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Hass im Netz – Wir müssen etwas dagegen tun!

Linus Giese über den Kampf gegen Transphobie

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(Bild: iStock)
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Da er offen als trans Mann in den Sozialen Medien unterwegs ist, kennt er Hasskommentare nur zu gut. Dass sein Kampf dagegen oft ins Leere läuft, beschreibt Linus Giese in seinem Samstagskommentar*.

Wer im Netz laut und sichtbar oder politisch aktiv ist, kann schnell zum Opfer von Hasskommentaren werden – sich zu wehren, ist schwer und oft aussichtslos. Ich finde: Wir müssen mehr dagegen tun.

Ich bin ein trans Mann und habe mich von Anfang an – und ohne viel darüber nachzudenken – dafür entschieden, sehr offen damit umzugehen: auf Twitter, auf Instagram und auf Facebook. Ich schreibe Artikel, gehe ins Radio, nehme Podcasts auf und veröffentliche demnächst ein Buch über meine Geschichte.

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Den Grossteil meiner Arbeit leiste ich unbezahlt – und in meiner Freizeit. Aber zumeist tue ich es gern. Meine Belohnung ist das Gefühl, mit meiner Sichtbarkeit wirklich etwas verändern zu können: Mein Wunsch ist es, gleichzeitig aufzuklären und Vorurteile abzubauen.

Diese Sichtbarkeit hat aber auch Schattenseiten: Seit Dezember 2017 – also seit beinahe zwei Jahren – erlebe ich fast täglich Hass und Anfeindungen im Netz: Ich werde unter meinen Tweets beleidigt, beschimpft und bedroht. An Kommentare wie «Du wirst niemals ein Mann sein» und «Du bist eine Frau» habe ich mich schon lange gewöhnt.

Was kriege ich sonst noch zu hören: «Nein, du bist kein Mann, du bist ein Untermensch». «Wir müssen solche Kreaturen durch Euthanasie heilen». «Ich melde mich freiwillig als Doktor für die Aktion T5»
[Aktion T4 ist eine nach dem Zweiten Weltkrieg gebräuchlich gewordene Bezeichnung für die systematische Ermordung von über 70.000 Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen in Deutschland 1940/1941, Anm. d. Red.]. «Nur ein ekelhaftes Weib». «Geisteskrank». «Widerlich». «Ekelhaft».

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Was tue ich, um mich zu schützen? Ich versuche das, was ich über mich lesen muss, nicht an mich heranzulassen und mir nicht zu Herzen zu nehmen. Klingt leichter, als es in der Realität ist.

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Seit einem Jahr besuche ich eine Therapeutin, die auf das Thema Hass im Netz spezialisiert ist – dort versuche ich zu lernen, wie ich damit umgehen kann. Ich gehe auch regelmässig zur Polizei und bringe einzelne Kommentare zur Anzeige. Das Land Berlin hat extra Anlaufstelle für LGBTQI-Menschen eingerichtet, dort fühle ich mich sicher und gut aufgehoben. Doch die meisten meiner Anzeigen sind bisher im Sande verlaufen.

Die Hasskommentare sind wie ein ständiges Hintergrundrauschen – und es bleibt nicht nur bei Worten: Ich bekam auch schon Besuch von sogenannten Trollen, die mich an meinem Arbeitsplatz aufsuchten. Das hat mich so belastet, dass ich mich schliesslich dazu entschieden habe, meinen Job zu kündigen. Was ich damit sagen möchte: Digitale Gewalt endet nicht in dem Moment, in dem man den Hassern die Tastatur wegnimmt. Ich werde nicht nur im Netz beschimpft. Menschen aus dem Netz schicken mir auch Pakete, senden E-Mails an meinen Arbeitgeber oder suchen mich an meinem Arbeitsplatz auf. Und obwohl ich die volle Unterstützung meines Chefs und meiner Kolleg*innen hatte, habe ich am Ende doch gekündigt.

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Wie mag es Menschen ergehen, die weniger privilegiert sind als ich? Die nicht zur Polizei gehen können? Oder keine Unterstützung in ihrem Job erhalten? Die Folge ist, dass viele politisch aktive oder marginalisierte Menschen im Netz verstummen und nach und nach verschwinden. Ich möchte aber nicht, dass das Internet irgendwann nur noch von schreienden weissen Männern dominiert wird – ich möchte, dass auch alle anderen Menschen sich weiterhin trauen, sichtbar zu sein.

Ein Problem ist, dass es schwer ist, gegen diesen Hass vorzugehen. Es gibt nur wenig spezialisierte Beratungsstellen und die Polizei bleibt oft untätig, weil sie hilflos und überfordert ist. Eine Lösung wäre es, Hass im Netz genauso hart zu bestrafen wie Beleidigungen ausserhalb des Netzes. Was ich mir auf jeden Fall wünsche: Dass wir durch eine öffentliche Diskussion endlich ein Bewusstsein dafür schaffen können, welche verheerenden Konsequenzen digitale Gewalt haben kann und wie wichtig es ist, gemeinsam Strukturen dagegen zu entwickeln und Hilfsangebote zu schaffen, um die Opfer zu schützen.

*Jeden Samstag veröffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar zu einem aktuellen Thema, das die LGBTIQ-Community bewegt. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.

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