Lesben, Bisexuelle, trans, inter und queere Personen. Das ist schade und hier sehen wir in Wien auf jeden Fall grossen Aufholbedarf. Wie bunt, offen und vielfältig die Community ist, lässt sich schwer objektiv beantworten. Das hängt von individuellen Bedürfnissen, Erfahrungen und Lebensweisen ab.

Und wie beurteilst du ganz persönlich die Entwicklung der LGBTIQ-Community?
Meiner Meinung nach ist die Community definitiv queerer und jünger geworden. Auch, wenn es noch wenige Angebote gibt, hat sich der Fokus in Diskursen mehr auf die Bereiche BTIQ+ sowie nicht-binäre Lebensweisen verschoben. Die Situation von queeren Flüchtlingen und LGBTIQ im Kontext Herkunft ist thematisch präsenter geworden und Intersektionalität, sprich die Überschneidung verschiedener Diskriminierungsformen, ist in aller Munde.

Corona prägt auch in Österreich weiterhin den Alltag. Inwiefern beeinflusst die aktuelle Situation eure Arbeit?
Corona hat viele gesamtgesellschaftliche Auswirkungen und verschont auch leider uns nicht. Viele unserer Angebote, wie Treffen für 50+ oder Tanzgruppen, fallen aktuell aus. Das ist schade für uns und vor allem für alle, die wir unterhalten und unterstützen möchten. Keine Berührungen, Abstandsregelungen sowie Mundnaseschutz beeinflussen natürlich auch jene Veranstaltungen, die trotz Corona stattfinden. Als Organisation sind wir auch von finanziellen Einbussen und Ausfällen betroffen.

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Social Distancing – ein Schlagwort dieser Tage. Andersrum gefragt: Wie wichtig ist soziale Nähe für eure Arbeit?
Sehr wichtig. Unser Community-Ort lebt von persönlichen Begegnungen, Beziehungen und Austausch. Corona hat uns einmal mehr bestätigt, dass physische soziale Interaktion ein Grundstein unserer Bewegung ist. Die digitalen Formate, auf die wir momentan ausweichen, können die persönliche Ebene niemals ersetzen.

Hat der Lockdown einen Einfluss auf die Nachfrage nach euren Angeboten gehabt?
Ja, uns haben deutlich mehr Anfragen und Nachrichten als gewöhnlich erreicht. Trotz Einschränkungen sind wir für alle da. Wir unterstützen, wo wir können.

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