in

Die 10 queersten Momente der Oscar-Geschichte

Von Linda Hunt über «Brokeback Mountain» bis «Moonlight»

Brokeback Mountain
Heath Ledger (links) und Jake Gyllenhaal als Liebhaber in «Brokeback Mountain» (Bild: Focus Features)

Wenige Tage vor der Oscar-Gala ist am Mittwoch der rote Teppich für Hollywoods grosse Show ausgerollt worden. Knapp 100 Meter lang und gut zehn Meter breit bedeckt er die Strasse.

Am Sonntag laufen dort die Stars und Oscar-Gäste entlang zum Eingang des Dolby-Theaters, wo die Trophäen zum 94. Mal verliehen werden. Dutzende Helfer*innen installieren bis dahin den berühmten Laufsteg, stutzen Kanten und verschweissen Nahtstellen, damit niemand stolpert. «Der Teppich muss flach liegen und straff gezogen werden, ohne Falten und Unebenheiten», erzählt der langjährige Oscar-Teppich-Verleger Rudy Morales. So weit die Routine.

Ganz unabhängig davon, welche Filme am Ende ausgezeichnet werden, wenn in der Nacht auf Montag zum 94. Mal die Oscars verliehen werden, wird auf jeden Fall ein klein wenig Geschichte geschrieben. Denn zum ersten Mal überhaupt sind gleich zwei offen queere Schauspieler*innen nominiert, namentlich Kristen Stewart für «Spencer» als Beste Hauptdarstellerin und Ariana DeBose für «West Side Story» als Beste Nebendarstellerin. Auch sonst sind mit «The Power of the Dog», «Flee» oder «The Mitchells vs. The Machines» einige Filme mit LGBTQ-Bezug nominiert (MANNSCHAFT berichtete).

Hoffen wir also auf den einen oder anderen queeren Moment beim wichtigsten Filmpreis der Welt – und blicken bis dahin zurück auf 10 weitere, die in die LGBTIQ-Geschichtsbücher eingegangen sind.


#1 «Brokeback Mountain» – Meilenstein & Enttäuschung
Im 78. Oscar-Jahr galt mit «Brokeback Mountain», der tragischen Liebesgeschichte zwischen den von Heath Ledger und Jake Gyllenhaal gespielten Cowboys, erstmals ein Film mit schwulen Protagonisten als Favorit in der Hauptkategorie Bester Film. Dass am Ende vollkommen unerwartet der umstrittene Episodenfilm «Crash» gewann, gilt bis heute vielen als eine der grössten Fehlentscheidungen in der Geschichte der Academy of Motion Picture Arts and Sciences. Immerhin: sowohl das Drehbuch als auch Regisseur Ang Lee wurden für «Brokeback Mountain» trotzdem geehrt. Und am gleichen Abend erhielt auch Philip Seymour Hoffman den Oscar, für seine Performance als Truman Capote in «Capote».

#2 Überraschungsgewinner «Moonlight»
Exakt zehn Jahre nach dem «Brokeback Mountain»-Debakel waren die Vorzeichen andere. Die Hetero-Liebesgeschichte «La La Land» galt den meisten schon als sicherer Sieger, während Barry Jenkins’ Drama «Moonlight» über das Heranwachsen eines homosexuellen Schwarzen Mannes eher Aussenseiterchancen eingeräumt wurden. Am Ende kam es erfreulicherweise anders – und schon allein deswegen wurde die 89. Oscar-Verleihung eine für die Ewigkeit. Ach, und natürlich durch die Tatsache, dass aufgrund vertauschter Umschlänge für ein paar Minuten absolutes Chaos auf der Bühne und im Saal herrschte (MANNSCHAFT berichtete). «Moonlight» ist bis heute der einzige Film mit dezidiert queerer Geschichte, der in der Kategorie Bester Film ausgezeichnet wurde.

#3 Erster Oscar für queeren Film: «The Times of Harvey Milk»
Der erste Film mit explizitem LGBTQ-Fokus und gestemmt von queeren Filmemachern, der je mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, war 1985 der Dokumentarfilm «The Times of Harvey Milk» vom schwulen Regisseur Rob Epstein (der fünf Jahre später für «Common Threads» noch einmal gewann). Produzent Richard Schmiechen, der einige Jahre später an AIDS starb, sagte in seiner Dankesrede: «Ich danke Harvey Milk für seinen Mut, für seinen Stolz darauf, schwul zu sein, und für seine Hoffnung, dass wir eines Tages alle gemeinsam in einer Welt des gegenseitigen Respekts leben werden.»


#4 Dustin Lance Blacks Equal-Rights-Rede
24 Jahre nach «The Times of Harvey Milk» fand die Geschichte des ermordeten Bürgermeisters von San Francisco ihren Weg auch als Biopic auf die Leinwand. Für die Hauptrolle wurde Sean Penn mit dem Oscar ausgezeichnet, doch ein Academy Award ging auch an den schwulen Drehbuchautor Dustin Lance Black (der inzwischen mit Tom Daley verheiratet ist). Seine berührende, sehr persönliche Dankesrede, die damals auf dem Höhepunkt des amerikanischen Kampfs um die Ehe für alle kam, dürfte eine der schönsten und wichtigsten in der Geschichte des Preises gehören.

#5 Posthume Ehrung
In kaum einer Kategorie ging der Oscar so oft an queere Gewinner*innen wie beim Besten Song. Einer von ihnen war Songtexter Howard Ashman, der seinen ersten Oscar – gemeinsam mit Komponist Alan Menken – 1990 für das Lied «Under the Sea» aus «Arielle, die Meerjungfrau» gewann. Zwei Jahre später gewannen die beiden erneut, für den Titelsong zu «Die Schöne und das Biest». Allerdings war Ashman (über den es bei Disney+ den sehenswerten Dokumentarfilm «Howard» zu sehen gibt) zu diesem Zeitpunkt bereits seiner AIDS-Erkrankung erlegen. An seiner Stelle nahm sein Lebensgefährte Bill Lauch den Preis entgegen und sagte: «Ich bin sehr glücklich und stolz, diesen Preis für Howard entgegen nehmen zu dürfen. Aber natürlich ist dieser Moment bittersüss. Dies ist der erste Academy Award der an jemanden geht, den wir an AIDS verloren haben.»

#6 Versehentliches Lehrer-Outing
Seinen ersten Oscar gewann Tom Hanks 1994 für seine Rolle als schwuler, an AIDS erkrankter Anwalt im Drama «Philadelphia». In seiner Rede dankte er unter anderem zwei schwulen Männern, die er zu den wichtigsten Mentoren seines Lebens zählte. Einer davon war sein früherer High School-Lehrer Rawley Farnsworth, den er «one of the finest gay Americans» nannte und damit unabsichtlich live vor einem weltweiten Fernsehpublikum öffentlich outete. Übel nahm ihm sein Lehrer die Sache allerdings nicht – und der Vorfall inspirierte mit der Komödie «In & Out» dann sogar einen ganzen Film.

#7 Erste trans Nominierte
Cis Schauspieler*innen, die es dank trans Rollen zu Oscar-Nominierungen gebracht haben, gab es bereits viele. Mit Hilary Swank für «Boys Don’t Cry» und Jared Leto für «Dallas Buyers Club» durfte zwei von ihnen den Preis am Ende auch mit nach Hause nehmen. Doch blickt man auf die Liste alle Oscar-Gewinner*innen der vergangenen 93 Jahre findet sich darauf keine einzige trans Person, die als solche öffentlich bekannt wäre. Nominiert immerhin waren einige wenige: 1975 wurde die Komponistin Angela Morley als erste trans Frau für den Oscar nominiert, 2018 der Dokumentarfilm-Regisseur Yance Ford als erster trans Mann.

#8 Queere Pixar-Power
Im amerikanischen Animationskino tut man sich bekanntlich noch immer ein wenig schwer, was LGBTIQ-Repräsentation angeht (gerade etwa gab es Hickhack zwischen Disney und Pixar wegen eines gleichgeschlechtlichen Kusses im Film «Lightyear», der im Sommer in die Kinos kommen soll). Doch abseits der Leinwand geht es in der Branche durchaus queer zu, wie nicht zuletzt die Oscar-Verleihung 2018 mal wieder zeigte. Der Preis für den Besten Animationsfilm ging an «Coco» und damit unter anderem an die lesbische Produzentin Darla K. Anderson (deren Ehefrau ebenfalls Produzentin bei Pixar ist). Sie und der heterosexuelle Regisseur Lee Unkrich brachten den Drehbuchautor Adrian Molina mit auf die Bühne, der als erstes seinem Ehemann dankte.

#9 Out & Oscar: Linda Hunt
Heute weiss man, dass viele Oscar-nominierte Schauspieler*innen queer waren oder sind, von Marlon Brando über Jodie Foster bis Kevin Spacey. Doch die Liste derjenigen, die bereits zum Zeitpunkt der Nominierung öffentlich out waren, ist bis heute überschaubar. Die einzige geoutete Gewinnerin in den Schauspiel-Kategorien ist noch immer Linda Hunt, die 1984 den Oscar als Beste Nebendarstellerin für «Ein Jahr in der Hölle» bekam. Ariana DeBose wird es ihr in diesem Jahr voraussichtlich gleichtun. Aber ein anderer Rekord wird Hunt bleiben: sie ist auch die einzige Person in der Oscar-Geschichte, die den Preis für eine Rolle des anderen Geschlechts erhielt. Im Kriegsdrama von Peter Weir spielte sie nämlich damals den Fotografen Billy Kwan.

#10 Ellen, Neil & Wanda
Queere bis campe Show-Einlagen gab es in 94 Jahren Oscar natürlich jede Menge, sei es Judy Garlands «Over the Rainbow»-Performance 1939 oder der Eröffnungs-Auftritt ihrer Tochter Liza Minnelli 1974, mit einer eigens vom queeren Duo John Kander und Fred Ebb komponierten Nummer. Erste geoutete Person, die als Moderatorin durch den Abend führte, war dann allerdings 2007 Ellen DeGeneres, die sieben Jahre später den Job noch einmal übernahm. 2015 moderierte Neil Patrick Harris, und in diesem Jahr, wo nach ein paar Jahren ganz ohne Moderator*innen, gleich ein Dreier-Team ran darf, ist neben Regina Hall und Amy Schumer mit Wanda Sykes auch wieder eine queere Gastgeberin auf der Bühne zu sehen (MANNSCHAFT berichtete).


«Tove» – Die Schöpferin der Mumins und die sexuelle Selbstbestimmung

männer sex

Dr. Gay – Brennen beim Analsex: Woran liegt das?