in

Nakhane: «Seit ich 4 bin, beschimpft man mich als Schwuchtel»

Trotz Morddrohungen und Beschimpfungen lässt sich Nakhane nicht unterkriegen. (Foto: Terryn Hatchett)

Am Tag, als die Oscarnominierungen bekannt gegeben worden, ging es mit den Drohungen wieder los. Anlass war das südafrikanische Drama «Die Wunde», das im vergangenen Jahr das Panorama-­Hauptprogramm der Berlinale eröffnete und nun fast als bester ausländischer Film nominiert worden wäre. Es kam anders, und Hauptdarsteller Nakhane nimmt es leicht. «Klar wäre eine Oscarnominierung toll gewesen, aber man macht Filme doch nicht für die Preise.»

Vor allem heterosexuelle Xhosa-Männer sind wütend, weil sie sich betrogen fühlen, von ihm und dem Film.

Schon bei der Veröffentlichung des Films über eine schwule Dreiecksgeschichte wurde sein Leben bedroht. «Nimm Dir einen Strick oder eine Überdosis. Du wirst morgen nicht überleben», gehörte zu den Hasskommentaren in den Sozialen Netzwerken. Der Film befasst sich mit zwei Tabuthemen: Neben homosexueller Liebe ist es das traditionelle Beschneidungsritual Ukwaluka, das in der südafrikanischen Provinz Ostkap zur Initiation junger Männer des Volks der Xhosa dient.

Werbung

Erschüttert durch erste Morddrohungen
Die Aufregung hatte sich nach ein paar Wochen gelegt. «Im Zeitalter der Sozialen Medien steigert sich etwas in kurzer Zeit hoch, dann beruhigt es sich wieder, und die Leute suchen sich ein neues Thema», sagt der heute 30-Jährige, der beim ersten Mal erschüttert war angesichts der Drohungen. Dieses Mal, als im Rahmen der Oscar-Nominierung wieder über den Film berichtet und gesprochen wurde, registrierte er die Bedrohungen nüchtern. «Ich dachte mir: Ja, das habt Ihr letztes Jahr auch schon gesagt. Es bedeutet nichts. Sie nennen mich Schwuchtel. Seit ich 4 bin, beschimpft man mich als Schwuchtel. Glaubt Ihr, das berührt mich noch? Lasst Euch was Neues einfallen!»

Vor allem heterosexuelle Xhosa-Männer sind wütend, weil sie sich betrogen fühlen, von ihm und dem Film. Nicht dass ihm die Drohungen gar nichts ausmachen würden. «Wo ich herkomme, ist man sehr leidenschaftlich», erzählt Nakhane, selbst ein Xhosa – sie bilden nach den Zulu die zweitgrösste ethnische Gruppe in Südafrika. «Wenn man sich auf etwas eingeschossen hat, dann ist man richtig dabei. Ich verstehe das, ich bin genau so. Es wäre dumm, die Drohungen leichtfertig abzutun.»

Als Eremit verlässt er kaum das Haus 
Direkte, persönliche Hassgewalt hat er noch nicht erlebt. Vielleicht weil er ein Eremit ist und nur selten das Haus verlässt, vermutet er; auch öffentliche Verkehrsmittel meidet er in Südafrika immer. «Wenn Du oft genug von Leuten hörst, dass sie dich umbringen wollen, kannst Du nicht anders, als eine Paranoia zu entwickeln.»

Werbung

Wenn aus Jungs Männer werden: Der Film «Die Wunde» knackt zwei Tabus – das Beschneidungsritual der Xhosa und Homosexualität. (Bild: zvg)

Eines kommt für ihn aber nicht in Frage: sich verstecken oder zurückzunehmen. Das Video zu seinem Song «Clairvoyant» ist ein klare Bekenntnis zu gleichgeschlechtlicher Liebe, die in vielen Teilen Südafrikas immer noch geächtet wird. Es handelt sich um die Vorab-­Single zu seinem neuen Album, das im März erschient und den passendenden Namen «You will not die» trägt. Elf wundervolle Songs, meist getragener melancholischer Soul, der mit elektronischen Elemente experimentiert und afrikanische Einflüsse und Gospel vereint.

Die Begegnung mit dem Sänger, Schauspieler und Schriftsteller ist eindrucksvoll. Er ist ungewöhnlich offen, gibt sich mal philosophisch, mal kämpferisch, um im nächsten Moment den Clown herauszukehren.

Zu nachdenklich für Gute-Laune-Musik 
«Ich denke zu viel nach», gibt Nakhane zu. «Manchmal will ich einfach nur raus aus meinem Kopf, aber ich weiss nicht wie.» Er würde durchaus gerne mal ein Upbeat-Album machen, erzählt er, darüber dass das Leben schön ist. «Aber ich finde dafür nicht so recht die Worte», sagt er lachend und fügt hinzu: «Leonard Cohen ist es nie gelungen.»

Gute-Laune-Musik mit banalen Gute-Laune-Texten gibt es ohnehin genug, und für alles andere – persönliche Dramen, Religion, Homophobie – findet das Multitalent immer ausreichend Worte, ob in seinen Songs oder in seinen Büchern. Es ist gar nicht so lange her, da glaubte er noch, gegen sein Schwulsein anbeten zu können. Baptisten hatten ihm eingeredet, dass er sonst in die Hölle käme.

Er bat Gott um Vergebung für sein Schwulsein
«Ich dachte wirklich, ich könnte mein Schwulsein überwinden. Ich bin allerdings weiter in schwule Clubs gegangen und sass am Sonntag in der Kirche und bat um Vergebung. Und versprach, es nicht wieder zu tun. Aber wenn mich ein paar Wochen später ein Freund fragte, ob ich zu einer bestimmten Party mitkommen wollte, ging ich natürlich mit. Es war ein Kampf zwischen dem was ich glaubte, und dem, was ich tatsächlich tat und wie ich lebte.»

Ich bin in schwule Clubs gegangen und sass sonntags in der Kirche und bat um Vergebung.»

Der Wendepunkt kam vor fünf Jahren. Das Geschäft seines Vaters ging bankrott, Nakhane wurde obdachlos. Eine Zeitlang schlief er bei Freunden, mal hier, mal dort. Die Kirche war in dieser schwierigen Zeit nicht für ihn da, wohl aber seine «dämonischen schwulen Freunde», vor denen die Kirche ihn gewarnt hatte. Es war eine schwere Zeit für ihn; eine Zeitlang dachte er, er käme wirklich in die Hölle. Irgendwann lernte er seine neue Freiheit schätzen und ersetzte die Kirche durch die Beziehung mit einem Mann, mit dem er heute noch zusammen ist.

Die Bibel hat er noch. Ab und zu liest er gerne darin, aber sie hat nicht mehr die Macht, ihn erzittern zu lassen. Er hat den nötigen Abstand. «Als wir umzogen und Kisten packten, fragte mich eine Freundin, die uns half: ‹Wohin mit der Bibel?› Und ich sagte: ‹Pack sie zu den anderen Märchenbüchern!›»

Touren bis zum Umfallen
Seit kurzem wohnt er mit seinem Freund, einem Briten, in London. Dort wird man ihn aber wohl erstmal nur selten sehen. Er will touren und Konzerte geben, «bis ich umfalle». Mit dem ersten Album ging das nicht, es gab damals keine Infrastruktur für ihn in Südafrika. Auch am nächsten Buch arbeitet er schon. Das funktioniert aber nicht recht, wenn er und sein Mann zusammenleben. Darum zieht er für ein paar Wochen oder Monate aus und mietet sich ein abgeschiedenes Häuschen. Sein Freund darf ihn dann am Wochenende besuchen.

Seit kurzem lebt Nakhane mit seinem Freund in London. (Foto: Terryn Hatchett)

«Wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, will er Aufmerksamkeit. Klar will er das. Sonst würde man in einer Beziehung auseinanderfallen.» Die räumliche Trennung auf Zeit stösst bei seinem Partner auf wenig Begeisterung. Geht aber nicht anders, sagt Nakhane.

«Ich mache dann Spass und sage zu ihm: ‹Willst du einen Hund haben? Du willst doch das Haus? Also – dann lass mich arbeiten.› Beziehungen sind hart, aber wir kriegen das gut hin. Wir lernen die Sprache des anderen kennen. Aber es wird nie einfacher.»

2013 veröffentlichte Nakhane Touré auf einem kleinen Independent-Label sein erstes Album «Brave Confusion», das den South African Music Award in der Kategorie Best Alternative Album erhielt. Danach erschien sein erster Roman «Piggy Boy’s Blues», und er drehte den oscarverdächtigen Film «Die Wunde». Am 16. März erschien sein zweites Album «You will not die» (BMG). Das Musikvideo zu „Clairvoyant“ ist ein mutiges Bekenntnis zur gleichgeschlechtlichen Liebe, die in vielen Teilen Südafrikas immer noch geächtet wird.

Kriss Rudolph

Geschrieben von

Kriss Rudolph lebt mit seinem Hund Mompa in Berlin. Bei MANNSCHAFT ist er als Online-CvD und als Chefredakteur der deutschen Print-Ausgabe tätig.

«Let’s Talk About Sex And Drugs»

Ananas für alle Fälle