«Mir ist ja egal, was du im Schlafzimmer machst …»
Die Norm fühlt sich nur dann wie ein Zwang an, wenn man ihr nicht entspricht, schreibt Anna Rosenwasser
Queere Identitäten drehen sich eben nicht nur darum, was man im Schlafzimmer macht, schreibt Anna Rosenwasser in ihrem Kommentar*.
«Wie lernt man eine Person besser kennen, beim Sex oder bei einem vertieften Gespräch?» Mein Bruder und ich lachen. «Sex!», rufe ich, «Waaas? Gespräch natürlich!», widerspricht er. Ich hätte nicht gedacht, dass er und ich mal über sowas reden, Sex war wirklich nie Gesprächsthema, aber jetzt, im Museum, da geht es plötzlich.
Die Ausstellung heisst «Geschlecht», und an einer Station wurde uns diese Frage gestellt. Sonst geht es eher nicht um Sex. Sondern mehr um Identität. Und um sexuelle Orientierung.
«Ich finds cool, was du machst mit deinem Aktivismus, du setzt dich ein für Leute und so», sagt mein Bruder, als wir im Museum zur nächsten Station wandeln. «Aber . . . ich muss zugeben, Anna, auf Insta habe ich dich entfolgt. Ist ja voll okay, dass du für Gleichberechtigung bist und Ehe für alle und das alles. Aber dann betonst du so, wie stolz ihr seid. Warum stolz? Das ist so übertrieben, und diese verkleideten . . . Dragqueens . . . ich halt das fast nicht aus beim Schauen.»
Mein Bruder ist cis und hetero. Ich weiss das nicht, weil er mir das erzählt hätte, sondern weil er es mit aller Selbstverständlichkeit unerwähnt lässt. Manchmal sagt er aus Versehen «normal», wenn er «nicht queer» meint, und er tut das ohne schlechte Absichten.
Die Norm fühlt sich nur dann wie ein Zwang an, wenn man ihr nicht entspricht. Wer zufällig so ist, wie es erwartet wird, wie die ungerechtfertigte Grundeinstellung, könnte glatt meinen, das müsse so sein: cis und hetero. Alles andere ist Abweichung. Ich glaube, man spürt manche Grenzen erst, wenn man sie überschreitet. Wer sich nicht bewegt, spürt seine Fesseln nicht, sagte Rosa Luxemburg irgendwann anfangs des 20. Jahrhunderts, und jetzt sind wir im 21. Jahrhundert und haben die Fesseln regenbogenfarben angemalt.
«Mir ist es ja egal, was du im Schlafzimmer machst», sagt mein Bruder nun versöhnlich, «Ich bin nicht nur bisexuell im Schlafzimmer!», antworte ich halb amüsiert, halb traurig, aber irgendwie klingt mein Widersprechen ein bisschen, als würde ich über Dreier auf dem Küchenboden reden. Und nicht darüber, dass Queersein politisch ist, dass unsere Diskriminierung ja auch nicht ans Bett gebunden wird, sondern an unseren Trauschein und unseren Ausweis.
Genau darum find ich Toleranz eigentlich nicht so cool. Tolerieren, das klingt, als würde man etwas ertragen. Wie Rückenschmerzen. Toleranz heisst, macht was ihr wollt in euren tuntigen Schlafzimmern, einfach nicht vor meinen Augen, seid bitte nur dann queer, wenn ich es nicht sehen kann. Nicht in der Öffentlichkeit. Nicht in der Verwandtschaft. Und nicht im Gesetz.
Ich will aber genau überall dort auch voll und ganz drin sein. Eben nicht nur toleriert, sondern auch akzeptiert. So, dass man nicht einfach diejenigen, die nicht «normal» sind, erträgt. Sondern dass wir das Konstrukt «normal» abschaffen und es keine Ausstellungen mehr braucht, damit wir etwas über queere Vielfalt lernen.
Mein Bruder sieht mich von der Seite an. «Weisst du, was ich das Schlimmste finde an deinen Insta-Stories?» Oh je. Was kommt jetzt? «Manchmal tanzt du.»
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*Die Meinung der Autor*innen von Kolumnen, Kommentaren oder Gastbeiträgen spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.
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