Abschied von Rosa von Praunheim: «Man sollte immer mutig sein»

Rund 100 Gäste kamen zur Beerdigung

Rosa von Praunheim im Januar 1973.
Rosa von Praunheim im Januar 1973. (Bild: Volkmar Hoffmann/dpa)

Eine Woche vor Weihnachten starb Rosa von Praunheim (MANNSCHAFT berichtete). Kurz zuvor hatte er seinen langjährigen Partner geheiratet (MANNSCHAFT berichtete). Der Filmemacher und Aktivist war eine prägende Figur der Homosexuellenbewegung in Deutschland. Die Beerdigung fand nun mit viel queerer Prominenz statt.

Er habe sehr zufrieden auf sein Leben zurückgeblickt, berichtete ein Trauergast über sein letztes Gespräch mit dem Verstorbenen.

Jahrzehntelang drehte Rosa von Praunheim Filme – mit Produktionen wie «Die Bettwurst» und «Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt» aus den 1970ern schrieb er Filmgeschichte. Er drehte den Film «Rex Gildo – Der letzte Tanz» und veröffentlichte zuletzt «Satanische Sau», eine Komödie, in der in einer Szene Blumen in Männerhintern stecken. Von Praunheim wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, mit Ehrenpreisen der Berlinale und dem Bundesverdienstkreuz.

Dienstag Vormittag, Sonnenschein und strahlend blauer Himmel um den Gefrierpunkt: Die Urne von Holger Ratke, so sein bürgerlicher Name, wird auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg beigesetzt. Nach einer Zeremonie in der Kapelle, an der nur ein enger Kreis von Familie und Freunden teilnahm, zog die grosse Trauergemeinde zur Grabstelle, wo auf Wunsch des Verstorbenen eine «Stille Zeremonie» stattfand, ohne Reden oder Ansprachen.

Die Szene-Ikone Laura Halding-Hoppenheit (früher Linke, heute Freie Wähler) kam eigens aus Stuttgart angereist, Ralf König aus Köln. Über ihn drehte von Praunheim 2012 den Dokumentarfilm «König des Comics».

Ralf König
Rinaldo Hopf und Ralf König (re)

König erinnerte sich an die grosse Premiere in Kino in Berlin.
«Alle standen vorne, die mit dem Film zu tun hatte.
Ich und mein Freund Olaf auch.
Und Rosa ging mit seinem Mikrofon von einem zum anderen, stellte vernünftige Fragen.
Zu uns kam er und was hat er gesagt? ,Na, habt ihr gestern gef***t?' Da stand ich dann doch etwas verdattert da und verdrehte die Augen.
Das Publikum lachte, weil sie wohl wussten, warum ich die Augen verdrehe.
Das war so typisch Rosa. In dem Moment fand ich das total blöd.
Aber heute finde ich es ganz cool», so König lachend.

Jörg Litwinschuh-Barthel, der für die Schachtsiek-Familien-Stiftung tätig ist, die Rosas Nachlass sichern hilft, erinnerte im Gespräch mit MANNSCHAFT an einen berühmten Satz von ihm: «Die schönsten Feiern sind die Beerdigungen.»
Sein Leben lang habe von Praunheim immer unglaublich viel Verantwortung gespürt für sein ganzes Team, berichtet Litwinschuh. «Er war immer unter Druck, auch deshalb künstlerisch tätig zu sein, um seine ganze Wahlfamilie mit zu versorgen.
Diesen Anspruch finde ich schon sehr, sehr grossartig.»

Beim letzten Gespräch mit von Praunheim sagte dieser zu Litwinschuh-Barthel: «Ich bin sehr, sehr zufrieden und ich kann auch gehen.'
Und das habe ich selten bei Menschen gehört, die so zufrieden zurückblicken.»

Neben Freund*innen und Wegbegleiter*innen von Praunheims kamen auch zahlreiche Berliner Dragqueens, darunter Barbie Breakout, Bambi Mercury und Margot Schlönzke.

drags von praunheim
Sheila Wolf, Margot Schlönzke und Gaby Tupper (v.l.n.r.)

Schwule Politiker wie Klaus Lederer (Linke) und Kevin Kühnert (SPD) erwiesen ihm die letzte Ehre. Vor allem aus dem Bereich Kultur waren etliche Prominente gekommen, darunter Lars Eidinger, Max Riemelt («Freier Fall»), Wieland Speck und Katy Karrenbauer, die u.a. im Praunheim-Film «Härte» (2015) mitwirkte, sowie Ralf Morgenstein. Auch Tom Tykwer kam zur Beerdigung, der mit dem Verstorbenen eine Art Mentor-Schüler-Beziehung pflegte, von der der halbdokumentarische Film «Rosakinder» (2012) handelt, in dem Tykwer und andere Regisseure wie Julia von Heinz und Axel Ranisch ihre Prägung durch den «Film- und Aktivisten-Vater» von Praunheim thematisierten.

Axel Ranisch
«Rosakind» Axel Ranisch und sein Mann Paul

Klaus Lederer (Linke), Ex-Kultursenator von Berlin, erinnerte sich an eine Begegnung beim Christopher Street Day. «Rosa kam plötzlich mit seiner Kamera auf unseren CSD-Wagen und rief: ;Lasst euch nicht stören. Ich bin jetzt mal hier und drehe.’ Und dann war er wieder weg. Das ist schon 20 oder 25 Jahre her – eine wirklich lustige erste Begegnung.»

Kevin Kühnert (SPD), ebenfalls unter den Trauergästen, erinnert sich an die Premiere von Praunheims Rex-Gildo-Film «Der letzte Tanz” (2022), bei dem sich die beiden danach noch ganz lange im Foyer unterhalten hätten. Was ihm in Erinnerung bleibt: «Wie lang diese enorme Schaffenskraft bei ihm da gewesen ist und wie sehr das alles Herzensprojekte waren.»

Der Entertainer Riccardo Simonetti hatte von Praunheim im Jahr 2022 in seiner TV-Sendung «Legendär» interview und würdigt ebenfalls das Vermächtnis des Aktivisten. «Sein ganzes Leben war eine Erinnerung daran, dass man immer mutig, immer laut sein sollte und auf sich selbst und seine Rechte aufpassen sollte.»
Anlässlich der Beerdigung habe Simonetti den Witwer gefragt: “Was hätte Rosa sich denn gewünscht: eher ein reduziertes, konservatives Begräbnisoutfit oder eher etwas, das ein bisschen lauter ist oder schillernder? Die Antwort sieht man heute hier.»

Breakout und Simonetti
Barbie Breakout (li) und Riccardo Simonetti

Der Künstler Rinaldo Hopf, der noch bis Februar seine Werke gemeinsam mit Werken von Rosa von Praunheim in der Ausstellung "Rendezvous of Friends" in der Ballery in Schöneberg zeigt, erinnert sich, wie von Praunheim am Tag seiner Hochzeit in die Gallerie kam, wenige Tage vor seinem Tod. Er musste gestützt werden, kam am Rollator, und ohne seinen Mann Oliver, immerhin 33 Jahre jünger. „Ich fragte, wo denn sein Partner ist. Rosa meinte, der sei zu erschöpft von der Hochzeit. Das fand ich wirklich bemerkenswert”, so Hopf.

Die Beerdigung wird übrigens Teil des letzten Films von Rosa von Prauheim sein: «Sex & Tod». 20 Drehtage hat sein langjähriger Kamermann Lorenz Haarmann dafür schon mit von Praunheim gedreht, bis zu dessen Beinbruch. Der Film soll im Sommer fertig sein, vielleicht, so die Hoffnung von Markus Tiarks von der Rosa von Praunheim Filmproduktion, wird er seine Premiere im September in Venedig feiern.

Mahide
«Unsere Leichen leben noch» – Die Berliner Lesbenaktivistin Mahide Lein mit einem Zitat von Praunheims gleichnamigem Film (1981)

Mehr lesen: Von der Schwulenbar zur Kunst: «Meine Bilder sind wie meine Kinder» – ein Besuch bei Mäzen Brabant (MANNSCHAFT berichtete)

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