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Bi sein ist keine Entscheidung – Bisexualität zu akzeptieren schon

Selbstverständlich kann es dazugehören, sich nicht sicher zu sein. Aber das geht auch Heteros so, meint Anna Rosenwasser.

Bisexualität
Symbolbild: Unsplash/Levi Saunders

Warum glauben Leute so gern, dass Bisexuelle «sich noch nicht entschieden haben»? Die einzige Entscheidung, die wir treffen, ist es, bi und stolz zu sein, schreibt Anna Rosenwasser in ihrem Samstagskommentar*.

Manchmal sind es die kleinen Dinge im queeren Leben, die glücklich machen. Lady Gaga hören beim Sport. Glitzer-Nagellack. Eine random Butch in freier Wildbahn, die einem kurz zunickt. (Call me!) Manchmal sind es aber auch die vermeintlich kleinen Dinge im queeren Leben, die einem den Tag versauen können. Und: Oft sind diese Dinge gar nicht so klein, wie sie scheinen.

Ich bin ja wahnsinnig gerne bisexuell. Also, ich bin eh mega gern sexuell, und dann auch noch bi, ich lieb das sehr. So sehr, dass ich es zu meinem Beruf gemacht habe. Ja eh, ich liebe es allgemein, Teil der queeren Community zu sein, aber ich bin auch spezifisch gerne bi. Ich kann es nicht genau erklären. Es ist einfach schön, und es fühlt sich für mich auch schön an, das zu benennen: bi.


Letztens sass ich also so bei meiner Therapeutin, wie das ein Mensch halt so tut, und sie erwähnte nebenbei meine sexuelle Orientierung. Aber: Sie sagte nicht bi. Sie sagte «dass Sie sich sexuell nicht festlegen wollen».

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Und das wäre eines dieser kleinen Dinge. Schaut, meine Therapeutin ist eigentlich prima. Es kann gut sein, dass sie kurz etwas missverstanden hat. Es ist auch nicht schlimm, weil ich zum Glück nicht in Therapie bin wegen meiner Sexualität. Ja, ich glaube, wenn das ein Einzelfall gewesen wäre, wäre es mir sogar egal, dass sie das so gesagt hat.

Aber: Es ist kein Einzelfall. Es ist kein Einzelfall, dass bisexuelle Menschen nicht bi genannt werden, sondern in irgendeiner Form dargestellt werden als Leute, die sich nicht entscheiden. Entweder nicht entscheiden können oder sich nicht entscheiden wollen. Viele Bis müssen sich auch tatsächlich anhören, sie sollen sich endlich entscheiden. Aaalter, wir HABEN uns entschieden! Wir sind bi und stolz darauf! Die einzige Entscheidung, die ein Mensch bezüglich seiner sexuellen Orientierung treffen kann, ist, sich selbst zu sein. Wenn ich bi bin, mich als bi oute, dann bin ich mich selbst.


Ich habe echt Mühe mit manchen Entscheidungen: Hafermilch oder Erbsenmilch? Neues Buch anfangen oder das alte fertiglesen? Thirst Trap posten oder ein Nude verschicken? Das sind alles Entscheidungen, die getroffen werden müssen. Aber erstens lautet die Antwort oft «beides». Und zweitens musste ich mich nie dafür entscheiden, wen ich hot finde. (Konnte ich auch nicht. Glaubt mir, wenn Anziehung eine Entscheidung wäre, würde ich ein paar spezifische Menschen nicht mehr attraktiv finden. Es würde mein Leben vereinfachen.)

Dass es genau wir Bisexuellen sind, bei denen man denkt, sie hätten sich «noch nicht festgelegt», ist kein Zufall. Wir wachsen alle auf mit dieser Vorstellung, dass ein Mensch auf ein Geschlecht steht. Die Standard-Annahme ist natürlich hetero, die Abweichung von dieser unnnötigen Norm ist homo, und dann: fertig. Wenn eine Person mal zuerst einen Mann datet und dann zum Beispiel eine Frau oder eine nichtbinäre Person, dann wird ihr das oft als Unentscheidenheit ausgelegt. Als wären wir ein Leben lang am Experimentieren, immer unsicher, welchem Geschlecht wir als Nächstes an den Lippen hängen.

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Selbstverständlich kann es dazugehören, sich nicht sicher zu sein. Sich nicht festlegen zu wollen, auszuprobieren. Wir alle sollten die Freiheit haben, respektvolle Schlampen zu sein. Nur: Das geht auch in hetero. Und in homo. Sich nicht festzulegen, ist nicht bisexuell. Und es tut mir weh, als unentschieden dargestellt zu werden, wenn meine Entscheidungen mir wichtig sind. Mich als bi zu outen, war eine Entscheidung. Keine*r meiner ehemaligen Partner*innen – oder Crushes, oder Affären – war ein Experiment, das ich aus Unentschiedenheit ausgeführt habe wie in einer Anfänger-Chemielektion, wo dann alles explodiert.

Und, liebe Queers, ich muss leider sagen: Diese Form von Bi-Feindlichkeit ist nicht das alleinige Problem der Heteros. Wir verbocken das alle gemeinsam.

Nehmt die bisexuellen Coming-outs ernst von Menschen, die sich in der queeren Community bewegen. Es ist kein Zufall, dass wir immer wieder vergessen, das Lady Gaga bi ist, und der Typ von Green Day oder Angelina Jolie. Die halten wir meistens für hetero. Aber: Wir überhören auch gern, dass Leute bi sind, die für für lesbisch oder schwul halten. Kristen Stewart. David Bowie. Cara Delevigne. Und, mein Lieblingsbeispiel: Freddie Mercury. Wir haben so Freude an Homo-Repräsentation, dass wir manchmal gar nicht wahrhaben wollen, dass es eben nicht nur Homo und Hetero gibt. Bisexualität zu akzeptieren, bisexuelle Coming-outs ernstzunehmen: Das ist eine Entscheidung. Eine Entscheidung, die wir alle treffen können.

*Die Meinung der Autor*innen von Kolumnen, Kommentaren oder Gastbeiträgen spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.


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