«München ist eine rosa Insel im schwarzen Bayern»

Thomas Niederbühl tritt nach 30 Jahren ab

Thomas Niederbühl rosa Hemd
Thomas Niederbühl (Bild: Andreas Gregor)

Wenn am 8. März Kommunalwahl ist in Bayern, tritt Thomas Niederbühl nicht mehr an. 30 Jahre sass der schwule Politiker im Münchner Stadtrat.

Mit MANNSCHAFT spricht er über sein Vermächtnis, die aktuelle Bedrohung von Demokratie und LGBTIQ-Menschenrechten und was er in Zukunft vorhat.

Seit 1996 sitzt der schwule Politiker im Münchner Stadtrat; wenn Thomas Niederbühl nun aufhört, waren es 30 Jahre. Schon Gerd Wolter sass von 1984 bis 1990 als Deutschlands erster offen schwuler Kommunalpolitiker im Stadtrat von München, damals für die Grünen. 2019 ist er verstorben.

Niederbühl war der erste, der über die damals schwule, später queere Wähler*innen-Initiative ins Rathaus kam: die Rosa Liste. «Das war schon einmalig, für München und für Deutschland und wahrscheinlich für Europa», sagt er im Gespräch im MANNSCHAFT anlässlich seines Ausscheidens aus der Politik. Warum geht er nun?

«Ich hatte seit 2017 ein paar gesundheitliche Zipperlein, das war zumindest der Auslöser zu sagen: Wie soll es denn eigentlich weitergehen?», sagt Niederbühl, der Ende März 65 wird.

2020 entschied er sich, ein letztes Mal zu kandidieren und wollte, sollte er wiedergewählt werden, in der Münchner Aids-Hilfe aufhören. Dort war er lange Geschäftsführer, ebenfalls 30 Jahre. «Sozusagen mein zweites Baby», sagt er. Als er 2021 dann ein weiteres Mal in den Stadtrat gewählt wurde, war ihm klar: «Nach dieser Legislatur höre ich auf.»

Es war ihm wichtig, eine klare eigene Entscheidung zu treffen. Und er findet: «Es sei einerseits schön zu wissen, dass man vermisst wird, wenn man geht, dass einem vielleicht nachgetrauert wird. Andererseits: «Es gibt ja auch einige Stadtratskollegen, bei denen man das Gefühl hat, die können nicht aufhören. Nach dem Motto: ,Wann geht der alte Sack eigentlich?’ Das wollte ich auf keinen Fall!»

Der Wahl-Münchner wurde 1961 im baden-württembergischen Bruchsal geboren. Er studierte Katholische Theologie, Germanistik und Philosophie. Doch nach dem ersten Staatsexamen 1989/90 wurde ihm wegen seines Engagements in der Schwulenbewegung die Lehrerlaubnis für Katholische Theologie entzogen – praktisch ein Berufsverbot. Niederbühl began dann mit einem Aufbaustudium in Literaturkritik. Doch es zog ihn in die Politik. Bei der Gründungsversammlung der Rosa Liste München am 2. September 1989 wurde Niederbühl zum Spitzenkandidaten nominiert. Im Folgejahr zog er zunächst in den Bezirksausschuss Ludwigsvorstadt – Isarvorstadt, 1996 dann in den Münchner Stadtrat, wo man mit den Grünen eine gemeinsame Fraktion bildet.

Auf seine Arbeit der letzten 30 Jahre ist er stolz, er habe mit der Rosa Liste viel für München erreicht. Etwa eine städtische Koordinierungsstelle, die für die Querschnittsaufgabe LGBTIQ zuständig ist. Und trotz der schwierigen Haushaltslage konnte der «Fonds Queere Gleichstellung» eingerichtet werden, durch den jährlich bis zu 400’000 Euro für zusätzliche queere Projekte zur Verfügung stehen.

Nun tritt er mit der Gewissheit ab: Mit den geschaffenen Strukturen geht es gut weiter. Natürlich, sagt Niederbühl, man könne als Stadtrat ja nichts alleine entscheiden. Es habe immer gute Verbündete gegeben, die ihn und die Rosa Liste unterstützt hätten, und so werde es auch in Zukunft sein. Sein Nachfolger Bernd Müller werde seine Arbeit sicherlich gut fortsetzen, sagt Niederbühl. Und Müller sagt: «Ich freue mich, das Erbe von Thomas Niederbühl anzutreten.»

Wie auch immer die Wahl am 8. März ausgeht: Niederbühl ist mit sich im Reinen. «Wenn es nicht funktionieren sollte, entwertet es ja trotzdem nicht die 30 Jahre, die ich gute Arbeit gemacht habe.»

Fest steht für ihn: Ein Nachfolger wird es immer anders machen. Als Schattenmann oder «graue Eminenz», die versucht noch überall Einfluss zu nehmen, will er sich nicht aufspielen. Im Wahlkampf steht er auch nicht mehr an den Infoständen. Aber trotzdem hat er seinem Nachfolger Unterstüzung angeboten.

Bei der Entscheidungsfindung, die zum jetzigen Abschied aus der Politik führte, hatte Niederbühl einen wichtigen Menschen an der Seite: seinen Mann. Heinz Bänziger ist Goldschmied, hat eine eigene Werkstatt mit Laden und den wird er wohl Ende des Jahres auch aufgeben und seine Werkstatt nach Hause verlegen.

Und dann? Gehen die beiden mit einander auf Reisen? «Das ist meine grosse Horrorvorstellung, nur noch unterwegs zu sein», sagt Niederbühl lachend. «Reise vorbereiten, auf Reise gehen, Reise nachbereiten, nächste Reise planen. Nee, auf keinen Fall. Wir werden reisen, aber das wird nicht Lebensinhalt sein.»

Nach der Wahl am 8. März endet die Legislatur offiziell Ende April, danach gibt es nur noch punktuell ein paar Übergangsaufgaben zu erledigen. Ganz raus aus der Community möchte Niederbühl nicht, vielleicht übernimmt er irgendwo eine andere Funktion. Wer weiss.

Er klingt jedenfalls sehr klar und entschlossen. Aber macht es einem das Abschiednehmen nicht schwer, wenn man sieht, dass erreichte LGBTIQ-Rechte, die Demokraite gar, auf dem Spiel stehen?

«Was München angeht, bin ich gar nicht so ängstlich», sagt Niederbühl. «München ist vielleicht auch eine rosa Insel in dem schwarzen Bayern.»

Auch wenn er auf eine Erfolgsgeschichte von 30 Jahren zurückschaut, mahnt er: «Man darf nicht glauben, es gehe einfach immer so weiter. Uns wurde nichts geschenkt und wenn jetzt der Gegenwind zunimmt, müssen wir halt weiterkämpfen.»

Niederbühl richtet einen klaren Appell an die Community, sich nicht spalten zu lassen. «Es gibt ja leider die Tendenz, dass manche Leute sagen: Hier sind die guten Schwulen und Lesben und dort diese schrecklichen trans Personen.»

Man sollte auf jeden Fall schauen, dass man sich nicht auseinanderdividieren lässt. Und natürlich werde es auch Demonstrationen brauchen. «Auf die gehe ich natürlich, dann auch ohne Funktion.»

Grundsätzlich ist und bleibt Niederbühl Optimist. «Ich denke, wenn 20 Prozent für AfD sind, dann sind immerhin 80 Prozent dagegen.»

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