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1 Jahr nach dem Terroranschlag in Wien: Gedenken an Gudrun

Vier Menschen starben am 2. November 2020

Wien
Foto: Veronika Reininger & Facebook

Am 2. November tötete ein mutmasslicher Islamist in Wien vier Menschen und verletzte viele andere. Ein Jahr ist nach dem Terroranschlag vergangen. Wir erinnern an Gudrun Schönbauer, ein Mitglied der Lesben*gruppe der HOSI Wien.

«Wir hoffen, dass all jene, die Gudrun lieben, durch den Besuch ihres Profils Trost finden. Erfahre mehr über das Festlegen eines Nachlasskontakts im Gedenkzustand auf Facebook», ist ein Jahr nach dem Attentat in Wien in der Social-Media-Community auf der Facebook-Seite von Gudrun Schönbauer zu lesen.

Hass kann nicht mit Hass beantwortet werden

So schreibt auch zum Beispiel Ewa Ernst-Dziedzic, die Nationalratsabgeordnete und LGBTIQ-Sprecherin der Grünen auf dieser Facebookseite am 6. November 2020 in ihrem Nachruf: «Hass kann jeden treffen. Hass kann töten. Hass kann nicht mit Hass beantwortet werden. Ein Schuss traf auch eine liebe Frau aus unserer LGBTIQ-Community. Sie war gerne mit Menschen unterwegs und an dem Abend zufällig in der Innenstadt. Gudrun war u.a. Teil der HOSI Wien Lesben*gruppe und nahm an den Resis.danse-Tanzabenden teil. Wir kannten sie als einen herzlichen und lebensfrohen Menschen. Betroffen gedenken wir Gudrun und möchten unser aufrichtiges Beileid gegenüber ihrer Lebenspartnerin, ihren Freund*innen und Familie aussprechen. Ein furchtbarer Verlust – Ruhe in Frieden Gudrun!»

Das ist eine schöne Aktion, auf diesem Weg die Verstorbenen, die plötzlich mitten aus ihrem Leben gerissen wurden, weiterhin gut in Erinnerung ihrer Lieben zu belassen. Viele ihrer Freund*innen sagen ihr auf diesem Weg mit Kommentaren, wie sehr sie sie lieben und vermissen, was auch für die Lebenden ein kleiner Trost sei, mit ihrem Verlust und ihrer Trauer umzugehen, sagt Karin Erhart. Sie ist Obfrau von dem Verein Resis.danse, der die Tanzworkshops im Vereinslokal von der Homosexuellen Initiative, HOSI-Wien, leitet. Resis.danse ist ein eigenständiger Verein, , jedoch seit Mitte der 1980ziger Jahre immer sehr eng mit dem Verein HOSI-Wien zusammen.


Karin Erhart kannte Gudrun schon fast 25 Jahre, kennengelernt in einem ausgelagerten Resis.danse-Workshop im Frauen*Mädchen*Lesbenzentrum (FZ) in Wien. Dort organisierten damals die Frauen*Lesben vom FZ diesen Tanzworkshop, weil viele Frauen*Lesben bei den wöchentlichen Tanzabenden am Freitag keine Zeit hatten dabei zu sein. Im FZ war Gudrun sehr engagiert, machte dort viele ehrenamtliche Bardienste und war eine gute Seele. Sie kam später sogar noch in das frühere HOSI-Vereinszentrum in die Novaragasse, im zweiten Wiener Gemeindebezirk, infolge auch ins Gugg, das seit dem Jahr 2005 aktuelles Vereinszentrum der HOSI-Wien ist. Sie traf dort ihre zahlreichen Freund*innen in gemütlicher Atmosphäre beim Feierabendbier, machte viele Tanz-Workshops, um als Hobbytänzerin leidenschaftlich zu tanzen. Gudrun war stets eine sehr zugängliche Frau.

Wien
Foto: Screenshot/Petra Paul

Was geschah seit dem 2. November 2020
Am zweiten November des Jahres 2020 passierte das unvorhergesehene und für viele immer noch fassungslose Attentat in Wien. Die überlebenden Menschen, besonders die betroffenen Angehörigen der Familie, Freund*innen und Arbeitskolleg*innen gedenken in Demut und schmerzvoll. Aber was passierte genau, an diesem Vorabend des zweiten Corona-Lockdowns vor einem Jahr in Wien?

Ein junger zwanzigjähriger Mann hatte gegen acht Uhr abends mitten in der Wiener Innenstadt wahllos in eine gut gefüllte Ansammlung von Menschen geschossen (MANNSCHAFT berichtete). Dabei hatte er auch vier Menschen tödlich getroffen, als diese wie viele andere vor Panik in verschiedene Richtungen versucht haben davon zu laufen. Infolge erfuhr auch Karin Erhart über die Medien von dieser Tragödie und erkannte dabei auch eine gute bekannte Freundin unter den tödlich verunglückten Attentat-Opfern. Der Schock sitzt immer noch sehr tief in ihren Gliedern, wie im Rahmen der Gespräche zu erfahren war. «So ein Attentat in diesem Ausmass in Wien gab es bisher auch noch nicht“, sagt Erhart, «so was darf auch nie wieder sein. Daher dürfen wir es niemals vergessen und müssen alle gemeinsam darauf achten“.


Die 44 Jahre junge Gudrun Schönbauer war Mitglied der HOSI-Wien-Lesben*gruppe. Sie war warmherzig, liebevoll und hatte stets ein offenes Ohr, um ihren Mitmenschen zuzuhören. Gudrun war auch ein humorvoller Mensch, mit der frau gut und gerne auch viele ernsthafte Themen über Politik, Gesundheit, Job oder was auch immer diskutieren konnte. Es war immer sehr spannend Gudrun zu treffen, und es war stets eine grosse Freude sie im Gugg anwesend zu sehen und zu erleben. Sie reiste gerne, stand unmittelbar vor ihrer Hochzeit mit ihrer langjährigen Lebenspartnerin, mit der sie davor noch eine grosse, teure, gemeinsame Wohnung in Wien neu bezogen hatte. Sie verbrachte gerne ihre Freizeit beim gemütlichen Feierabend-Bier mit ihren Freund*innen im Gugg, dem Vereinszentrum der HOSI-Wien beim wöchentlichen Resis.danse-Tanzabend. Es sei immer noch unfassbar, wie eine so liebevolle lesbische Frau und Mitglied der HOSI-Wien-Lesben*gruppe bei so einem tragischen Terroranschlag in Wien plötzlich unschuldig ums Leben gekommen ist, sagt Erhart.

An diesem warmen, lauen Abend im Spätherbst ging Gudrun nach Büroschluss mit ihren Arbeitskolleg*innen in der Nähe ihres Büros, nahe beim Schwedenplatz im zweiten Wiener Gemeindebezirk, etwas trinken. Infolge fielen die ersten Schüsse und sie dürfte zum grossen Bedauern in die falsche Richtung gelaufen sein. Diesen schrecklichen Vorfall des Attentats hat Erhart über die Medien erfahren und wurde von diversen Nachrichten via sms aus ihrem Freund*innenkreis mit Fragen, ob es «unsere Gudrun“ sei, darauf aufmerksam gemacht. Infolge habe sie es online wie auch von Gudruns Lebenspartnerin persönlich bestätigt bekommen

Zwei Tage nach diesem Ereignis ist sie selbst zum Tatort gefahren, um eine Kerze für Gudrun anzuzünden, aber ihr ging es dabei nicht gut, sagt die 57-jährige Obfrau des Vereins Resis.danse. In weiterer Folge habe sie intensiv die gesamten Recherchen und Ermittlungen der Polizei über diesen Vorfall medial verfolgt, was aber nicht zufriedenstellend informativ war. Das aufgezeichnete Interview mit Gudruns Schwester war ganz nett anzuhören, aber auch nicht sehr aussagekräftig, sagt Erhart. Schliesslich war sie eine sehr gute langjährige Freundin von Gudrun, dennoch erfuhr weder sie noch andere aus ihrem Freund*innenkreis etwas über eine öffentliche feierliche Verabschiedungszeremonie. Viele Wochen später haben sich infolge einige aus dem Umfeld der Freund*innen zusammengeschlossen, um trotz des Lockdowns während der Corona-Pandemie eine gemeinsame Verabschiedung für Gudrun zu machen.

Polizeiliche Ermittlungen und Waffenverbotsgesetz in Österreich
Der junge Attentäter wurde selbst von der Polizei nur wenige Stunden nach dem Attentat erschossen, jedoch die polizeilichen Ermittlungen seien weiterhin aktuell im Laufen, um den tragischen Vorfall lückenlos aufklären zu können. Erste Erkenntnis aus den Ermittlungen wurde in den Medien rasch bekannt, dieser Attentäter sei ein langjähriger Fundamentalist der Terrororganisation IS gewesen. Dieses IS-Regime sei selbstverständlich weltweit gut vernetzt, extrem gewaltbereit und lebensgefährlich. Dennoch stellt sich die Frage, ob es so einfach zu erklären ist, das IS-Regime sei alleine Schuld an dem Attentat, sagt Erhart.

Schliesslich gibt es ein strenges gültiges Waffenverbotsgesetz in Österreich nach Paragraph § 17, vom Stand 1996, jedoch laufen immer noch viel zu viele im Alltag mit Messern in der Hosentasche herum, und auch zu viel häusliche Gewalt wird im Alltag ausgeübt. Besonders in dieser Zeit der Corona-Pandemie rutschen zu viele junge Menschen in das gewaltbereite rechtsextreme politische Milieu ab, was für eine gewaltfreie, friedliche Gesellschaft nur kontraproduktiv sei, um solche Attentate in Zukunft zu verhindern, sagt Erhart. Denn gewaltfrei zu leben beginne zum Teil schon im Elternhaus, aber auch im Zeitalter der Digitalisierung beim Anwenden der Kommunikationsmittel im Internet. So zum Beispiel TikTok oder Instagram. Anstatt von Bildern werden kurze, selbstgedrehte Videos mit Musik untermalt. TikTok sei besonders bei den Jugendlichen ein beliebtes Kommunikationsmittel, was auch bezüglich Gewalt gefährlich sei, sagt Erhart. Denn im Zeitalter der Digitalisierung mit verschiedenen Computerspielen, wie auch beim Autofahrrennen unter anderem werde ebenfalls Gewalt ausgeübt. Daher sollte hier ebenso konsequent angesetzt werden, um weitere gewaltbereite Aktionen und Computerspiele wie auch solche Attentate in Zukunft zu verhindern.

Unverständlich, dass niemandem in der Wiener Innenstadt aufgefallen ist, wie ein junger Attentäter mit einer scharfen Schusswaffe herum gelaufen ist.

Denn dieser Gesetzesparagraph sagt unter anderem aus, dass laut Paragraph 17, Absatz 1, Punkt 1, der Erwerb, die Einfuhr, der Besitz, das Überlassen und das Führen von Waffen, deren Form geeignet ist, einen anderen Gegenstand vorzutäuschen, oder die mit Gegenständen des täglichen Gebrauches verkleidet sind, verboten sind. Infolge sei der Besitz einer scharfen Waffe in Österreich offiziell illegal. Umso unverständlicher sei es, dass niemandem damals in der Wiener Innenstadt aufgefallen sei, wie ein junger Attentäter mit einer scharfen Schusswaffe herum gelaufen ist. Vielmehr müsste mit mehr Zivilcourage daran appelliert werden, einmal mehr die Polizei zu kontaktieren, bevor es zu spät ist. Aber auch die Polizei hätte selbst beim kleinsten Verdacht rascher handeln müssen, um verdächtigte Personen rechtzeitig zu überprüfen und ihnen die Schusswaffe abzunehmen, sagt Erhart.

Gedenkstein für die vier Attentat-Opfer
Im Februar dieses Jahres 2021 gab es zumindest auch eine öffentliche Gedenkfeier seitens der Stadt Wien für alle vier Attentat-Opfer. Dabei wurde auch ein Gedenkstein aufgestellt und mit den persönlichen Namen der vier Attentat-Opfer auf einer Gedenktafel aufgelistet am Ort des Tatorts feierlich enthüllt. Aber knapp ein Jahr danach sei mit Ende Oktober noch kein weiterer gemeinsamer Gedenkbesuch beim Tatort geplant, doch die wenigen

Tage bis zum zweiten November 2021 seien zu knapp, um noch etwas dafür zu organisieren. Trotz andere katastrophale Ereignisse in Österreich in diesem Jahr, wie zum Beispiel aktuell der grosse Waldbrand auf der Rax, so gab es vorher noch nie so ein Attentat in diesem Ausmass mitten in der Grossstadt Wien. Deshalb sollte der Gedenktag an diese vier Attentat-Opfer auch in den Medien stärker sichtbar sein. Vermutlich seien vor allem jene wie Familie und Lebenspartnerin, die den Attentat-Opfern am nächsten stehen, verständlicherweise noch zu sehr mit ihrer Trauer beschäftigt, um eine grosse Trauerfeier zu organisieren. Vielleicht brauche es dafür aber noch ein oder sogar drei weitere Jahre Zeit. Schliesslich sei ein Jahr Trauerarbeit nicht sehr lang und der Schmerz des Verlustes zu gross. Nur zu viel Zeit sollte dafür nicht vergehen, sagt Erhart.

Tanzabend zu Ehren für Gudrun
Unter dem Motto: «Wir gedenken an Gudrun», mit einpaar einleitenden Worten, einer Schweigeminute und einem besonderen Tanz, wie zum Beispiel Cha-Cha-Cha, der Gudrun gewidmet werde, könne sich Erhart auch gut vorstellen für den nächsten Resis.danse-Tanzabend in der HOSI-Wien am Freitag, den fünften November 2021, zu Ehren für Gudrun und stellvertretend für alle diese Attentat-Opfer zu organisieren, sagt Erhart. Auch wenn Gudrun alle Tänze gut tanzen konnte, so habe sie Cha-Cha-Cha besonders gerne als humorvolle Hobbytänzerin getanzt.

Und so sieht, ein Jahr danach November 2021, das Gedenken an die vier tödlich verunglückten Opfer vom Attentat am zweiten November 2020 in Wien beim Desider-Friedmann-Platz, in der Nähe des Schwedenplatzes, aktuell zwei Tage vor dem einjährigen Todestag aus. Nur leider war die besagte Gedenktafel mit dem namentlich aufgelisteten Attentat-Opfer nicht mehr vor Ort zu sehen.


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